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Polen : Kurze Wege zwischen Musik und Politik

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Wer sich mit der Warschauer Mentalität beschäftigt, wird bei der Rückwärtsbewegung schnell an eine Grenze stoßen. Der Zweite Weltkrieg hinterließ die Hauptstadt am Boden zerstört. Achtzig Prozent ihres architektonischen Bestands waren dahin, die Bevölkerung tot oder vertrieben. Diese Wunde in der jüngeren polnischen Geschichte ist bis heute nicht verheilt, auch wenn die Lücken im Stadtbild Warschaus inzwischen geschlossen sind - mit größeren und schöneren Gebäuden als je zuvor. Nach dem Krieg wurde die Stadt auf Stalins Befehl schnell und ganz und gar neu errichtet - und von außen neu bevölkert. Das heutige Warschau ist genaugenommen erst fünfzig Jahre alt, auch wenn die Wurzeln der Stadt bis zurück ins dreizehnte Jahrhundert reichen. Eigenartiges Beispiel der ungeheuren Anstrengung, sich der eigenen Geschichte im Rückwärtstasten zu versichern, ist die Altstadt. Sie wurde in den fünfziger Jahren wiedererrichtet - Stein für Stein, als sei sie nie zerstört worden. Sogar die Patina der Gebäude ist gleichsam miteingebaut. 1980 wurde das Ensemble in die Schutzliste der Unesco für das Kulturerbe der Welt aufgenommen: als einzige Nachschöpfung eines verlorenen Originals weltweit.

Vielleicht liegt es auch an der Unsicherheit der Menschen in Warschau über das, was geblieben ist und was bleiben wird, daß ihre Politiker das Krakauer Beethoven-Festival mit ausgebreiteten Armen aufnahmen. Beim Eröffnungskonzert in der Philharmonie trat der Bürgermeister Warschaus ans Mikrophon und sprach mit bebender Stimme davon, daß an diesem Abend eine neue Tradition begründet werde: Das Beethoven-Festival beginne ganz eigentlich erst mit seiner achten Ausgabe in Warschau.

Ein Konzert als Staatsakt

Inszeniert war das Konzert wie ein Staatsakt. Vor dem Gebäude patrouillierten finster blickende Muskelmänner mit Plastikknopf im Ohr und Ausbuchtungen unterm Jackett. Im Foyer wurde das Publikum wie auf dem Flughafen durch eine elektronische Durchleuchtungsanlage geschleust, dahinter gleißten die Lampen der Fernsehkameras. Unter den Ehrengästen fanden sich der polnische Premierminister, der Kulturminister und das fast vollständige diplomatische Korps. Das war nicht zufällig so, denn das Motto des Festivals lautete den politischen Zeitströmungen entsprechend: "Beethoven und die Musik der europäischen Nationen". Dort, wohin das Licht an diesem Abend in der Philharmonie nicht unmittelbar fiel, herrschte indes die anrührende Normalität polnischen Konzertalltags. An den Buffets standen Zuhörer in Abendgarderobe geduldig an, um für ein paar Zloty eine Tasse Tee zu erwerben oder ein einzelnes Stück Konfekt.

Der große Saal blieb halb leer - der Sicherheit wegen, wie es später hieß. Deshalb waren auch keine der sonst üblichen Stehplätze verkauft worden. Der Selbstgewißheit des Abends tat das keinen Abbruch. Hinter einem Wall aus Frühlingsblumen trieb James Conlon einen berückend elastischen Klangkörper aus internationalen Gesangssolisten, dem Chor der Philharmonie und dem Radio-Symphonieorchester aus Kattowitz durch Beethovens neunte Symphonie. Es wurde eine gänzlich unpathetische Deutung, fast ein wenig wie im Vorübereilen, als gelte es, mittels der Musik den großen Worten nachträglich ihre Beschwernis zu nehmen: eine Darstellung, die ermutigend klang.

Fünfundzwanzig Theater, sechzig Museen

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