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„Phädra“-Inszenierung : Sie will nicht, was sie muss

  • -Aktualisiert am

Die Online-Premiere von “Phädra“ im Staatstheater Nürnberg. Bild: Konrad Fersterer

Das kühle Verebben des Meeresrauschens und der Venus heißer Zorn: Anne Lenks „Phädra“-Inszenierung in Nürnberg ist ebenso eindrucksvoll wie elegant. Das Theater ist zwar geschlossen, doch es holt einen trotzdem ein.

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          Die alten Griechen sind jetzt im Homeoffice. Zumindest König Theseus ist es, der, ehe er in den Krieg zog, die Glaswände seines Wintergartens völlig mit Jalousien verblenden ließ, um – ungestört von Umland und Natur – an seinem Schreibtisch schalten und walten zu können. Wenn er müde wurde, konnte er sich auf einer Liege fast wie von Le Corbusier ausruhen. Theseus zweite Frau Phädra, deren Vertraute Önone, sein erwachsener Sohn Hippolyt aus der Verbindung mit einer Amazone, dessen Diener Theramen, sie alle kommen nun in diesem Büro zusammen. Dort geht es ziemlich ungeschäftsmäßig um Gewalt und Leidenschaft, Dominanz und Demut, um Reden und Verschweigen und besonders um das Beschwören eines seltsamen Gefühls, das sie allesamt narrt: Liebe.

          Wie intim die Spannungsverhältnisse auch sein mögen, unterliegen sie doch höfischen Ritualen. Wer die unterläuft, hat nichts Gutes zu erwarten – selbst nicht in diesem aktuell anmutenden, luftig-sachlichen Ambiente des Bühnenbildes von Judith Oswald. Gern hätte man vor Ort erlebt, wie sich da die Sehnsüchte und Begierden ausbreiten, wie sie die Atmosphäre aufheizen und vergiften, aber das war nur begrenzt möglich, weil das Staatstheater Nürnberg Anne Lenks Inszenierung von Jean Racines Tragödie „Phädra“ (1677) pandemiebedingt online übertragen musste. Die künstlerische Wirkungskraft, die diese schöne, hochkonzentrierte Aufführung im Saal entfalten könnte, verliert sich beim Streamen zwar nicht völlig, verflüchtigt sich freilich erheblich.

          Das Verhängnis nimmt seinen Lauf

          Anne Lenk, die Regie gern als Arbeit am Text begreift und dadurch geschickt und anspruchsvoll die Intelligenz und das Können ihrer Schauspieler herausfordert, setzt ganz auf die intensiven, erotisch aufgeladenen Binnenenergien. Wie die Lamellen der Jalousien den Raum mit waagerechten Schlitzen aufteilen, so scheinen ihn die unausgesprochenen Beziehungen zwischen den Personen kreuz und quer mit Fallstricken des Begehrens zu sabotieren. Die Geometrie der patriarchalen Ordnung wird durch das Chaos der entfesselten Triebe attackiert. Denn Phädra liebt besinnungslos ihren Stiefsohn Hippolyt, der hingegen Arikia liebt, was nicht standesgemäß ist. Theseus, der polygame „Weiberräuber“, ist seit sechs Monaten im Feld. Als es heißt, er sei tot, brechen alle Dämme, und Phädra offenbart Hippolyt ihre Gefühle für ihn. Der weist ihre Avancen empört zurück, und das Verhängnis nimmt seinen Lauf.

          Ulrike Arnold zeigt diese Frau, die nicht darf, wie sie will, und nicht will, was sie muss, wie hochgerüstet unterm blonden Haarhelm und wie eingeschnürt im senffarbenen Lederkleid, unter dessen harter Oberfläche es so verboten brodelt. Wenn sie vom Tod ihres Mannes hört, schlüpft sie wie erlöst aus den Pumps, dreht sich zu uns und stöhnt, als fielen sämtliche Zwänge und Nöte von ihr ab: „Oh, Himmel!“ Maximilian Pulst als Hippolyt kann das nicht verstehen, ist in seinen weinroten Anzug wie in einen Kokon der Uneigentlichkeit verkapselt, sich selbst und allen anderen fremd. Beide sinken zu Boden, strecken sich auf der dezent gemusterten Auslegware aus, ohne sich nur einmal zu berühren. Erst später, wenn die abgewiesene Phädra – „Mit voller Wut treibt mich der Venus Zorn“ – wieder von ihrer Geilheit überwältigt wird, sinkt sie erneut nieder und schlägt sich ausgiebig lüstern aufs Hinterteil.

          Formvollendete Contenance

          Überzeugend geht das Distanzgebot des Werks mit seinen herrschaftlichen Hierarchien in den derzeit geltenden Corona-Abstandsregeln auf. Das ausgezeichnete Ensemble bremsen die indes nicht, es spielt souverän und fesselnd über die Entfernungen hinweg. Alle tragen die von Sibylle Wallum stimmig entworfenen Kleider nach heutigem Stil, aber nicht von der Stange. Ob Julia Bartolome als Önone, eine strenge Gouvernante mit Louise-Brooks-Frisur und dem Hang zur Intrige, ob Nicolas Frederick Djuren als Theramen, der Halt und Schirm und womöglich Steuerberater des Hippolyt, sie alle haben sich die Übersetzung von Friedrich Schiller geschmeidig zu eigen gemacht und bringen sie, ob stotternd und stammelnd oder funkelnd, leicht und gescheit zum sinnhaften Klingen.

          Auch Llewellyn Reichman als Arikia und Anna Klimovitskaya als ihre treusorgende Ismene, zwei spiegelbildliche Girlies in Miniröcken, die als Beutefrauen nichts zu melden haben, agieren mit klassischer Klarheit und formvollendeter Contenance. Die Worte sind wichtiger als Taten, weshalb wenig passiert und dennoch viel los ist – und dem Sprechen auf der Bühne solche Bedeutung zukommt. Als schließlich der totgeglaubte Theseus auftaucht, fällt das Netz der Blicke, Behauptungen, Verwicklungen fatal in sich zusammen. Fälschlich der Vergewaltigung seiner Stiefmutter beschuldigt, wird Hippolyt verbannt und stirbt, Phädra und Önone nehmen sich das Leben. Und Theseus, bei Michael Hochstrasser ein knurriger Genussmensch mit langen Haaren und der Attitüde eines „Masters of the Universe“, wird all das wie eine schlechte Zigarre beiseitelegen und die Geheimnistuerei durchschauen, die er bei seiner Rückkehr nicht entschlüsseln konnte: „Was verhüllen mir die halben Worte, die man nie vollendet?“

          In ihrer so eindrucksvollen wie eleganten Inszenierung führt Anne Lenk das alte Stück einleuchtend in die Gegenwart, sperrt die Welt aus und lotst sie damit erst recht wieder zurück. Am Schluss ist das akustisch verfremdete Rauschen des Meeres (Musik: Kostia Rapoport) verebbt wie der Strom der Worte, nur die Vögel zwitschern, aber man sieht sie nicht. Das Theater ist zwar geschlossen, doch es holt uns trotzdem ein.

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