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Bauschs „Iphigenie“ in Dresden : Bis zum Kinn im Wasser und doch durstig

  • -Aktualisiert am

Elegant und im weißen Hemdchen leiden: Szene aus „Iphigenie“ von Pina Bausch, aufgeführt an der Semperoper Dresden. Bild: Semperoper Ballett/Ian Whalen

Generationenschuld im Tanztheater: In ihrer ersten Spielzeit in Wuppertal schuf Pina Bausch ihre Choreographie zu Glucks Oper „Iphigenie auf Tauris“. Jetzt zeigt die Semperoper die blutleere Inszenierung eines blutigen Mythos.

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          Iphigenies Schicksal lässt einem das Blut in den Adern gefrieren. Ihr Vater Agamemnon will sie opfern. Ihr Leben hat sie allein Diana zu verdanken, die das Menschenopfer nicht annimmt und sie unter ihren Priesterinnen versteckt. Doch Iphigenie vermisst ihre griechische Heimat, trauert um den totgeglaubten Bruder Orest, aber auch um die von ihm getötete Mutter Klytemnästra, die ihren Mann Agamemnon ermordete, in dem sie den Mörder ihrer Tochter sehen musste. Dieses geballte Unglück nennt man den Fluch der Tantaliden, jene Verwünschung, mit der die Götter Tantalus und seine Nachfahren trafen.

          Warum diese Bestialität vom Olymp herab? Tantalus, nach dem höllische, nicht enden wollende Qualen benannt sind, kann, bis zum Kinn im Wasser stehend, seinen Durst nie stillen, weil sich das Wasser in Sand verwandelt, so bald er den Kopf senkt. Vor dem Hungernden fliehen die „balsamischen“ Früchte, wenn er sie verschlingen will. Tantalus war ein Halbgott, eines jener Zwischenwesen, die den größten Ärger machen. Eingeladen an den Tisch der Götter stiehlt er ihnen Nektar und Ambrosia und setzt ihnen – wie um zu fragen „Wie allwissend seid ihr Oberschicht-Burschen?“ – sein Kind als Hauptgang vor. Doch die riechen den Braten und machen das Kind Pelops wieder lebendig.

          So blutig der Mythos, so blutleer die Inszenierung

          Von Tantalus stammt sie ab, Pina Bauschs nymphengleiche Iphigenie, und wer ihre zarten, armewindenden, haarewerfenden Tänze des Leidens sieht, kann es kaum glauben. Was Bausch in ihrer ersten Spielzeit 1973/74 in Wuppertal schuf, Inszenierung und Choreographie zu Christoph Willibald Glucks Reformoper „Iphigenie auf Tauris“ von 1779, kann man jetzt erstmals außerhalb des Bergischen Lands bestaunen.

          Doch an der Dresdner Semperoper, wo die Sächsische Staatskapelle unter Jonathan Darlington, der Staatsopernchor, das Semperoper Ballett und fabelhafte sängerische und tänzerische Solisten Bauschs Anliegen dringlich und intensiv wiedergeben, wird der Zuschauer dennoch nicht recht froh. So blutig der Mythos, so blutleer ist die Inszenierung: nichts von Raserei, Grausamkeit, niederdrückender Schuld. Stattdessen Patina, elegisch elegantes Leid. Die Sänger sind in die Logen verbannt, der Chor in den Orchestergraben. Die Bühne ist leer bis auf eine steinerne Rückwand, das Leben erscheint als Tempelgang. Die Lieblingsrequisiten des Tanztheaters haben hier einen ersten einprägsamen Auftritt, die schlichten Holzstühle aus dem Fundus, der braune Tisch als Opferaltar, Plastikblumen und eine Badewanne, eine Schornsteinfegerleiter.

          Da ist das frühe Tanztheater: Klassisch trainierte Tänzer, sehnig, barfüßig, mit beredten Armen und liliengleichen Hälsen, die in durchsichtigen Hemdchen über die Bühne eilen. Einige Signaturbewegungen von Pina Bausch sind zu erkennen, das nach vorn geworfene lange Haar, der gebeugte Oberkörper und gesenkte Kopf, die vorm Körper wie an den Gelenken gefesselt übereinander gelegten Hände, die nach einer Drehung nach außen gestreckten offenen Handflächen. Unschuldiges Leid, gleichmäßig über Glucks eher affektarme Musik verteilt, immer im Takt des 18. Jahrhunderts, gemach.

          Die Duette von Orest, der die Statue der Diana rauben soll, mit seinem Freund Pylades wirken zu innerlich, fast feminin. Der angstgeplagte König Thoas ist der einzige herrisch auftretende Protagonist. Interessant, wie Bausch am klassisch geprägten „Modern Dance“ entlang und unter Einbeziehung des Erbes des deutschen Expressionismus nach einer neuen Tanzsprache sucht. Am Ende ist sie aber Glucks Schlichtheit viel zu sehr gefolgt.

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