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Pina Bausch : Die wortkargste aller Familien

  • -Aktualisiert am

Übertragung der Trauerfeier für Pina Bausch in einem Park neben dem Wuppertaler Opernhaus Bild: ddp

Als Pina Bausch Ende Juni starb, war das ein Schock weit über die Grenzen der Tanzwelt hinaus. Jetzt hat Wuppertal Abschied genommen von der großen Choreographin.

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          Niemand habe bei der Premiere geahnt, wie es Pina Bausch wirklich ging, als sie Arm in Arm mit ihren Tänzern zum Applaus erschienen sei. „Bescheiden und zerbrechlich“, so der Oberbürgermeister Wuppertals, Peter Jung, habe sie da gestanden. Als die Choreographin wenige Tage später, am 30. Juni, starb, war das ein Schock weit über die Grenzen der Tanzwelt hinaus. Bei einer Trauerfeier, die jetzt im Wuppertaler Opernhaus stattfand, um Freunden und künstlerischen Partnern des Tanztheaters Wuppertal aus aller Welt noch einmal Gelegenheit zu geben, sich gemeinsam der Verstorbenen zu erinnern, waren dies schon die persönlichsten Beschreibungen von Pina Bausch. Filmemacher Wim Wenders fügte an, das für alle Menschen spürbar Besondere an ihr sei ihr genauer, kritischer, aber nicht sezierender Blick gewesen. Sie habe „mit dem Herzen gesehen“.

          Wie Peter Jung würdigte der Ministerpräsident des Landes, Jürgen Rüttgers, Bauschs jahrzehntelange Treue zu Wuppertal: „Stadt und Land wollen ihr Vermächtnis in dieser Treue bewahren. Daher unsere herzliche Bitte an das Ensemble: „Machen Sie weiter! Das ist im Sinne von Pina Bausch. Denn Sie waren und sind ihre Familie. Aus Treue zu ihrer Heimat zog Pina Bausch Kraft für ihre Arbeit.“ Das Ensemble selbst enthielt sich aller persönlichen Wortbeiträge. Wenders hatte in seiner Rede die legendäre Wortkargheit der Choreographin erwähnt, und wie um dieser Eigenschaft Tribut zu zollen, mochte kein Tänzer, weder Lutz Förster noch Dominique Mercy, weder Mechthild Grossmann noch Malou Airaudo, Jo Ann Endicott oder Julie Shanahan, zum Publikum. Nach einer tänzerischen Eingangssequenz, die aus einer stürmischen Abfolge von Solotänzen zu äußerst dynamischer Trommelmusik bestand, folgten die Ansprachen der Redner Jung, Rüttgers und Wenders und dann ein erneuter Reigen von Tänzen und Sketchen aus Stücken Pina Bauschs, der neunzig Minuten dauerte.

          „La vie en rose“

          Grossmann hatte sich, im schwarzen Abendkleid und mit hohen Absätzen, bereits während der Rede von Wenders am Portal niedergelassen, Rotwein getrunken und eine Zigarette angezündet. Diese rauchte sie dann auf dem Rücken liegend, die Beine gegen die Wand gelehnt, während sie auf das Ende der Ansprache wartete. Es folgte – mit der ihr eigenen wundervollen Bass-Stimme vorgetragen – Grossmanns legendäre Szene „Noch ein Weinchen, noch ein Zigarettchen, aber noch nicht nach Hause, ne?!“. Lutz Förster trat im Nadelstreifenanzug auf, um sein Gebärdensprachensolo „The Man I Love“ zu zeigen.

          Pina Bausch, Begründerin des Tanztheaters Wuppertal

          Die eigens für diesen Anlass zusanmmengestellten Sequenzen aus verschiedenen Stücken fügten sich reibungslos aneinander. Nur kurz sah es so aus, als würden sich doch noch im ganzen Saal Emotionen Bahn brechen, die der ritualhafte Ablauf eigentlich nicht vorzusehen schien. Das war, als Malou Airaudo sich, das Haar aufgelöst und buschig, in einem mattweißen Kleid auf einem Stuhl in der Bühnenmitte niederließ und sich minutenlang nicht rührte; als hörte sie keines der Worte des französischen Chansons „La vie en rose“. Das war wie die Schweigeminute, die an diesem Nachmittag nicht gewollt wurde, das war bewegend wie keiner der vielen Tänze davor und danach.

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