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„Platée“ an der Semperoper : Das hässliche Nymphlein

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Der für die Spektakel aufgebotene Bühnenzauber in der Semperoper ist enorm. Bild: Ludwig Olah

Ein Feuerwerk ohne Stillstand: Rolando Villazón füllt an Barockoper „Platée“ von Jean-Philippe Rameau mit Leben. Aber warum wird die ohnehin geächtete Platée als Außenseiterin vorgeführt?

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          Opern inszenieren kann er, Bücher schreiben, Karikaturen zeichnen, im Fernsehen moderieren, aber albern kann er auch. Und zwar mit Hintersinn. Das hat Rolando Villazón – im Erstberuf Tenor – in seinen Romanen „Kunststücke“ und „Lebenskünstler“ bewiesen, nun auch an der Semperoper in Dresden, wo er die Barockoper „Platée“ von Jean-Philippe Rameau mit Leben erfüllt.

          Stillstand gibt es in seiner Inszenierung nämlich nicht. Das 1745 in Versailles uraufgeführte Stück ist in Wahrheit ein Ballet bouffon, eine Ballettkomödie. Also sorgt Villazón in seiner sechsten Regiearbeit gemeinsam mit dem Choreographen Philippe Giraudeau für ein stetes Feuerwerk, das selbst auf den Nebenschauplätzen in Harald Thors Bühnenbild flirrende Bewegungen hervorbringt. „Platée“, ursprünglich als freches Spiegelbild zum königlichen Hochzeitsfest herausgekommen, bietet auch glänzende Vorlagen dafür. Denn weder in der mythologischen Götterwelt um Jupiter noch in den sumpfigen Gefilden der Nymphe Platée geht es allzu entspannt zu. Der Göttervater, ein Draufgänger, hat wegen ständiger Eskapaden gut zu tun, mit seiner stets eifersüchtigen Göttergattin Junon (französisch für „Juno“) klarzukommen, und das eigenwillige Titelwesen zaubert sich eine eigene Welt im Morast, wo es sich für überaus liebenswert hält. Der Legende nach soll die Nymphe Platée aber von enormer Hässlichkeit gewesen sein. Was letzten Endes auch Junon von Jupiters Treue überzeugt, denn mit solch einem Scheusal wird er sie schon nicht betrügen. Um bis zu dieser Konfliktlösung zu kommen, muss Götterbote Mercure mit allerlei Kollegen, Halbgöttern und Mänaden aber erst einmal eine Scheinehe vorbereiten, auf die sich nur Platée aufrichtig freut.

          Titelpart der Nymphe für einen Mann geschrieben

          Eine krude Geschichte, die schon am französischen Hof nicht mehr provoziert hat – was hat die nun im Heute zu suchen? Denn genau dorthin überführt Villazón sie in Dresden, nämlich in eine Art Mensa aus grauem Beton, wo Studiosi in biederen Uniformen einander necken. Dahinter prangt eine mediterran wirkende Hochhauskulisse, die mal der Sumpflandschaft weicht, sich dann für ein Theater im Theater öffnet und auch ein einziger Rummelplatz wird.

          Bereits als Stückvorlage hinterlässt „Platée“ zahlreiche Fragen, denn schon Rameau hat den Titelpart der Nymphe für einen Mann geschrieben. Der wird nun von der Kostümbildnerin Susanne Hubrich in einen Faltenrock gesteckt, mit giftgrüner Haarpracht versehen und lässt sich am liebsten von einer Horde hübscher Komparsen begleiten, die wuschelkuschelig von der Muppet-Show und der Sesamstraße inspiriert zu sein scheinen.

          Von nun an wird die Komödie zunehmend mit Fragezeichen durchsetzt. Ist es tatsächlich die Absicht der Regie, Platée als Außenseiterin vorzuführen, die Travestie des historischen Originals dann aber doch unkommentiert abzubilden? Dass sich die Nymphe ihrer Naivität nicht bewusst wird, leuchtet ein. Warum aber muss sie vor zwei Toilettenhäuschen hin- und herspringen? Wird sie von ihrer Mitwelt weder als Männlein noch als Weiblein akzeptiert?

          Farbenprächtiger Kosmos aus Klängen und Melodien

          Der für diese Spektakel aufgebotene Bühnenzauber allerdings ist enorm. Mercure fährt mal im Rollstuhl aus dem Bühnenhimmel, mal im Laufrad, per Roller und auf Skiern durch die Szene, für den Hochzeitszirkus werden Bühnen auf die Bühne gezimmert, in vorgeblich falsche Position gebracht und noch mal gedreht, kommt ein Schießstand neben einem gewaltigen „Hau den Lukas“ ins Bild – ein bunter Mix mit Zitaten aus Antike, Voodoo und zeitlos überbordender Phantasie.

          Ähnlich einfallsreich wie Villazón und sein Team ist freilich schon die Musik von Rameau, ein farbenprächtiger Kosmos aus Klängen und Melodien, der alles Mögliche an Deutungen aufkommen lässt, nur nie Langeweile. Unter der musikalischen Leitung von Paul Agnew, der sich lange Jahre als Sänger selbst der Platée-Partie und später mit Barockensembles wie Les Arts Florissants dem Werk Rameaus gewidmet hatte, erweist sich die Sächsische Staatskapelle auch im Barockmetier als sattelfest. Von diesen beiden hier nun nicht singenden Tenören charmant geführt, kann sich Philippe Talbot in der Titelrolle ganz pikant entfalten und ist für das hässliche Nymphlein eigentlich viel zu schön, sowohl stimmlich mit seinem breiten Spektrum an Kolorit als auch spielerisch zwischen sumpfig-plump, kokett und überzeugend feminin.

          Von der Regie hätte just sein Part durchaus mehr Tiefgang verdient, denn vorgeführt – und somit missbraucht – wird Platée ja bereits mehr als genug von Jupiter und dessen Umfeld. Andreas Wolf verleiht dem Göttervater baritonalen Glanz, vokale Würde und königliche Arroganz, in allzu kurzen Szenen changiert sein göttlich’ Weib Junon von der eifersüchtigen Furie zur rasch beruhigten Gattin, was Ute Selbig mit strahlendem Sopran absolviert. Eine Paraderolle als La Folie, dem (gar nicht himmlischen) Wahnsinn, kommt Inga Kalna zu, die Inbrunst und Stimmkraft mit brachialem Aberwitz zu verbinden weiß. Der Mercure Mark Milhofers setzt auf Schabernack und Augenzwinkern, ist mit seinem Tenor ähnlich flexibel wie auf seinem Gefährt. Als Cithéron hält Giorgio Caoduro einige Fäden in der Hand, die er mit düster-durchtrieben wirkendem Bariton verwebt.

          Dem ausnahmslos hohen Gesangsniveau der Hauptrollen genügen auch alle weiteren Solisten, nicht minder der exzellente Opernchor sowie die für allen Klamauk zu habenden Tänzerinnen und Tänzer.

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