https://www.faz.net/-gqz-9ej2u

Premiere bei der Ruhrtriennale : Der Präsident ist nicht zu sprechen

Ach, wohin soll nur mein Lachen gehen: Robert M. Johanson in „No President. A story ballet of enlightenment in two immoral acts“ Bild: Nature Theater of Oklahoma

Geschlechtsteile aus Kinderspielzeug, arbeitslose Balletttänzer und viel lautmalerische Wirkung: „No President“ vom Nature Theater of Oklahoma bei der Ruhrtriennale zeigt ein Meisterstück an Virtuosität.

          Wenn der Präsident sich in die Badewanne fallen lässt, macht es platsch. Nicht wie im Badezimmer bei unsereinem oder bei Trump im Weißen Haus, sondern markanter. In der Wanne ist ja gar kein Wasser, dort sind nur Plastikfolien, die wie Wasser aussehen. Auch wenn sie gar nicht wie Wasser aussehen. Sie sind nur ein billiges Requisit, von dem wir wissen, dass es wie Wasser aussehen soll. Auch wenn das gar nicht nötig ist. Jedenfalls kann das Wassersurrogat kein Platsch erzeugen. Das Platsch kommt vom Band. Und das ist nicht weiter bemerkenswert, denn wir sind im Theater. Einem Theater im Theater sogar oder jedenfalls beim Theaterfestival. In die Maschinenhalle Zweckel in Gladbeck hat das Nature Theater of Oklahoma, eine Performance-Gruppe aus New York, eine altmodische Bühne mit rotem Samtvorhang gebaut, um bei der Ruhrtriennale „No President“ aufzuführen, ein „aufklärendes Handlungsballett in zwei unmoralischen Akten“.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Das Platsch ist voll und satt, gewinnt dem ephemeren Moment des Verspritzens von simuliertem Wasser ein Maximum an lautmalerischer Wirkung ab. Es klingt täuschend echt – und deshalb wieder unecht, denn man hört die Täuschungsabsicht mit. Sie wird ausgestellt, indem der Ton aufgedreht wird. Aber diese Übertreibung bleibt diskret, beinahe leise. Das Platsch ist nicht plump. Man bewundert die Hingabe, die auf die Erzeugung eines realistischen Effekts verwendet wird. Sinnloserweise: Denn wie sollte das Publikum die Handlung dieses Balletts für ein wirkliches Geschehen halten, die Geschichte von den arbeitslosen Künstlern, die bei einer Wachfirma angeheuert haben und in einem Museum einen Vorhang hüten, hinter dem sich das wertvollste Besitztum eines Privatsammlers verbergen soll, weshalb eine konkurrierende Sicherheitsfirma ihnen den Auftrag abjagen will, eine Compagnie arbeitsloser Balletttänzer – oder die in diese Krimirahmenhandlung eingelegte Liebesgeschichte der beiden Wachmänner, die unsterblich in dieselbe Frau verliebt zu sein meinen, die Oberaufseherin und Trainerin der Truppe, die zudem noch die Gattin des Chefs ist, so dass die eingebildeten Liebestollen permanent ihre Jobsicherheit aufs Spiel setzen, was gar nicht nötig wäre, weil sie in Wahrheit am liebsten ihre Zeit miteinander verbringen?

          Meisterstück an Virtuosität

          Dieses ebenso verwickelte wie triviale Geschehen wird pantomimisch dargeboten, in der Zeichensprache des Stummfilms, die jede Pathosformel ausbuchstabiert, und wird gleichzeitig fortlaufend kommentiert, von einem Erzähler auf der Bühne, welcher der einzige Darsteller ist, der an diesem Abend ein Wort sagt. Eines? Wir möchten lieber nicht wissen, wie viele Wörter Robert M. Johanson auswendig lernen musste. Er redet zwei Stunden und zwanzig Minuten lang ununterbrochen, und diese Gedächtnis-, aber auch Atemleistung ist, um den Erzähler selbst zu zitieren, eine „bravura tour de force performance“, Meisterstück einer Virtuosität, die sprachlos macht.

          Hand und Hand ins Paradies: Zwei Performer des „Nature Theater of Oklahoma“ bei Ihrer Uraufführung von „No President“ im Rahmen der Ruhrtriennale

          Immer wenn auf der Bühne etwas stürzt, bricht oder reißt, hat das vom Band eingespielte Geräusch die Plastizität des Platsch. Slapstick wird als Hyperpräzisionsarbeit exponiert, der fingierte Stummfilm wäre nicht perfekt ohne die Legende einer aufwendigen Nachsynchronisation. An dieses Detail der Machart könnte man nun eine weitläufige Interpretation knüpfen. Was möchte uns die selbstbezügliche Tüftelei, die mit so viel Liebe zu den eigenen beschränkten Kunstmitteln gemacht ist wie ein Modell des Kölner Doms aus Münzen oder ein Buch von Peter Sloterdijk, über das Theater sagen? Wir haben es mit Theaterstückwerk zu tun: Alles ist zusammengesetzt. Und montieren nicht auch die Illusionsmaschinen der anderen Künste Versatzstücke, die nie aus dem Leben entwendet sind, sondern im Fundus herumliegen? So sind die Geschlechtsteile der mit Leidenschaft geschlagenen verhinderten Künstler hier angestückte Kinderspielzeuge. Und so ist der Monolog des Kinoerzählers eine Collage aus ästhetischen, politischen und sozialkritischen Klischees, in jenem amerikanischen Sound unbeirrbarer Sachlichkeit à la CNN oder „New York Times“, mit dem die Welt die unaufdringliche Anmaßung imperialer Allwissenheit assoziiert. (Wäre die Suada für den Vortrag Wort für Wort ins Leitartikeldeutsche übersetzt worden, wäre dem Kritiker womöglich das Lachen im Halse steckengeblieben – was den ganzen Abend über trotz extensiver Szenen von Kannibalismus nicht geschehen ist.)

          Ganz wörtlich gemeint

          „No President“: Das muss man heute als Anspielung auf Trump verstehen, und tatsächlich kann man den zweiten Akt als Satire lesen, wenn der durch Liebeswahn unaufmerksame erste Wachmann in autosuggestiv produziertem Ressentiment die Macht in der Firma an sich reißt. Aber wenn der Erzähler dann den Satz spricht: „Governing is not a science, it is an art form“, als wäre das ein neuer Gedanke und kein Tischredenklassiker, mit dessen Zinserträgen Niall Ferguson seine Jahreskarte des Jungsclubs von Stanford bezahlt, macht es sozusagen platsch – und ins Wasser fällt mit Trump auch die Trump-Kritik, die ihm mit Geschmacksurteilen beikommen will, sowie alle engagierte Kunst, die den Kategorienfehler von der Kunstform des Regierens spiegelbildlich reproduziert, indem sie sich zum Mitregieren berufen glaubt. „No President“ ist vielleicht doch wörtlich gemeint: Hier spielt der Präsident keine Rolle.

          Könnten wir das Ganze noch einmal hören und sehen (wozu vom 28. September an im Düsseldorfer Schauspielhaus Gelegenheit ist), entdeckten wir vielleicht auch, dass der Erzähler uns unsere oben hingeworfene Interpretation vom Gemachten schon aus dem Mund genommen hat. Ihm verdanken wir ja erst die groteske Selbstüberbietungsformel von der Tour de force, die auch noch ein Bravourstück sein soll. Aber diese Formel ist die reine Wahrheit über dieses göttlich verspielte Spiel.

          Weitere Themen

          Transformers wird gerettet Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Bumblebee“ : Transformers wird gerettet

          Wer bisher kein Fan von den Transformers-Filmen war, sollte sich „Bumblebee“ trotzdem nicht entgehen lassen. Wie Charlie Watson gespielt von Heilee Steinfeld zusammen mit dem gelben Käfer die Reihe rettet, erklärt Dietmar Dath.

          „Bumblebee“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Bumblebee“

          Am 20. Dezember kommt der Prequel des 2007 Transformers „Bumblebee“ in die deutschen Kinos. Im Mittelpunkt steht der gleichnamige Transformers-Charakter.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.