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„Peter Grimes“ in Madrid : Ein Leuchtturm in der Finsternis

Kalt ist der Mond, unerträglich das Leid, und die Welt kennt kein Oben und Unten mehr: Allan Clayton als Peter Grimes und der Tänzer Juan Leiba (oben). Bild: EPA

Das Teatro Real setzt seinen Kurs fort, mitten in der Pandemie Oper vor Publikum zu bieten. Jetzt durfte Deborah Warner „Peter Grimes“ von Benjamin Britten inszenieren. Das Ergebnis ist bewegend.

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          Zutiefst verzweifelt hüllt er den toten Jungen in ein graues Netz. Peter Grimes, groß wie ein Bär, kann das zierliche Kind kaum tragen. Verletzlich und zerbrechlich wirkt der bärtige Fischer in seinem Schmerz. Das kalte Mondlicht macht sein Leid noch schwerer. „Moonlight“ heißt das fünfte Orchesterzwischenspiel, das ohne ein gesungenes Wort ins Herz der Madrider Inszenierung führt: Peter Grimes, das Opfer. Gefangen in einem Netz von Hoffnungen und Selbstüberschätzung, in den Selbstmord getrieben von Dorfnachbarn, die ihn nach dem Tod seiner beiden Lehrlinge erbarmungslos hetzen.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Benjamin Brittens „Peter Grimes“ ist eine finstere Oper. Doch die bewegende Inszenierung von Deborah Warner strahlt wie ein Leuchtturm in die Covid-Opernwelt. Das „Teatro Real“ wagt sich ein weiteres Mal vor – und trotzt der Pandemie eine am Montagabend mit Ovationen umjubelte Produktion ab, die mehr als einmal vor dem Scheitern stand. Schon im vergangenen Juli war das Madrider Opernhaus ein Pionier, als es wieder zu spielen begann und seitdem nicht mehr aufhörte. Im Februar hatte dort Richard Wagners „Siegfried“ mit fast neunzig Musikern Premiere.

          In „Peter Grimes“ ist der Chor einer der Protagonisten. Während auch in Madrid die Corona-Zahlen wieder deutlich steigen, spielen seine gut sechzig Sänger auf der Bühne eine Hauptrolle. Perfekt choreographiert, bewegt der Chor sich agil wie ein Fischschwarm: Er weicht ängstlich zurück, um sich im nächsten Augenblick zu einer menschlichen Mauer aufzubauen. Zusammen mit den Sängern und zusätzlichen Schauspielern sind zeitweise mehr als achtzig Menschen auf der Bühne. Bis auf die Hauptdarsteller tragen sie Masken, aber in den kurzen Momenten, in denen alle schweigen, kann man sie atmen hören – und die Aerosolwolken ahnen, die über ihnen aufsteigen.

          Kürzlich 24 Infektionsfälle am Theater

          Anfang April erweckte die spanische Presse den Eindruck, als habe die neue Covid-Welle auch das Teatro Real überrollt. 24 Infektionen wurden gemeldet, auch im Chor und unter den Sängern. Die Theaterleitung, die schon mehr als 1,2 Millionen Euro für den Infektionsschutz ausgegeben hatte, entschied sich für eine Notbremsung. Die Proben wurden für eine Woche gestoppt, bis alle wieder gesund waren. Mit massiven Tests und skrupulöser Nachverfolgung bekam man die Lage wieder unter Kontrolle.

          „An manchen Tagen wünschte ich mir ein anderes Werk von Britten. Ohne Chor und mit weniger Sängern“, gesteht die Regisseurin Deborah Warner ein. Die Pandemie war für die Britin und ihr Team, die 2017 in Madrid schon „Billy Budd“ inszenierten, nicht die einzige Herausforderung. „Erst verzögerte sich wegen der neuen Brexit-Bürokratie der Probenbeginn. Dann haben wir wegen Covid die Premiere dreimal verschoben. So etwas passiert sonst nie in der Oper. Von Anfang an mussten wir unglaublich anpassungsfähig sein.“ Oft wusste sie nicht, mit wem sie überhaupt arbeiten würde. In Madrid hatten sie Glück: Die Infektionen verliefen mild, aber einige Künstler mussten sich bis zu drei Wochen gedulden, bis ihre Tests wieder negativ waren. Covid nötigte der Regisseurin jedoch keine künstlerischen Kompromisse ab, während es für die Sänger dauerhafte Härten bedeutete. Bis zu den letzten Bühnenproben mussten alle einen Mundschutz tragen. Nur die Hauptdarsteller dürfen ihn während Aufführung abnehmen.

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