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Plácido Domingo wird 80 : Ein gefallener Engel

  • -Aktualisiert am

Plácido Domingo Ende August 2019 im südungarischen Szeged Bild: AFP

Tenor-Ideal des Machismo: Plácido Domingo bewies in seiner langen Karriere Ehrgeiz, Vielseitigkeit und Ausdauer – bis sein Erfolg in Anmaßung umschlug. Heute wird der Sänger achtzig Jahre alt.

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          Seinen Ehrgeiz hat er schon mit dem Titel der ersten Platte – „Domingo sings Caruso“ – angekündigt: der bedeutendste Tenor des zwanzigsten Jahrhunderts zu werden. Notizen aus dem damaligen Hör-Protokoll: „Prachtvolles Timbre ... flüssiger Klang ... erstaunliche Brillanz in der Höhe trotz baritonaler Einfärbung ... in der unteren Terz der ersten Oktave manchmal ein wenig hauchig ... leider auch verbrauchte Effekte wie Seufzer und Schluchzer ...“ Wenige Jahre später, am 28. September 1975, habe ich den alsbald von Weltruhmesglanz besonnten Spanier in Hamburg unter James Levine bei seinem Debüt als Otello erlebt. Er war einer der Jüngsten in der Aufführungsgeschichte. Die Zweifel, dass er seine lyrische Stimme überfordern könnte, erwiesen sich als unbegründet. Er hat die dramatische Partie in den folgenden zweieinhalb Jahrzehnten allüberall gesungen, zwischen 1979 und 1999 allein in vierzig Aufführungen an der Met.

          Der nahe bei Madrid geborene und in Mexiko aufgewachsene Plácido Domingo begann 1959 an der Oper von Mexiko City als Bariton, sang in seinen Galeerenjahren zwischen 1963 und 1965 an der Oper von Tel Aviv rund 280 Partien und fand 1966 den Weg an die New York City Opera. Am 28. September 1968 machte er Sensation an der Met, weil er, für Franco Corelli einspringend, das damalige Tenor-Idol vergessen machte. Wenige Wochen danach folgte das Debüt seines italienischen Kollegen Luciano Pavarotti, mit dem er zwei Jahrzehnte lang das Tenorfach dominierte. Zwischen 1970 und 2000 waren viele zentrale Partien gleichsam in beider „Besitz“. Anders aber als Big P., der die Rolle des Tenor-Idols bis hin zu dessen Parodie spielte, sich aber mit acht oder zehn Paradepartien begnügte, hat Domingo in einem ausschweifenden Ehrgeiz rund 150 Partien aus italienischen, französischen, deutschen, spanischen und russischen Opern in über 3500 Aufführungen gesungen. An die hundert Werke hat er im Plattenstudio verewigt, dazu Sammlungen mit Opern-Arien und golden-voice-veredelten Tändeleien aus der Sphäre des Broadway oder der (schein-)heiligen Musik. In einigen hundert Aufführungen hat er als Dirigent am Pult gestanden, lange Jahre als Intendant die Opern von Washington und Los Angeles geleitet. Dass ihm selbst nach fast fünf Jahrzehnten auch die psychischen Energien erhalten blieben, bewies er dadurch, dass er nach 2007 seine Karriere mit Bariton-Partien verlängerte: Simon Boccanegra, Germont, Nabucco, Rigoletto und Luna. Zwar war er sich bewusst, dass seine Stimme eigentlich nicht die dunkel-markige Tinta eines Baritons besitzt, zugleich aber sicher, dass er „einen Charakter auf die Bühne stellen“ konnte.

          Sängerischer Stil liegt in der Symbiose von Musik und Technik: in der Fähigkeit der stimmlichen Anpassung an die Formensprache des jeweiligen Komponisten und des einzelnen Werks. Domingo brachte alle stimmlichen und technischen Mittel mit: einen sinnlichen Macho-Sound, Legato und bemerkenswerte Agilität. In Partien von Donizetti, Verdi, Puccini oder den Komponisten der nuova scuola ist er von wenigen Kollegen seiner Generation erreicht worden. Es mag aber gerade an dieser Allzweck-Anpassbarkeit liegen, dass viele Figuren in seiner Porträt-Galerie die Züge seiner stimmlichen Physiognomie tragen. Oft, zu oft griff er auf standardisierte Effekte zurück – auf „Künste(leien) der Leidenschaft“ – und veräußerlichte etwa Otello durch Schluchzer zu einem Schmierenkomödianten gleich dem Canio in „Pagliacci“. Ganz und gar verfehlt sind solche Effekte in französischen und in deutschen Partien. Er tritt uns nicht als eloquenter Sprecher des Faust oder Hoffmann, des Lohengrin oder Tristan entgegen, sondern als gut gecoachter Nach-Sprecher der Phoneme.

          Søren Kierkegaard hat in der Musik von Mozarts „Don Giovanni“ die „Inkarnation der Genialität des Sinnlichen“ gesehen – und im Titelhelden das Leitbild des dämonischen Verführers. Domingo hat die Partie (trotz eines Angebots durch Herbert von Karajan) nie auf der Bühne gesungen. Die Rolle hat er, von seinen Erfolgen verführt, im Leben gespielt. Seine „passion predominante“, von der Leporello in der Register-Arie berichtet, war im Musikbetrieb seit Jahrzehnten bekannt. Teils amüsiert, teils neidvoll wurde gesehen – und übersehen! –, dass er sein erotisches Leben „à grande vitesse“ führte. Von seiner Unwiderstehlichkeit muss er irgendwann so überzeugt gewesen sein, dass sein Charme in dreiste Ich-nehm-mir-was-ich-will-Anmaßung überging – bis endlich die Macho-Bastionen geschleift wurden.

          Im August 2019 wurde er, wie etliche andere „Machthaber“ im Musikgeschäft, von mehreren Kolleginnen sexueller Übergriffe oder Nötigungen bezichtigt, etwa dass die Vergabe von Rollen auf der Intendanten-Couch vereinbart wurde. Dass seine Affären, wie er zunächst behauptete, einvernehmlich gewesen seien, erwies sich nach dem „me too“ weiterer Sängerinnen als Notlüge. Nach Untersuchungsberichten und Kündigungen, ausgesprochen etwa von der Met, an der er mehr opening nights (21) gesungen hat als der große Caruso (siebzehn), blieb Domingo nur ein peinvolles Geständnis. Heute wird der gefallene Engel achtzig Jahre alt.

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