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Pfingstfestspiele Salzburg : Diese Frau weiß, was sie tut

Vergnügen trifft Schönheit: Cecilia Bartoli (links) und Mélissa Petit in „Il trionfo del tempo e del disinganno“ Bild: Monika Rittershaus

Kunst ist Verwandlung und Anverwandlung. Cecilia Bartoli verteidigt diesen Zauber und diese Freiheit der Kunst bei den Pfingstfestspielen in Salzburg gegen die Zumutungen der Identitätspolitik.

          4 Min.

          Die Pfingstfestspiele in Salzburg sind dank Cecilia Bartoli ein Leuchtturm freien Geistes und wehrhafter Anmut gegen die Versuche politischer Verzwergung von Kunst geworden. Damit ist nicht gemeint, dass sie inmitten der Pandemie stattfinden, sondern das, was sie leisten: Vergegenwärtigung von Sinn ohne plakative Aktualisierung, Verwandlung von Existenz über identitäre Sperrgitter hinweg, Stärkung von Überlieferung statt deren Denunziation.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Natürlich ist es ein Glück, dass sie ein Publikum vor Ort haben dürfen. Dafür nimmt man in Kauf, sich alle zwei Tage testen zu lassen, um das jeweils frische Negativ-Ergebnis zusammen mit Personalausweis und Eintrittskarte vorzuzeigen. Aber dann: Endlich wieder die Freiheit des ungelenkten Blicks! Dem Diktat der Streaming-Kameras entronnen, kann er auf dem Gesicht von Mélissa Petit verweilen, um zu studieren, welche Spuren der Verstörung darin zu lesen sind. Sie spielt die „Schönheit“ in Georg Friedrich Händels Oratorium „Il trionfo del tempo e del disinganno“. Ihr irrer Blick, die zerzausten Haare, die hängenden Schultern, nackt dem Unterkleid entragend, sind es, worauf es ankommt, während Cecilia Bartoli singt.

          Gewiss ist Bartoli, auf frech frisiert mit kurzen Haaren im Hosenanzug aus erdbeerfarbenem Samt (von Gideon Davey entworfen), die telegenere Erscheinung. Sie zeigt auch großen Mut, mit peitschendem Mezzosopran auf die wehrlose Schönheit einzudreschen und sich damit zur unsympathischsten Figur der Szene zu machen. Als „Vergnügen“ tritt sie auf wie die Managerin einer PR-Agentur, eine erbarmungslose Zuhälterin medialer Präsenz, für die „Schönheit“ nur Material ist. Doch während man das ohnehin hört, muss man hingegen anderes sehen: das, was Bartolis Stimme im Gesicht von Mélissa Petit anrichtet.

          Von vokaler Berührung gestreift

          Endlich wieder Klang im Raum! Lawrence Zazzo als „disinganno“ – zu Deutsch „Enttäuschung“ oder „Weisheit“ – und Charles Workman als „Zeit“ ziehen links und rechts am Publikum im Parkett vorbei und singen ihr fahles, entrücktes Duett über Vergänglichkeit. In ihrem Gang wird das Vergehen zum Gestreiftwerden durch körperlich-vokale Berührung. Und endlich wieder ein Miteinander im Saal! In gespannter Stille hört man das Schlucken der Nachbarn, deren Münder trocken und deren Augen feucht sind, weil auf der Bühne, getragen vom Streicherhauch der Musiciens du Prince-Monaco unter der Leitung von Gianluca Capuano, die grausame Megäre des Vergnügens sich wandelt in eine weise Frau von siedender Zärtlichkeit. In weltunglücklichstes Dur versunken, von schmerzschreiendem Pianissimo zum Schweigen gebracht, lauschen wir alle der Arie „Lascia la spina, cogli la rosa“, gesungen von einer der größten Sängerinnen, die da ist, die da war und die da sein wird: Cecilia Bartoli.

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