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Plácido Domingo zum Siebzigsten : Herrscher der internationalen Opernwelt

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Voller Inbrunst: Auch nach mehr als fünfzig Jahren auf den Opernbühnen der Welt ist José Plácido Domingo Embil mit Leidenschaft bei der Sache Bild: dapd

Von Madrid aus in die weite Welt: In seiner langen Karriere hat er die globalisierte Kunstform und selbst ihre Ränder genutzt wie vor ihm nur Caruso. Sein Weg zum Opernstar war hart. Plácido Domingo zum Siebzigsten.

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          Er singe Verdis Simon Boccanegra weder als Bariton noch als Tenor, so war in einer Rezension zu lesen, er singe ihn als Plácido Domingo. Damit sind der unstillbare Ehrgeiz und die unerschöpfliche Energie des spanischen Tenors ebenso beschrieben wie die Sonderstellung eines Stars, der im Verlauf seiner gut fünf Jahrzehnte messenden Laufbahn zu einer Welt in sich geworden ist - zum Allmächtigen des Opernlebens.

          Sein Weg war hart. In Mexico City, wo er ab seinem neunten Lebensjahr lebte, hat er als Barpianist am Klavier gesessen und in Musicals gesungen. Mit der Bariton-Arie „Il balen“ nahm er an einem Probesingen teil und wurde als Tenor entdeckt. Mit achtzehn Jahren debütierte er an der mexikanischen Nationaloper als Borsa in Verdis „Rigoletto“; erwarb zwischen 1961 und 1964 an der Israel National Opera Tel Aviv in 280 Aufführungen Bühnenpraxis; stellte sich 1966 der New York City Opera als Don Rodrigo in Alberto Ginasteras gleichnamiger Oper, gastierte 1967 als Cavaradossi an der Hamburgischen Staatsoper und als Don Carlo in Wien.

          Ein Jahr später übernahm er, für den erkrankten Franco Corelli einspringend, an der Metropolitan Opera die Partie Maurizio in Francesco Cileas „Adriana Lecouvreur“. Schon zwei Jahre zuvor hatte er mit dem Ensemble der Met im Lewisohn Stadium Turiddu in „Cavalleria Rusticana“ und Canio in „Pagliacci“ gesungen. Dreißig Jahre später brach er den „Rekord“ des Über-Ichs aller Tenöre. Hatte es Caruso in den 18 Jahren seiner Karriere auf 17 Opening Nights gebracht, so eröffnete Domingo am 27. September 1999 die Saison zum achtzehnten Mal.

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          Als Nobelpreisträger: Im Dezember 2010 gibt er in Wien den chilenischen Dichter Pablo Neruda : Bild: dapd

          Glanz von dunklem Gold

          Anders als sein Rivale Luciano Pavarotti verwaltete er seinen Ruhm nicht mit wenigen Partien. Er setzte sich für vergessene Opern - Alfano-Cains „Cyrano de Bergerac“ - ebenso ein wie für neue, etwa Tan Duns „The First Emperor“.Die Stimme des jungen Domingo mit ihrem samtig weichen Amoroso-Timbre war ein Anschlag auf die Sinne des Hörers. Es war eine in der Höhe begrenzte Stimme. Das notorische „do di petto“ hat er in jungen Jahren, wie etwa eine famose Aufnahme von „Il Trovatore“ unter Zubin Mehta zeigt, erreicht, aber es blieb, wie bei Caruso, ein Ton nur für jene schönen Sonntage, an denen ein Sänger in bester Form antritt.

          Viel wichtiger, dass er es verstand, melodiös und mit Fluss zu singen, jeder Phrase Spannung und Richtung zu geben. Die Fachgrenzen hat er, eigentlich ein lyrischer Tenor, mit beängstigender Selbstsicherheit überschritten. Während sich große Kollegen erst im Herbst ihrer Karriere an die Partie des Otello wagten, hat Domingo sie 1975 in Hamburg erprobt und im Verlauf der folgenden zwei Jahrzehnte gesungen, darunter in denkwürdigen Aufführungen in Mailand, London und Tokio unter Carlos Kleiber. Gerade dank dieser Partie konnte er seine Stimme härten und ihr Glanz von dunklem Gold gegeben. Gleichwohl brauchte er nicht darauf zu verzichten, weiter lyrische und belcantische Partien in seinem Repertoire zu halten.

          Immense Reserven

          Gesanglich musste er - ob als Samson in der Oper von Saint-Saëns oder als Aeneas in den „Trojanern“ (Berlioz), als Florestan in „Fidelio“ oder Hüon in „Oberon“, als Lohengrin, als Siegmund, als Tristan oder als Parsifal - seine Grenzen nie überschreiten. Erstaunlich, dass er selbst nach Jahren im schweren Fach die Leichtigkeit für die Ausführung von Koloraturen (etwa als Idomeneo) oder von Trillern (als Carlo in Verdis Oper) nie eingebüßt hat.

          Dass die Zeit seine Stimme, um ein Wort von George Bernard Shaw über Adelina Patti aufzunehmen, „um eine kleine Terz“ transponierte, hat seiner Wirkung wenig Abbruch getan. Zwar hat er nicht den Don Giovanni gesungen, der ihm von Karajan angeboten wurde, wohl aber Simon und Rigoletto. Wie immens seine Reserven auch heute noch sind, verrät die soeben veröffentlichte Einspielung von Umberto Giordanos Oper „Fedora“, wo er sich in der Partie des Loris imponierend behauptet.

          Das Publikum gefesselt

          Was er allerdings etlichen französischen und deutschen Partien schuldig blieb, war weniger die Deutlichkeit der Artikulation als die Eloquenz der Aussprache. Domingo ist, anders als etwa Nicolai Gedda, kein polyglotter Sänger mit dem Gespür für die klanglichen Nuancen der französischen Sprache oder die Behandlung der deutschen „Klinger“, also der Halbvokale.

          Aber es gehört nun einmal zu den Folgen der Globalisierung, dass man von internationalen Ensembles idiomatische Aufführungen nicht mehr erwarten kann. Es gibt keine nationalen Schulen mehr. Auch in Bayreuth sind „Aufführungen reinsten deutschen Stils“, Richard Wagners utopischer Traum, nicht mehr möglich.

          Domingo hat sein Publikum gefesselt, wenn es, um ein ironisch-doppeldeutiges Wort von Thomas Mann zu verwenden, um „die hohen Künste der Leidenschaft „ ging: als Manrico in „Il Trovatore“, als Alvaro in „Forza“, als Don Carlo, als Radamès in „Aida“, als Otello, als Andrea Chénier, als Canio in „Pagliacci“, als Cavaradossi in „Tosca“ oder als Dick Johnson in „La Fanciulla del West“, auch als Don José in „Carmen“ und als Hoffmann in Jacques Offenbachs Oper.

          Transkontinentaler Opernherrscher

          In seiner Laufbahn hat er in fast 3500 Aufführungen 130 Rollen (oder mehr?) gesungen, überdies bei mehr als 450 Aufführungen als Dirigent am Pult gestanden. Er ist Direktor der Washington und der Los Angeles Opera. Zu den Entdeckungen des von ihm gegründeten Operalia-Wettbewerbs gehören Nina Stemme, Elizabeth Futral, Joyce DiDonato, José Cura, Rolando Villazón, Joseph Calleja und Erwin Schrott.

          Seine Diskographie umfasst mehr als hundert vollständige Aufnahmen, ein Dutzend Recitals und Duett-Platten, überdies Tangos und Lieder vom Broadway, Operetten und Schnulzen. Seinen Ruhm hat er bei Galas in Zirkussphären glänzend verzinst. Aber er hat ihn auch genutzt, um den Erdbeben- und Flutopfern zu helfen. An diesem Freitag wird der transkontinentale Herrscher des Opernlebens siebzig.

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