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Polen : Kurze Wege zwischen Musik und Politik

  • -Aktualisiert am

Auch Elzbieta Penderecka hat inzwischen erkennen müssen, daß ihre Entscheidung für Warschau in vielerlei Hinsicht unumkehrbar ist. Sie hat ein Zeichen gesetzt, gegen Krakau, die Stadt des Geistes, für die Hauptstadt, die so gerne auch Kulturmetropole wäre. Immerhin klingt ihre Bilanz imponierend: Fünfundzwanzig Theater zählt die Stadt, in der heute reichlich anderthalb Millionen Menschen leben. Es gibt in Warschau sechzig Museen, Dutzende Kinos und Kunstgalerien. Auch die musikalischen Gewichte wiegen dort schwer. Alle fünf Jahre findet der weltweit ausstrahlende Chopin-Klavierwettbewerb statt, seit Ende der fünfziger Jahre das Festival "Warschauer Herbst" für zeitgenössische Musik, veranstaltet vom polnischen Komponistenverband. Die Stadt hat Mozart-Festspiele, ein Festival für Alte Musik und eine lebendige Jazzszene. Die Litfaßsäulen sind vollgeklebt mit Ankündigungen von Gastspielen aus dem internationalen Rockzirkus. Daneben nahmen sich in diesen sonnigen, klirrend kalten Frühlingstagen die Plakate eher unauffällig aus, auf denen Beethoven mit ernster Miene aus einem Gitterwerk blauer Punkte blickte.

Nach seinem Auszug aus Krakau blieb dem Festival nicht viel Zeit zur Vorbereitung in Warschau. Dafür war die Präsenz der Beethoven-Bilder auf Transparenten und Broschüren im Stadtbild denn doch eindrucksvoll. Als Elzbieta Penderecka mit ihrer vom Werk des Komponisten abgeleiteten Vorstellung musikalischer Menschheitsverbrüderung eintraf, erfuhr sie jenseits der Lokalpolitik nicht nur Zustimmung. Auch andere Festivalveranstalter müssen in Warschau um ihre Existenz bangen. Immerhin zeigte sich die Stadt auf Anhieb großzügig und brachte vierzig Prozent des Etats auf, der nicht mehr als eine Million Euro umfaßt. Das erscheint wenig für achtzehn Konzerte mit international bewährter Besetzung. Die meisten von ihnen standen unter Schirmherrschaft jeweils einer der in Warschau vertretenen europäischen Botschaften.

Kotau vor der Politik

Der musikalisch verhüllte Kotau vor der Politik führte zu kuriosen Programmfügungen, die jedoch in aller Regel durch eigene künstlerische Logik überzeugten: als Teil eines imaginierten Begriffs vom europäischen Ganzen. Barry Douglas etwa, der irische Pianist und Dirigent, machte bei zwei Gelegenheiten Beethoven mit anderen Komponisten bekannt: die Hammerklavier-Sonate mit Mussorgskys Originalversion der "Bilder einer Ausstellung" sowie das zweite Klavierkonzert und die siebte Symphonie mit einem Nocturne des irischen Zeitgenossen John Kinsella und der klagenden Streicherserenade Pendereckis. Alle verstanden sich gut miteinander. Irland hält zur Zeit die Präsidentschaft in der Europäischen Union, so wurde Douglas zum "artist in residence" des Festivals. Und kürzere Wege zwischen den Inszenierungen von Politik und Musik als bei dieser Beethoven-Lese kann es kaum anderswo geben.

So trafen während eines überlangen Abends in der monumentalen Warschauer Oper Mahlers "Lieder eines fahrenden Gesellen", in ansprechend verdunkeltem Ton vorgetragen von der jungen Berliner Mezzosopranistin Stella Doufexis, auf Dvoráks Cellokonzert (Solist: Frans Helmerson, der aus Schweden stammt und in Bonn lebt) und auf die Symphonie fantastique von Berlioz: in fulminanter Besetzung (sechs Harfen!) und luxuriös musiziert vom Radio-Symphonieorchester Kattowitz, das unter der Leitung seines Chefdirigenten Gabriel Chmura überwältigenden Reichtum an Farbkonstrasten demonstrierte. Vor diesem Eindruck verblaßte eine andere Episode, die gezeigt hatte, was Musik passieren kann, wenn sie sich einläßt auf die Banalität des Lebens - in Warschau oder anderswo. Da feierten tags zuvor die Repräsentanten des polnischen Unternehmerverbands dessen fünfjähriges Bestehen im scharf bewachten Teatre Polski mit solchem Enthusiasmus, daß für die nachfolgende musikalische Darbietung, von den Unternehmern finanziert, nicht mehr viel Aufmerksamkeit übrigblieb. Der Geiger Gidon Kremer und sein junges Ensemble "Kremerata Baltica" mühten sich sichtlich, doch gegen den schweren, braunen Vorhang, der ihre Hälfte der Drehbühne begrenzte und auch den Abend gleichsam in zwei Hälften teilte, hatte ihre Musik - originelle Bearbeitungen von Schubert und Schumann - nicht den Hauch einer Chance. Es gelang nicht jedem europäischen Abend dieses Festivals in Warschau, aus sich selbst heraus ein Glücksfall zu werden.

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