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Opernuraufführung in Berlin : Denn sie hatten sonst keine Herberge

Lachses Schlund hat Gold im Mund: Schiffer (Roman Trekel, links) und Asle (Linard Vrielink, Mitte) beim Juwelier (Siyabonga Maqungo) Bild: Marcus Lieberenz

Glucksende Koloraturen im knarzenden Haus zum lustigen Lachs: An der Berliner Staatsoper gelangt „Sleepless“ von Péter Eötvös nach Jon Fosse zur sängerisch und szenisch eindrucksvollen Uraufführung.

          4 Min.

          Zarte Musik für eine harte Welt: erlesen perlende Harfentropfen, fischschuppig schillernde Flöten- und Klarinettenakkorde, warmer Hörnerglanz wie von flüchtigen Sonnenflecken auf dem Küstensaum unter zerzupften Kaltfrontwolken des Nordatlantiks, dazu ein fein gewirktes Gespinst der Streicher, manchmal knapp dreißigfach in Einzellinien unterteilt, aber in jeder Szene durch den Bezug zu einem wichtigen Zentralton gestützt; nicht einmal der Tod haut hier – wie noch bei Giuseppe Verdi – auf die große Trommel; er klöppelt knochentrocken, aber immer noch zart, auf der Marimba, bevor er sich wieder einen holt oder holen lässt durch Asle, den jungen zornigen Mann aus dem Dorf Dylgja.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Péter Eötvös hat sich, wie er selbst sagt, in seiner neuen Oper „Sleepless“ nach Jon Fosses „Trilogie“ sehr um eine norwegische Färbung seiner Musik bemüht: Er beginnt schon mit einem norwegischen Wiegenlied, das die junge Alida, die ein Kind von Asle erwartet, singt. Und Eötvös greift auch auf die bäuerliche Hardangergeige zurück, die schon Ole Bull und Edvard Grieg inspiriert hatte, wenn er Asle in Vorfreude auf einen Sohn Halling tanzen lässt. „Sleepless“ ist also zeitgenössisches Musiktheater, in dem Kolorit wieder etwas zählt.

          Resonanzraum aus Prophetie, Traum und Zeugenschaft

          Überhaupt bewegt sich dieses Stück, zu dem Matthias Schulz, der Intendant der Staatsoper Unter den Linden in Berlin, den Anstoß gab, zurück zur Tradition: Es ist narratives und es ist dekorativ-illustratives Musiktheater. Nach all den Installationen, bühnenuntauglichen Hörspielen, ausziselierten Orchesterliedern, lyrischen Monologen und postdramatischen Textcollagen mit Musikunterlegung der letzten Jahre erzählt „Sleepless“ zu dem Libretto von Eötvös’ Frau Mari Mezei klar und fesselnd eine Geschichte: von Asle und Alida, dem Paar aus einem norwegischen Fischerdorf, das noch zu jung ist, um heiraten zu dürfen; das aber schon ein Kind erwartet und wie einst Joseph und Maria keine Herberge findet; das von der Herzlosigkeit der Mitmenschen in die Verzweiflung getrieben und zu Verbrechern gemacht wird.

          Tomas Tomasson als Man in Black und Linard Vrielink als Asle
          Tomas Tomasson als Man in Black und Linard Vrielink als Asle : Bild: Imago

          Ein wenig zu linear, zu plan gerät Mezei ihre Transformation von Fosses Vorlage. Man glaubt, ein Drehbuch zu einem sozialkritischen Film von Mike Leigh oder Ken Loach vor sich zu haben. Was den Reiz von Fosses Epik und Dramatik ausmacht – der unklare Wirklichkeitsakzent nämlich, das Schweben zwischen innerem Monolog und äußerer Handlung, das Gespräch mit dem Jenseits –, das geht hier verloren und muss daher wieder eingefangen werden: durch Gesänge zweier weiblicher Vokalterzette, die einen Resonanzraum aus Prophetie, Traum und Zeugenschaft um die Hauptfigur Alida bauen, aus der eigentlichen Handlung heraustreten und das Ganze zu einer „Opernballade“ machen.

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