https://www.faz.net/-gqz-adwib

Dirigent Pietari Inkinen : Wir sollten uns nicht nur nach Umfragen richten

  • Aktualisiert am

Pietari Inkinen Bild: Kaupo Kikkas

Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ zu dirigieren, sei wie ein Marathonlauf, sagt Pietari Inkinen. Er macht sich gerade mit dem Bayreuther Festspielhaus vertraut. Aber auch als Chef der Deutschen Radiophilharmonie Saarbrücken-Kaiserslautern hat er ehrgeizige Pläne.

          5 Min.

          Der finnische Dirigent Pietari Inkinen debütiert in diesem Jahr bei den Bayreuther Festspielen mit Richard Wagners „Walküre“, zu der es eine Installation von Hermann Nitsch geben wird. Inkinen hatte 2020 den gesamten „Ring des Nibelungen“ leiten sollen. Die Inszenierung von Valentin Schwarz wurde auf 2022 verschoben. Einstudiert wird aber alles schon jetzt. Zwischen den Proben fand der Dirigent Zeit, mit uns zu sprechen. F.A.Z.

          Wie ist es, in Bayreuth zu arbeiten?

          Nachdem die Festspiele im vergangenen Jahr wegen Corona abgesagt werden mussten und lange unklar war, wie sie in diesem Jahr stattfinden würden, ist eigentlich jeder Probentag ein Geschenk. Aber die Arbeit ist auch anstrengend. Wir bereiten jetzt den kompletten „Ring“ fürs nächste Jahr vor, und für die „Walküre“ in diesem Jahr muss ich auch ein Back-up-Orchester vorbereiten.

          Ein zweites Orchester?

          Falls jemand aus der Hauptbesetzung positiv getestet werden sollte, wird das Ersatzensemble einspringen.

          Waren Sie schon einmal als Besucher bei den Festspielen?

          2019 war ich in Bayreuth und habe bei Christian Thielemann und Valery Gergiev im Orchestergraben und auch im Saal gesessen. Ich habe mich viel mit Sängern über die besonderen akustischen Bedingungen im Festspielhaus unterhalten mit dem verdeckten Orchestergraben. Am Ende kann einem aber niemand die persönliche Erfahrung abnehmen.

          Ihre ersten Erfahrungen mit Wagners Musik haben Sie mit Orchestern in Neuseeland und Australien gemacht.

          Das war mit dem neuseeländischen Tenor Simon O’Neill, mit dem die EMI eine CD mit Wagner-Partien aufnehmen wollte. Und dann hieß es: Nehmen wir doch ein Orchester aus seiner Heimat! Und so kam es, dass ich ihn mit dem New Zealand Symphony Orchestra, dessen Chef ich damals war, begleitete. Das lief so gut, dass wir bald eine konzertante „Walküre“ in Angriff nahmen. Dann kam ein Angebot für einen kompletten „Ring“ in Palermo, der aus Budgetgründen nach der Walküre abgebrochen wurde. Dafür sprang ich in Melbourne für den gesamten „Ring“ 2013 ein, der sich dann 2016 nochmals wiederholte. Dort habe ich später auch die „Meistersinger“ gemacht.

          Was fasziniert Sie an Wagner?

          Es klingt leider wie ein Klischee: Als Teenager habe ich live den „Tristan“ erlebt und kam in einer solchen Trance aus der Aufführung, wie sie vermutlich keine andere Musik erzeugen kann. Das war bei den Festspielen in Savonlinna, mein späterer Lehrer Leif Segerstam hat dirigiert. Es war ein echtes Schlüsselerlebnis. Meine Begeisterung wurde noch stärker, als ich mich später näher mit Wagner beschäftigte, mit seinen Wurzeln, seiner Entwicklung und mit der Vielschichtigkeit seiner Konzeptionen.

          Wo liegen die Schwierigkeiten, wenn Sie Wagner dirigieren?

          Vieles lässt sich nicht vorbereiten. In Melbourne habe ich mit dem Orchester vom Nullpunkt an alle vier Teile des Rings gleichzeitig einstudiert. Dann wurde – wie hier in Bayreuth – jeden Tag gespielt, und nach zwei Tagen Pause fand der nächste Zyklus statt. Und dann noch einer. Mit den Proben davor war das wie ein mehrfacher Marathon, an dessen Ende ich körperlich absolut fertig war. Man muss also auch wie für einen Marathon planen und sich die Strecke einteilen. Sonst kommt man nicht durch.

          Es braucht einen kühlen Kopf?

          Ja, schon. Man sollte die Kräfte vielleicht nicht gerade kontrollieren, aber ihren Einsatz doch gut kalkulieren.

          Sie waren auch ein erfolgreicher Geiger. Wie hat das Instrument Ihre Art geprägt, Musik zu machen?

          In der finnischen Dirigierschule gehört es mit dazu, dass jeder ein Orchesterinstrument spielt auf einem möglichst hohen Niveau. Alle Streicher müssen auch ein Blasinstrument lernen – bei mir war es das Horn – und natürlich Klavier. Man soll aus dem Orchester heraus erfahren, wie ein Orchester funktioniert. Das ist anders als bei der Korrepetitoren-Laufbahn, wie sie für Zentraleuropa typisch war. Als ich siebzehn war – da hatte ich schon zwei Jahre Dirigierunterricht bei Jorma Panula –, kam ich auf Vermittlung von Vadim Repin zu Zakhar Bron nach Köln, weil ich mir sagte: Wenn ich es auf der Geige zu höchstem Niveau bringen will, dann muss ich es jetzt machen, alles andere kann noch warten.

          Mir scheint, dass Sie ein besonderes Gefühl haben für die melodische Entwicklung in einem Stück. Hat das mit Ihrer Herkunft als Geiger zu tun?

          Gut möglich. Im Fall von Antonín Dvořák, von dessen Musik ich zuerst kein großer Fan war, habe ich auch sehr viel von den Prager Symphonikern gelernt, deren Chefdirigent ich war. In meiner Prager Zeit ist meine Liebe zur Melodie noch weiter gewachsen.

          Weitere Themen

          Explosionen der Lebenslust

          Bayreuther Festspiele : Explosionen der Lebenslust

          Zart und vital zugleich machen Pietari Inkinen und Hermann Nitsch aus Richard Wagners „Walküre“ ein Theater ohne Handlungsregie. Die Bayreuther Festspiele erleben in der Corona-Krise einen kreativen Schub.

          Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

          Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

          Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

          Die Innereien von Bayreuth

          FAZ Plus Artikel: Wagner-Festspiele 2021 : Die Innereien von Bayreuth

          Im vorigen Jahr mussten sie wegen Corona ausfallen, jetzt kehren die Wagner-Festspiele zurück. Mit der ersten Dirigentin in der Geschichte des Festivals. Einem feministischen „Holländer“. Und virtuellem Drachentöten für alle.

          Topmeldungen

          Markus Söder und sein Vize Hubert Aiwanger nach einer Kabinettssitzung im Münchner Hofgarten.

          Streit um Impfungen : Aiwanger wirft Söder Falschbehauptung vor

          Nach der letzten Kabinettssitzung vor der Sommerpause hatten sie noch versucht, Einigkeit zu demonstrieren. Doch der Streit zwischen dem bayrischen Ministerpräsidenten und seinem Vize ist nicht vorbei – im Gegenteil.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.