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Plácido Domingo in Baden-Baden : Wie jung kann eine reife Stimme klingen?

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Noch viel jünger kann er eigentlich nicht mehr werden: Plácido Domingo (rechts) mit María José Siri Bild: Michael Bode/Manolo Press

Alle Welt kommt im Reisebus herbei: Plácido Domingo trotzt im Festspielhaus Baden-Baden nicht nur der natürlichen biologischen Alterung.

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          War da nicht etwas? Ach ja, #MeToo. Auch den Opernliebling Plácido Domingo hatte es 2019 erwischt, kurz vor seinem Auftritt bei den Salzburger Festspielen, einem der „schwersten Momente seines Lebens“ , wie er damals gestand. Mittlerweile ist die Karawane der Dauer-Empörten längst zu neuen Aufregern weitergezogen, und Domingo singt noch immer. Weder der MeToo-Vorfall noch seine Corona-Erkrankung waren Karriere-Killer. Und das Publikum hält treu zu ihm. Reisebusse aus den Seitentälern des Schwarzwalds entlassen Domingo-Verehrer ins ausverkaufte Festspielhaus in Baden-Baden, Autos mit elsässischen Kennzeichen füllen die Tiefgarage.

          Auch das Alter kratzt nur wenig an Domingos Naturell: in wenigen Wochen wird er zweiundachtzig Jahre, und dass er überhaupt noch singt, ist erstaunlich genug. Doch wie er singt, erweckt im Zuhörer kurz den Verdacht, es könne vielleicht doch etwas dran sein an dem Wunschtraum ewiger Jugend. Einen Stimmausfall wie im letzten August noch in der Arena di Verona konnten wir jedenfalls nicht registrieren.

          Sein Metier beherrscht er aus dem kleinen Finger, seine Stimme – einst baritonaler Tenor, heute tenoraler Bariton – hat nach wie vor Präsenz, Geschmeidigkeit und unverwechselbares Timbre. Auch von Atemproblemen keine Spur. Dazu die Emphase eines jugendlichen Helden, der auf das Kennwort italienischer Opern, „Vendetta“ (Rache), nur gewartet hat. Natürlich zehrt Domingo von seiner Routine, aber er hüllt sie in den Mantel seiner Souveränität und wirkt im Vergleich zu seinem letzten Salzburger Auftritt sogar entspannter. Auch gönnt er sich den diskreten Charme eines Liebhabers in der Zugabe von Franz Léhars Duett „Lippen schweigen“, wenn er mit Maria José Siri anfängt, Walzer zu tanzen – ein Schmankerl aus der „Lustigen Witwe“, das er sehr zum Vergnügen des Publikums seit mindestens fünfzig Jahren mit allen Operndiven seiner Liga zelebriert.

          Für die höchst motivierte Philharmonie Baden-Baden unter dem kundigen Dirigenten Massimo Zanetti ist es schon das zehnte Konzert mit Placido Domingo. Man kennt sich also, war schon zusammen in Dubai. In der Verdi-Gala in Baden-Baden singt er vier von insgesamt zwölf Stücken, zwei Arien – „Perfidi!“ aus „Macbeth“ und „Ah! Prigioniero“ aus „Nabucco“ – und zwei Duette. Die anderen Programmpunkte teilen sich das Orchester mit vier stolzen Ouvertüren, die lyrisch-dramatische Sopranistin Siri und der leidenschaftlich glühende Tenor Ivan Magrì.

          Mit sich selbst geht Domingo sparsam um: nicht zu viel, aber auch nicht so wenig, dass das Publikum mault. Dafür sorgt er als Programm-Macher, denn die Gala dient ihm auch als Podium seiner Gesangskollegen. Oft sind es Nachwuchssänger seines Wettbewerbs „Operalia“ – der letzte fand gerade im Oktober in Riga statt – oder erfahrene, hierzulande noch zu entdeckende Stimmen wie Siri und Magrì. Sie brillierten mit Verdi-Partien, deren Schwierigkeitsgrad Domingo heute überfordern würde.

          Und sie sind so klug ausgewählt, dass er in den dramatischen Szenen mit ihnen zur Hochform auflaufen kann: als herrischer Don Carlo di Vargas in der „Macht des Schicksals“ mit Alvaro und als rachsüchtiger Conte di Luna im „Trovatore“ mit Leonora. Noch mehr Sparsamkeit würde ihm sein Publikum sicher nicht verzeihen.

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