https://www.faz.net/-gqz-a6rhm

Der Teufel in der Musik : Lautes Husten, Schnauben, Krächzen

  • -Aktualisiert am

Aufnahme von 1910 aus Russland: Fjodor Schaljapin als Mephistopheles in der Oper „Faust“ von Charles Gounod Bild: akg-images / Archive Photos

Er lacht, pfeift und lärmt – aber kann er auch singen? Hildegard von Bingen spricht Luzifer diese Fähigkeit ab. Eine kleine Phänomenologie des Teufels in der Musik

          4 Min.

          Das Lachen des Teufels“ – das ist der Titel, der für die diabolische Heiterkeit der Caprice Nr. 13 in B-Dur von Niccolò Paganini erdacht wurde. In der ersten seiner „Florentinischen Nächte“ begegnet Heinrich Heine einem Mann, dessen schwarzes Haar in verzerrten Locken herab auf seine Schulter fiel. Es bildete einen dunklen Rahmen um „das blasse, leichenartige Gesicht, worauf Kummer, Genie und Hölle ihre unverwüstlichen Zeichen eingegraben hatten“. Es war die „schauerlich bizarre Erscheinung“ des italienischen Geiger-Komponisten Paganini: des Teufelsgeigers. Der Gottseibeiuns wird seit je beschworen, wenn große Geiger oder Pianisten den Pakt mit der exzessiven Musik geschlossen haben. Über den Typus des Lisztschen Klavierkünstlers ward gesagt, er müsse ein Höllenkünstler sein. Man glaubt es sofort, wenn der amerikanische Pianist William Kapell mit dem Mephisto-Walzer eine Walpurgisnacht feiert.

          Hat der Teufel auch eine Stimme – und welche? Hildegard von Bingen („Ordo virtutum“) spricht dem Teufel die Fähigkeit des musikalischen Ausdrucks ab. Es gibt danach keine vox diaboli, sondern nur den strepidus diaboli: den Lärm des Teufels. Charles Baudelaire, der im Satan aus Miltons „Paradise Lost“ das männliche Schönheitsideal sah, spürte im Lachen einen satanischen Zug. In der Oper des neunzehnten Jahrhunderts ist der risus diabolicus, das teuflische Lachen, zur Klang-Chiffre für Dämonen und Schurken geworden, besonders für den gefallenen Engel. Das Echo der Hölle verspürte Maxim Gorki in dem Gelächter, mit dem Fjodor Schaljapin das „Flohlied“ von Modest Mussorgski durchsetzte: „Dieser Mensch ist, gelinde gesagt, ein Genie. Als er das Lied beendete – das Letzte war sein teuflisches Lachen –, war das Publikum wie vor den Kopf geschlagen. Minutenlang saßen alle stumm und unbeweglich da.“ Was Gorki beschrieb, war eine „physiologische Ansteckung“ (E. G. Craig) durch einen Dämon der Darstellung.

          Ein operngeschichtlich frühes Stelldichein mit dem Teufel

          Abgesehen von Mussorgskis Boris Godunow hat Schaljapin keine Rolle so oft verkörpert wie Gounods Méphistophélès. Dass ihm keine, wie er sagte, so fremd geblieben sei, lag daran, dass er in der Figur nicht mehr sah als den Schemen eines Schurken aus der opéra comique. Seine Idee, ihn vollständig nackt wie eine Skulptur auf die Bühne zustellen, würde heute gewiss begeistert aufgenommen werden.

          Aber das sardonische Gelächter, zu dem er das Ständchen zuspitzte, ist ein „Schaljapinismus“ geworden – eine von vielen Nachfolgern, voran von Boris Christoff, kopierte vokale Geste. Der französische Bariton Martial Singher hat in einem Interpretationsführer denn auch den weisen Rat erteilt, musikalisch zu lachen, also eine Lach-Tonfolge zu bilden.

          Die „risata“ wurde in der Ära nach Schaljapin auch dann eingesetzt, wenn der Musik selbst kein Eclat des Lachens eingeschrieben war. Das höllische Lachen Jagos in Verdis „Otello“ hat Verdi den grellen Trillern der Trompeten zugewiesen. Wird es dem Credo angeheftet, schlägt der Affekt der Arie um in einen rein äußerlichen Effekt. Das Lachen verwandelt sich in eine Fratze aus dem Gran Guignol. Durchaus effektvoll aber kann es sein, wenn es in Tonios Prolog zu Leoncavallos „Pagliacci“ als gesungene Lachfolge eingelegt wird. Einen Schritt weiter zum a-semantischen Affekt geht Arrigo Boito in „Mefistofele“, wenn er die Arie des Protagonisten mit Pfiffen beendet, also mit Teufelslärm.

          Weitere Themen

          Arik Brauer ist tot

          Universalkünstler : Arik Brauer ist tot

          Der österreichische Universalkünstler Arik Brauer im Alter von 92 Jahren gestorben. Er gehörte zu den Hauptvertretern der Wiener Schule des Phantastischen Realismus und war Mitbegründer des Austropop.

          Topmeldungen

          F.A.S.-Umfrage : Geht auch der Staat ins Homeoffice?

          Die Unternehmen sollen ihre Mitarbeiter nach Hause schicken – und was macht die öffentliche Verwaltung? Wir haben nachgefragt.

          Abgang aus der Politik : Merkels Plan für Merkel

          Die Kanzlerin nennt es faszinierend, Politik nicht planen zu können und morgens nicht zu wissen, wie der Abend aussieht. Nur für ihren eigenen Weg hat das nie gegolten. Warum ihr geplanter Abgang funktionieren könnte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.