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Für ein Pina-Bausch-Zentrum : So wichtig wie die Berlinale und Bayreuth

  • -Aktualisiert am

Das sanierungsbedürftige Wuppertaler Schauspielhaus von Gerhard Graubner - Pina Bauschs langjährige Wirkungsstätte Bild: Picture-Alliance

Neun Jahre nach dem Tod der Theater-Revolutionärin Pina Bausch wird es Zeit, ihr Vermächtnis angemessen zu präsentieren. Ein gutes Konzept steht bereits, die Finanzierung sollte jetzt kein Hindernis mehr sein.

          In diesem Sommer ist es neun Jahre her, dass Pina Bausch starb. Noch immer existiert ihr Ensemble, das Tanztheater Wuppertal. Nach wie vor ist es international gefragt und verbringt viele Wochen im Jahr auf Gastspielreisen um die ganze Welt. Wie zu Lebzeiten der Theaterrevolutionärin probt es in einem alten ehemaligen Kino, der Lichtburg. Nur den Spielort, an dem das Ensemble jahrzehntelang die größten Premierenerfolge feierte, das Schauspielhaus Wuppertal, hat man vor vier Jahren geschlossen. Schönes Haus, aber leider kaputt, dringend renovierungsbedürftig. Seitdem spielt das Tanztheater im Opernhaus. Jetzt könnte man sagen, so geht es ja auch, mehr Geld ist nicht da, weitermachen. Aber damit ist es nicht getan. So einfach darf man es sich nicht machen.

          Nachdem sich der erste Schock über den plötzlichen Tod der Genre-Erfinderin des Tanztheaters gelegt hatte und das Nachdenken darüber einsetzte, wie in Zukunft mit dem Erbe umzugehen sei, stand rasch fest, dass die Compagnie weiter tanzen und so das OEuvre Pina Bauschs spielfähig halten und dauerhaft vor dem Vergessen bewahren müsste. Das schien nicht allein aus ethischen, ästhetischen oder theaterhistorischen Gründen gerechtfertigt, sondern auch durch die anhaltende Nachfrage im In- und Ausland. Diese Entscheidung warf andere Fragen auf. Wer sollte das Ensemble leiten, würde es ein reines Museum werden, indem es einfach reihum die vierzig spielbaren Tanztheaterabende von Bausch aufführen würde? Für immer? Solange es Tourneeanfragen gab und Kartenverkauf daheim? Aber wäre das genug?

          Die Betriebskosten müssen noch gesichert werden

          Ein in Auftrag gegebenes Konzept entwarf ein viel besseres Szenario. Das kaputte Schauspielhaus Wuppertal sollte umgebaut und mit einem ergänzenden Neubau in ein Pina-Bausch-Zentrum verwandelt werden. Dort sollte nicht nur das Tanztheater Wuppertal trainieren, proben und aufführen, sondern auch die von Pina Bauschs Sohn Rolf Salomon geleitete Stiftung ihren Sitz finden. Außerdem sollte dort ein internationales Produktionszentrum zur Förderung neuer choreographischer und interdisziplinärer Arbeit entstehen.

          Zusätzlich sah das Konzept Bürgerbeteiligung vor. So sollten Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Werks, Wissenschaft und Kunst, Bildung und Partizipation an einem gemeinsamen Ort angesiedelt sein.

          Das Tanztheater Wuppertal studiert „Die sieben Todsünden“, den Brecht/Weill-Abend von Pina Bausch, neu ein.

          Stadt, Land und Bund legten zusammen und verabredeten, sich die Baukosten von 58,4 Millionen Euro zu teilen, Wuppertal würde 14,6 Millionen, das Land Nordrhein-Westfalen 14,6 Millionen und der Bund 29,2 Millionen übernehmen. Nun – neun Jahre nach Pina Bauschs Tod und fünf Jahre nachdem sich der Schlüssel im Schauspielhaus das letzte Mal umgedreht hat –, nun ist alles so weit gediehen, dass die Stadt den Durchführungsbeschluss fassen könnte und müsste, damit die Bauarbeiten beginnen können. Das allerdings darf die Stadt nur dann, wenn die Betriebskosten, die vom Augenblick der Fertigstellung an anfallen, gesichert sind.

          Eine Inspiration für das 21. Jahrhundert

          Und da stehen wir nun. Die Stadt Wuppertal und das Land Nordrhein-Westfalen schlagen vor, die Betriebskosten anteilig genauso zu teilen wie die Baukosten. Dagegen könnte man einwenden, dass der Bund keine dauerhafte institutionelle Förderung übernehmen darf, da dies der Kulturhoheit der Länder entgegenstünde oder diese einschränke oder so. Allerdings gibt es prominente Ausnahmefälle. Die Staatsministerin für Kultur Monika Grütters sagte etwa über die Berlinale: „Sie ist auch vom Bund öffentlich finanziert, weil sie eine gesamtgesellschaftlich wichtige Aufgabe erfüllt.“

          Auch die Wagner-Festspiele Bayreuth werden vom Bund bezuschusst. Noch einmal Grütters: „Es kann nur zusätzliche Förderungen zum Engagement des Landes in einem bewährten Miteinander geben. Der Bund finanziert hier wie in ganz Deutschland komplementär Gedenkstätten, Museen und vieles mehr, aber mindestens fünfzig Prozent des Geldes muss vom jeweiligen Land kommen.“

          Pina Bausch im Jahr 2003

          Analog zur Berlinale und Bayreuth ist davon auszugehen, dass das Pina-Bausch-Zentrum eine gesamtgesellschaftlich wichtige Aufgabe erfüllen würde. Das Tanztheater ist eine deutsche Erfindung, die das Schauspiel, die Oper und den Film weltweit maßgeblich beeinflusst hat. Es gibt, jedenfalls wo es Goethe-Institute gibt, auf der Welt bestimmt keinen Regisseur oder Choreographen, der ihren Namen nicht kennt. Wenn wir den Begriff benützen würden, wäre das Werk Pina Bauschs bestimmt „Nationales Kulturerbe“. Das finanzielle Miteinander von 25, 25 und 50 Prozent je für Stadt, Land und Bund wäre auch gegeben. Und schließlich dürfte doch auch die Summe eine Rolle spielen. Sicher, es gibt noch keinen Choreographen, dessen Erbe auf diese Weise mit Hilfe des Staatsministeriums für Kultur bewahrt wird. Aber Pina Bausch war eine Ausnahmegestalt. Und wir reden von fünf Millionen Euro jährlich, die anfallen würden. Fünf Millionen nur. Denn das Tanztheater Wuppertal und die Pina Bausch Foundation würden ja ihre Betriebskosten einbringen mit dem Einzug in das Pina-Bausch-Zentrum, also würden nur noch die zusätzlichen Betriebskosten von zehn Millionen pro Jahr anfallen. Frankreich hat neunzehn choreographische Zentren über das Land verteilt. So konnte es eine einzigartige Tanzkultur entwickeln.

          Damit die Tanzkultur, die Pina Bausch geschaffen hat, auch das 21. Jahrhundert inspiriert, brauchen wir das Pina-Bausch-Zentrum. Das Foto des Spatenstichs sollte den Wuppertaler Stadtdirektor Slawig, die nordrhein-westfälische Kultusministerin Pfeiffer-Poensgen und Staatsministerin Grütters zeigen.

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