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Handke-Premiere in Berlin : Der Weltuntergang verleiht Flügel

  • -Aktualisiert am

Einsame Musiker im profanen Limbo: Marcel Kohler, Linn Reusse, Lorena Handschin, Felix Goeser, Regine Zimmermann, Bernd Moss in der Handke-Inszenierung von Jossi Wieler Bild: Arno Declair

Der Komet kommt eh: Jossi Wieler inszeniert die deutsche Erstaufführung von Peter Handkes stillem Kammerstück „Zdeněk Adamec“ am Deutschen Theater in Berlin.

          3 Min.

          Ein bisschen Weltuntergang ab und an, das kann doch nicht schaden. Dabei geht die Zeit ins Land und holt tief Luft, setzt sich auf einen Baumstamm in die Abendsonne und schlägt die Beine übereinander. Sie entspannt sich, schließt die Augen. Endlich ausgebrochen aus der Taktung des Tages. Allen Aktualitäten entronnen, die Welt zurückgelassen, weg von dort, wo nur noch heiß gelaufene Hetze war. „Je apokalyptischer das Draußen, desto sicherer fühle ich mich an Ort und Stelle“, heißt es in Peter Handkes Stück „Zdeněk Adamec“, und an anderer Stelle: „bei Weltuntergang wachsen mir Flügel“. Und dann prophezeit jemand wie nebenbei – „Es kommt eh bald der Komet.“

          Der Weltuntergang ist tief eingeschrieben in Handkes Text. Er ist das eigentlich anziehende Zentrum, um das herum poetische Splitter kreisen. Die Worte verbinden sich hier zu Sätzen und werden wiederum zu weiten lyrischen Feldern, nur um eines verständlich zu machen: „Die Zeit der Märchen ist vorbei.“ Eine Selbstverbrennung passt nicht mehr in „unseren historischen Kontext“, auch wenn sie wirklich geschehen ist, am Morgen des 6. März 2003, auf der Treppe des Prager Nationalmuseums, dort, wo sich 1969 schon Jan Palach und Jan Zajíc aus Protest gegen den Einmarsch sowjetischer Truppen verbrannt hatten. Hier übergießt sich der junge Zdeněk Adamec mit Benzin, weil die Mächtigen der Welt ihm nicht auf seine Klagebriefe geantwortet haben. Weil sein geheimes Computer-Netzwerk nicht erfolgreich war und für eine Verdunkelung der Innenstädte sorgen konnte. Weil er ein Mädchen an seinen heimatlichen „Zauberort“ geführt hatte und die davon nicht beeindruckt war. Mit ihm, dem jungen Märtyrer aus dem tschechischen Humpolec, geht eine Ära zu Ende. Mit den Märchen endet auch die Zeit der Helden. Vielmehr: geht die Zeit an sich verloren. „Es ist schade um das schöne Wort Zeit“, sagt Handke und fällt seinem alten melancholischen Ego selbst trotzig ins Wort – „das bisschen Weltuntergang kann doch nicht schaden“.

          Weltuntergang als Sozialevent

          So einen Satz könnten auch die Maskenträger in der vorderen und hinteren Reihe gerufen haben, eben, als sie sich hinsetzten und dabei beglückt feststellten, dass sie einander bekannt sind: „Wie schön in der Krise wenigstens von Menschen umgeben zu sein, die man kennt“, ruft die eine dem anderen über die Köpfe der dritten euphorisch zu und der entgegnet feixend: „Die Quarantäne können wir dann ja alle zusammen machen, ich lege in meiner Wohnung Matratzen aus und bestelle ein paar Kisten Weißwein.“ So sähe also die „Decamerone“-Gruppe von heute aus – der Weltuntergang als Sozialevent. Die sechs einsamen Musiker, die Regisseur Jossi Wieler auf seiner kleinen Guckkastenbühne in einem unbewirtschafteten Gastraum hat stranden lassen, sind aus dem Gefängnis der Aktualitäten ausgebrochen und haben sich hier, in diesen profanen Limbo, mit ihren Instrumentenkoffern für anderthalb Stunden in Sicherheit gebracht. An die Wände sind lebensgroße Marienfiguren gemalt, rechts stehen ein paar Bänke, links – als Referenz an eine 1990 erschienene Erzählung des Dichters – eine Jukebox. Immer wieder wackelt plötzlich das Licht und ein paar interstellare Töne erklingen und einmal auch eine österreichische Nachrichtenstimme aus dem Nichts. Sonst herrscht eine souveräne, fast schon überwältigende Stille. In die hinein sprechen die schauspielernden Musiker ihre Sätze und hören einander vor allem zu.

          Im Gegensatz zur Salzburger Uraufführung dieses poetischen Theatertextes (F.A.Z. vom 4.August), in der mit allen Mitteln versucht wurde, seine Gebrochenheit zu inszenieren und ihn als hörspielartige Klangcollage schwach in Szene zu setzen, vertraut Jossi Wieler für die deutsche Erstaufführung souverän auf die Zugkraft der Sätze. Ihnen bereitet er den Raum und orchestriert sie mit großer Sorgfalt. Seine sechs Schauspielerinnen und Schauspieler stilisiert er durch wesensbestimmende Requisiten zu Menschentypen: Da ist die strenge Ordnungshüterin, die nervös an ihrer Brille nestelt (Linn Reusse), der kniezuckende Raucher auf der Suche nach Feuer und dem richtigen Anschlusssatz (Bernd Moss), die zu leise sprechende Schräge, der beim Pullover-Ausziehen die Perücke vom Schädel rutscht. Dann noch der eher ruhige Typ mit Fotokamera als Ersatz für das wilde Leben (Marcel Kohler) und der unsensible Dränger, der seine Fingerspitzen erwartungsvoll auf dem Ellenbogen klopfen lässt (Felix Goeser). Und da ist die eigenartige, leicht versponnene junge Frau mit den Chucks am Cellokasten, die spricht als wäre sie ein Orakel, im Ton der Alles-Wissenden, die Worte immer leicht verzögernd gesetzt, man könnte meinen, sie würde tasten, aber in Wahrheit will sie nur alle Aufmerksamkeit für sich. In ihr, der jungen, erst seit dieser Spielzeit am Deutschen Theater engagierten Lorena Handschin, findet der besondere Handke-Sound seine beste Fürsprecherin.

          Schönheit des Sich-Verlierens

          Sie verleiht seinem Schwanken zwischen Glücksspiel und Verzweiflung eine anziehende Eindringlichkeit. Aus ihren Sätzen setzt sich zusammen, was diesen strömenden Text so eigenartig macht: Die furchtbare Erzählung vom Freitod des jungen tschechischen Programmierers wird hier zum leisen und doch eindringlichen musikalischen Thema, das transponiert, umspielt und von anderen Melodien begleitet werden kann. Wen nur Fakten interessieren, der muss sie sich aus dem „Gewölle“ der Phantasien heraussuchen. Aber eigentlich geht es um etwas anderes: die Schönheit des Sich-Verlierens, das stille Aus-der-Zeit-Fallen, der Untergang einer ganzen Welt als Kehrseite einer einzigen Beobachtung: „An Haltestellen von Fernbussen werden immer weniger Menschen abgeholt“.

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