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Pet Shop Boys : It's A Prinzessin

Ein halbes Reich und diese Tochter, wer für den König das Unglaublichste leistet Bild:

Wenn der Kunstgeist über die Mächte des Bösen triumphiert: Die Pet Shop Boys machen in London aus Hans Christian Andersens straffem Märchen „Das Unglaublichste“ ein surreales Musik-Ballett.

          Die Pet Shop Boys haben schon lange gezeigt, dass ihre Ambitionen den Hitparadenpop übersteigen. Für ihre Videos und Shows zogen Neil Tennant und Christ Lowe Künstler hinzu, gerne Filmemacher und Darsteller wie Wolfgang Tillmans, Derek Jarman und Ian McKellen. Das Elektro-Duo wandte sich auch anderen Genres zu. Neben dem Musical „Closer to Heaven“ schrieb es eine neue Partitur für Sergei Eisensteins Stummfilmklassiker „Panzerkreuzer Potemkin“. Jetzt folgt ein am Londoner Sadler's Wells Theater uraufgeführtes narratives Ballett mit drei Solisten und dreizehn Tänzern, das überschwängliche Orchestermusik mit vielfältigen Synthesizer-Klängen und Videoprojektionen mischt und sich dennoch kühn in die Tradition Tschaikowskys einreihen will.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Tennant und Lowe haben Hans Christian Andersens straffes Märchen „Das Unglaublichste“ mit Hilfe des Dramaturgen Matthew Dunster phantasievoll ausgesponnen zu einem surrealen Dreiakter, der den Gegensatz zwischen Kreativität und Barbarei, Gedankenfreiheit und Unterdrückung, wahrer Liebe und bloßer Wollust beleuchtet. Der Venezolaner Javier De Fructus schuf die frenetische Choreographie.

          In dem Märchen verspricht ein König sein halbes Reich und seine Tochter dem, der in einem Wettbewerb das Unglaublichste leistet. Ein feinsinniger Künstler versetzt die versammelte Gesellschaft in Staunen mit einer magischen Uhr, die bei jedem Stundenschlag wundersame Bilder mit bewegenden Figuren darbietet. Aber ein übler Nebenbuhler zertrümmert das Kunstwerk und gewinnt mit dieser unglaublichsten Tat die Hand der Prinzessin. Bevor es zur Heirat kommt, verbandeln sich die Figuren aus der zerstörten Uhr, um den Missetäter zu töten. Der Künstler bekommt seine Prinzessin, das Paar lebt vergnügt bis an sein seliges Ende.

          Der finstre Karl erobert die Prinzessin: Aaron Sillis und Clemmie Sveaas

          Robotische Bewegung der Arbeiterschaft

          Aus der Moral der Geschichte, dass der Kunstgeist über die Mächte des Bösen triumphiert, schöpfte der dänische Widerstand während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg Hoffnung. Bei den Pet Shop Boys wird die Handlung in einen totalitären Staat verlegt, dessen sowjetische Prägung das von den russischen Konstruktivisten inspirierte Bühnenbild Katrina Lindsays hervorhebt. Überhaupt wird mit ironischem Witz aus der Kunst-, Musik- und Tanzgeschichte geplündert. Die robotischen Bewegung der Arbeiterschaft beschwört Charlie Chaplins Satire auf die monotone Fließbandfertigung in „Moderne Zeiten“. Auch die Zahnräder der Wunderuhr, die die animierten Bilder von Tal Rosner einrahmen, erinnern an das gewaltige Maschinenwerk des Filmes.

          Eine harmonische Kakophonie von Glockenschlägen, Ticklauten und Weckergeschell untermalt die lange Sequenz der Uhrzeiten, die in einer Aneinanderreihung surrealer Phantasien die Wunder des Daseins zelebriert. Der Wettbewerb wird als Persiflage einer Talentshow präsentiert, bei der die Richter, wie bei Andersen, die Generationen vom Kind zur Greisin umspannen.

          Prinzessin mit brutaler Triebkraft

          Der ukrainische Tänzer Ivan Putrov, dessen Freundschaft mit den Pet Shop Boys den Anstoß für das Ballett gab, schwelgt mit seiner Bande stechschreitender Raufbolde in der Rolle des finstren Karl und stolziert zu fauchender Musik in Spagatspüngen über die Bühne. Während er die Prinzessin mit brutaler Triebkraft zu bezwingen sucht, lässt sie sich von der zarten Sinnlichkeit des Künstlers erobern.

          Aaron Sillis und die temperamentvolle Clemmie Sveaas ergehen sich mit schlängelnden Bewegungen in einem romantischen Duett. Atemlos und etwas repetitiv steuert die Schau auf das ironisch-kitschige Happy-End zu. Es bleiben einige eindruckvolle Bilder, aber die Opulenz der akustischen und visuellen Effekte belegt die Weisheit der Maxime, dass weniger mehr ist.

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