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Orchester-Tournee : Tschaikowskys Glanz

Peter Tschaikowsky (1840-1893), Fotografie aus den späten Lebensjahren. Bild: dpa

Thomas Sanderling wurde in Nowosibirsk geboren. Von dort bringt er jetzt mit seinem Orchester eine kostbare Klangkultur nach Deutschland – und einen klingenden Essay darüber, dass Russland und Europa zusammengehören.

          2 Min.

          Wen der Streicherklang des Philharmonischen Orchesters Nowosibirsk unvorbereitet trifft, der wird fast erschrecken vor Glück: ein hell flirrendes Gold, das aber nicht gleißt, sondern Milde und Großzügigkeit verströmt, das also Glanz und Wärme miteinander vereint, wie man das heute in Westeuropa und Amerika kaum noch zu hören bekommt. Dieser Klang ist ein Schatz. Er entsteht dadurch, dass die Musiker schon von ihrer Ausbildung her der gleichen Schule entstammen, was in den durchglobalisierten Orchestern des Westens mit ihren Spielern, die aus vielen Ländern kommen und im einzelnen oft mehrere Lehrerwechsel durchlaufen haben, nicht mehr der Fall ist. Die Streicher aus Nowosibirsk, der drittgrößten Stadt Russlands, sind fast alle durch die gleiche örtliche Schule gegangen wie die berühmten Geiger Vadim Repin und Maxim Vengerov, die beide von dort stammen.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn das Orchester nun spielt, wie jetzt im Wiesbadener Kurhaus unter der Leitung von Thomas Sanderling, dann haben alle Streicher ein Vibrato von einheitlicher Stärke und Schnelligkeit, arbeiten mit gleichem Bogendruck und gleicher Bogengeschwindigkeit, benutzen wahrscheinlich auch innerhalb ihrer Stimmgruppen die gleichen Fingersätze. Das Ergebnis dieser Homogenität, die mehr als Drill ist, sondern ebenso auf Empfindung und Einsicht gründet, ergreift jäh, besonders bei der Streicherserenade von Peter Tschaikowsky, die zu den Paradestücken dieses Orchesters gehört.

          In der November-Folge des F.A.Z.-Bücher-Podcasts:

          Karen Krüger über ein frühes Buch von Elif Shafak, Dietmar Dath über ein neues von Philip Ording und Kai Spanke über Campinos „Hope Street“

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          Es gibt wenig Musik, die Brillanz und Gelassenheit mit derart imperialer Eleganz vereint, die ebenso einfach scheint, wie sie tiefsinnig ist. Dass eine C-Dur-Serenade mit einem A-Moll-Akkord beginnt, in der Mitte des Eingangsthemas trugschlüssig nach E-Dur kadenziert, die Grundtonart erst im siebten Takt, also ebenso spät wie unregelmäßig früh, nämlich einen Takt vor Schluss der klassischen Periode, befestigt, das alles ist eingängig und raffiniert zugleich, balanciert zwischen Symmetrie und Asymmetrie, zwischen Stabilität und Instabilität. Man muss über diesen Charme und diese Ausgefuchstheit immer wieder staunen. Tschaikowsky hat hier – analog zu den politischen Romanen seines Zeitgenossen Iwan Turgenjew – einen tönenden Essay geschrieben über die Zivilisationsfähigkeit Russlands. Und Thomas Sanderling, der während des Zweiten Weltkriegs und des sowjetischen Exils seiner Eltern in Nowosibirsk geboren wurde, dirigiert auch im Finale bewusst auf die von Tschaikowsky gesetzte Pointe hin: Der russische Volkstanz im letzten und das westliche Sonatinenthema im ersten Satz haben die gleiche Substanz. Dieses Spiel mit motivischen Ableitungen, Spiegelungen, Verkürzungen, Verschiebungen zieht sich durch alle vier Sätze. Doch so viel Wert Sanderling auch auf die Verdeutlichung dieser Bezüge legt, so wenig opfert er Fluss und Geschmeidigkeit der Musik dabei. Raum für klangliche Finessen, etwa den in höchster Höhe und vierfachem Pianissimo verklingenen Schluss der Elegie, über den Brückenton D mit dem Finale verbunden, bleibt trotzdem.

          In Tschaikowskys Rokoko-Variationen kann dann der junge weißrussische Cellist Ivan Karizna seine völlig untheatralische, ganz natürliche Virtuosität zeigen: leichthändig im Greifen der aberwitzigen Oktaven in der Coda, immer ruhig und locker in der Bogenführung bei stets gewinnend schönem Ton. Sanderling versetzt derweil in der dritten Variation Andante sostenuto den Orchesterklang über den Kontrabass-Pizzicati ins Schweben.

          Bei Tschaikowskys vierter Symphonie gelingt es ihm, Psychologie und Form glücklich gegeneinander auszutarieren. Bei aller Empathie für die hörbaren Obsessionen und Schicksalstraumata der Musik wahrt der Dirigent einen Ton des Erzählens und mit ihm die ästhetische Distanz zum Inhalt der Erzählung. Der Klang der Blechbläser ist bei aller Wucht weit entfernt von der Vulgarität, mit der noch vor wenigen Jahren das Chicago Symphony Orchestra Eindruck zu schinden suchte.

          Das Philharmonische Orchester Nowosibirsk, dessen Chefdirigent Thomas Sanderling seit 2017 ist, reist nun durch mehrere Städte Deutschlands und wird am 6. November, Tschaikowskys Todestag, in der Philharmonie Köln sein. In Wiesbaden setzte Sanderling eine Zugabe ans Ende, die dezent daran erinnerte, wem Tschaikowsky sich als Komponist am meisten verpflichtet fühlte: Es war das Menuett aus der Linzer Symphonie von Wolfgang Amadeus Mozart.

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