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Pianistin Janina Fialkowska : Mit wendiger Eleganz

Janina Fialkowska beim Klavierfestival Ruhr am 28. Juni 2015 Bild: Peter Wieler

Von ihrem Mentor Artur Rubinstein lernte sie: Man muss Chopin wie Mozart und Mozart wie Chopin spielen. Sie tut es mit Schlagfertigkeit und Noblesse. Jetzt wird die Pianistin Janina Fialkowska siebzig Jahre alt.

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          Kühnheit und eine gesunde, nicht unsympathische Aggressivität im Klavierspiel müssen nicht in Wildheit und exzentrische Mätzchen ausarten. Letztere scheut Janina Fialkowska, als würde die Musik damit in den Dreck gezogen. Hört man ihr zu, wie sie die virtuosen Passagen in der vierten Ballade von Frédéric Chopin nimmt, wird man eine erregende Präzision der Beiläufigkeit bemerken. Ihre Brillanz macht aus Höflichkeit nicht viel Aufhebens von sich. Und schon im leisen Beginn ist ihre Nachdenklichkeit eine echte: Sie weiß, wo sie hinwill, und disponiert bereits vom ersten Ton an vorausschauend Kontraste und erzählerische Dramaturgien. Betulichkeitsposen sind ihr fremd; jeder Akzent, jeder Höhepunkt ist motiviert durch formale oder harmonische Überlegungen – und gerade deshalb ein bewegendes Erlebnis.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Janina Fialkowska, Cousine des jüngst verstorbenen Schauspielers Christopher Plummer, wurde als Tochter der kanadischen Pianistin Bridget Todd und des polnischen Ingenieurs Jerzy Fialkowski in Montreal geboren. Ihre Mutter und zugleich erste Lehrerin hatte in Paris bei Alfred Cortot studiert; ihr eigenes Leben kreuzte sich mit dem eines anderen großen Pianisten: Artur Rubinstein. Als ein Juror beim ersten Rubinstein-Wettbewerb 1974 in Tel Aviv der jungen Fialkowska nur null Punkte in einer Wertungsrunde gab, drohte der damals siebenundachtzigjährige Künstler, seinen Namen vom Wettbewerb zurückzuziehen. Von dem Tag an wurde er bis zu seinem Tod 1982 ihr Mentor.

          Klavierspiel höchster Vollendung

          Von Rubinstein stammt der Satz, man müsse Mozart wie Chopin und Chopin wie Mozart spielen, was bedeutet, dass Mozart einen flexiblen, am sängerischen Atem orientierten Umgang mit Zeit genauso braucht, wie Chopin Transparenz und klassische Strenge nötig hat. Bei Fialkowska haben Mozart und Chopin gleichermaßen Schlagfertigkeit, Streitlust und Übermut. Man höre sich die Kammerkonzerte von Wolfgang Amadé Mozart mit ihr und den Chamber Players of Canada an und wird Musik blitzender Bonmots bemerken, die riskante Themen mit wendiger Eleganz streift.

          Ihre Aufnahme der Etüden Chopins kann sich mit der kühn geschwungenen Schönheit und der Lust an der Attacke bei Maurizio Pollini messen. In der E-Dur-Etüde folgt sie verblüffend exakt sie dem Text, unterscheidet in der linken Hand penibel zwischen legato und staccato, befolgt jede vorgeschriebene Beschleunigung (stretto), jede Verzögerung (ritenuto), aber so, dass alles Sinn bekommt. Und dann hebt sie minimal, aber glanzvoll den Puls an, wo Chopin die zwei Worte „con bravura“ in die Noten geschrieben hat. Das ist Klavierspiel höchster Vollendung, frei von Narzissmus und Süßlichkeit, aber voller Leben und Scharfsinn. Dass sie auch der Ruhe vertrauen und darin Größe entdecken kann, beweist sie im zweiten Satz des Klavierkonzerts von Ignacy Jan Paderewski, dessen staunenswerte Qualitäten selten so klar hervortreten wie in ihrer wundervollen Aufnahme von 1999.

          Im Jahr 2002 wurde bei Janina Fialkowska ein Tumor am linken Oberarm diagnostiziert. Nach einer Operation und längerer Nachbehandlung konnte die Pianistin schon zwei Jahre später mit neuer Kraft aufs Podium zurückkehren. Heute, am gemeinsamen Geburtstag von Johannes Brahms und Peter Tschaikowsky, wird sie siebzig Jahre alt. 

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