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Peter Brook in Recklinghausen : Und lässt kaum eine Spur

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Wozu strafen, es ist doch Vergangenheit: Die wunderbare Kalieaswari Srinivasan als Tochter in Peter Brooks „The Prisoner“ Bild: Simon Annand

Was bleibt vom Leben mehr als ein wenig Schreien und Flüstern? Die Ruhrfestspiele in Recklinghausen zeigen Peter Brooks neuestes Zauberstück „The Prisoner“

          Ein junger Mann sitzt am Fenster. Sitzt und schaut in die Nacht ohne Wind. Grüßt die Natur, die ihn zum Leiden verdammt hat. Weint leise, zittert und fragt sich, was ihm zu leben bleibt. Wohin noch denken, wenn alles schon ausgedacht ist, hier, auf der gegenüberliegenden Seite des hellerleuchteten Hauses, in dem getanzt wird und gespielt, hier, an dem kleinen Fenster, wo er verkrüppelt sitzt, an den Stuhl gefesselt. Im düstersten Gefängnis. „Und jäh“, so heißt es in Giacomo Leopardis bewegendem Gedicht „Der Abend nach dem Fest“, „und jäh beklemmt es mir das Herz zu denken / wie alles in der Welt vorübergeht / Und lässt kaum eine Spur.“

          Ein junger Mann sitzt am Feuer. Den Bannkreis aus Stöcken, Wurzeln und Steinen hat er selbst um sich gezogen. Er ist ein Vatermörder. Aus eifersüchtiger Liebe zur eigenen Schwester hat er den inzestuösen Vater mit einem Stein erschlagen. Jetzt sitzt er in der Wüste und schaut auf ein Gefängnis. Er lebt nicht hinter, sondern vor den Gittern, und doch und gerade deshalb ist er ein Gefangener. Denn „he is facing prison“ – er erwartet die Einkerkerung und hat seitdem keinen freien Gedanken mehr. Die Welt zieht vorbei, während er im Staub sitzt und auf den Tag wartet, an dem sie ihn holen werden. Aber der wird nicht kommen. Das Gefängnis bleibt eine Vorstellung, ein Trugbild der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Seine Strafe wird sein, dass er gewartet hat, zehn Jahre lang, und dabei stets versucht gewesen ist, aufzubrechen und fortzugehen.

          Was bleibt von uns?

          „The Prisoner“ heißt das neueste Zauberstück von Peter Brook. Es ist wie in Leopardis Gedicht: Das Leben geschieht mit all seiner Gewalttätigkeit und hinterlässt doch keine Spuren. Die Bühne am Ende ist die vom Anfang: mit ein paar Ästen, Spänen und Steinen übersät, ein Sack, ein paar Decken, ein Zinnteller und ein Kanister liegen als Requisiten im leeren Raum. Ansonsten wechselt nur das Licht und einmal hört man Vögel zirpen. Was bleibt von uns mehr als ein wenig Schreien und Flüstern? Als ein bisschen Hell oder Dunkel? Das ist (auch) Brooks Frage.

          Es wird alles so sein, wie es war: Szene aus Peter Brooks „The Prisoner“, uraufgeführt im Mai 2018 in Paris und jetzt in Recklinghausen zu sehen

          Ein Häftling drinnen, so erzählt der freundliche Henker bei seiner Pause dem jungen Mann vor den Gefängnistoren, habe am Tag seiner Hinrichtung noch um eine Olive gebeten. Als dann zum letzten Mal die Sonne für ihn aufging, habe er die Olive samt ihrem Kern verschluckt, damit aus seinem toten Körper einst ein Olivenbaum wachsen und er so fortleben werde. So machen es die einen. Die anderen glauben, dass nur der Tod den Menschen aus seinem Gefängnis befreien kann. Weil nämlich die schwersten Ketten nicht aus Stahl gemacht sind, sondern aus Neuronen. Das Dunkel, das uns nachts umfängt, ist nie so schlimm wie das, was kommt, wenn wir die Augen schließen.

          Er muss sich wieder „richten“

          Der Mann aus dem Dorf (Vasant Selvam), der mit der Axt in der Hand und Tränen in den Augen durchs Unterholz läuft, sich noch einmal umdreht, die Hand zum Abschied hebt, winkt und dann verschwunden ist, er könnte so denken. Fünf Tage lang saß der Vater, ohne zu essen und zu trinken, unter einem magischen Baum, um sich zu reinigen. Der Mörder-Sohn sitzt nun an seiner Stelle. Um sich wieder „zu richten“ (to repair), wie ihm Onkel Ezekiel (Hervé Goffings) befahl, nachdem er ihm mit einem Ast die Oberschenkel durchbohrt hat.

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