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Pergolesi an Frankfurts Oper : Der Eremit als glücklicher Sozialarbeiter

Aufopferung in der Nachfolge Christi: Frank Albrecht (Vespone) zu Füßen der singenden Monika Buczkowska (Sopran). Bild: Barbara Aumüller

Ist Religion ein Relikt aus der Welt von Gestern oder eine Kraft, die Welt zu überwinden? Katharina Thoma verknüpft an der Oper Frankfurt „La serva padrona“ und das „Stabat mater“ von Giovanni Battista Pergolesi zu einem schönen, sinnfälligen Abend.

          3 Min.

          Erst im Januar hatte die Regisseurin Katharina Thoma an der Oper Frankfurt gezeigt, dass man ein Stück lieben und sich zugleich von ihm distanzieren kann. Sie brachte Richard Wagners „Tristan und Isolde“ auf die Bühne, indem sie den Tod als einzigen Ausweg aus dem trostlosen Leben musealisierte: Wagners Glücksverheißung des partnerschaftlichen Suizids wurde zum faszinierenden Ausstellungsstück in einer „Galerie der Romantik“, von dem sich Isolde am Ende zurückzog. Der Ausstieg der Frau aus dem Kunstwerk beschrieb szenisch den Weg aus der emotionalen Manipulation in die Freiheit der Selbstbestimmung.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Aus dieser Spannung von Faszination und Distanz lebt auch Thomas neueste Arbeit an der Oper Frankfurt. Sie hat zwei Stücke von Giovanni Battista Pergolesi, das Opernintermezzo „La serva padrona“ und das ursprünglich für den Kirchenraum gedachte „Stabat Mater“, gekonnt zu einem Abend verbunden. „La serva padrona“ – „Die Magd als Herrin“ – war nach der Uraufführung 1733, aber besonders nach dem Paris-Debüt von 1752 eines der wirkmächtigsten Stücke der Musikgeschichte. Als Pausenfüller für eine ernste Oper gedacht, verselbständigte sich die Konversation zwischen dem Herrn Uberto und seiner Haushälterin Serpina, die – durch trickreiche Mitwirkung des stummen Dieners Vespone – in der Heirat der beiden mündet, zum Musiktheater eigenen Rechts. Die Schlagfertigkeit der Dialoge, die Musik, die sich an Gestik und Tempo des alltäglichen Sprechens orientierte und zugleich die Pointierung des Dialogs verstärkte, machten das knapp einstündige Intermezzo zum Modellfall einer neuen Gattung: der komischen Oper.

          Ton einer neuen Frömmigkeit

          Während aber „La serva padrona“ die Selektion des Marktes durch die Formatierung des Musikbetriebs mit abendfüllenden Opern nicht überlebte, kann sich das fast zur gleichen Zeit entstandene „Stabat Mater“ einer nie abgerissenen Aufführungstradition erfreuen. Die musikalische Beschreibung der Schmerzen Marias im Angesicht der Todesqualen ihres Sohnes Jesus schlug einen neuen Ton der Einfachheit und Innigkeit an, der dem Wandel der Frömmigkeit im achtzehnten Jahrhundert entgegenkam und das Werk bis in die Gegenwart getragen hat.

          Katharina Thoma nun will die Geschichte der Frau als abhängige Magd, die nur ihren materiellen Vorteil verfolgt, und der Mutter Jesu, die nur passives Opfer ist, nicht mehr erzählen. Bei ihr wird aus „La serva padrona“ die Geschichte eines Konkubinats zwischen einem katholischen Geistlichen und seiner Haushaltshilfe, die bereits von ihm ein Kind erwartet. Eine keineswegs aus der Luft gegriffene Geschichte also. Für ein Buffo-Intermezzo mag der Gewissenskonflikt Ubertos zwischen der Verantwortung für Frau und Kind und dem zölibatären Leben als Priester ein zu großes und schweres Thema sein, aber es gelingt Thoma, nicht zuletzt durch die suggestiven Darsteller, das Schwere leicht zu verhandeln.

          Der junge, blondgelockte Gordon Bintner als Uberto hat einen sprungbereiten, leichten Bariton, der besonders in der Höhe glänzende Eleganz zeigt. Dass er sich für diese Spielzeit auf sein Rollendebüt als Don Giovanni vorbereitet hat, hört man ihm auf angenehme Weise an. Simone Osborne als Serpina zeigt in der besinnlichen Arie „Sie werden noch an Serpina denken“ eine eher stählerne Lyrik ihres Soprans; ihre Stimme ist leicht, beweglich, funkelnd, aber eher von wehrbereiter als von werbender Grazie.

          Spielfreudig und gewandt sind beide. Bei der musikalischen Pointierung des Dialogs, den oft karikierenden Wort- wie Tonwiederholungen, üben sie allerdings eher Zurückhaltung. Dabei ist es erstaunlich, was sich das Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter der Leitung von Karsten Januschke alles traut: Der Cellist im Continuo malt mit Glissandi gelegentlich ein Stöhnen, Gähnen und Eselswiehern. Die Geigen, mit Barockbögen, geben das Heulen, von dem Uberto singt, mit hohlem Schaben nah am Steg wieder. Aber Sänger wie Orchester scheuen vor einer komischen Überzeichnung, vielleicht der ernsten Regiefabel wegen, zurück.

          Die umwerfende Hauptfigur des Abends aber ist der Schauspieler Frank Albrecht als stummer Diener Vespone. Er jongliert slapstickhaft mit dem Besen und dem Hausaltar in dem Interieur, das Etienne Pluss entworfen hat, er spielt Harmonium, auch den Brautmarsch aus „Lohengrin“, und er zieht sich nach dem Schluss der Oper aus der turbulenten Welt, die ihn nicht interessiert, in die Andacht des „Stabat Mater“ zurück. Das Interieur verschwindet; ein schwarzer Raum mit einem Vorhang in Violett, der Farbe der Buße, bleibt übrig. Die mit generöser Süße und ungetrübtem Wohlklang singenden Frauen Monika Buczkowska und Kelsey Lauritano sind von Irina Bartels in gotische Kostüme gesteckt worden. Eine Obdachlose, eine Prostituierte, ein einsamer Mann, ein Asylsuchender aber nötigen Vespone, aus seiner selbstgenügsamen Spiritualität herauszukommen und soziale Zuwendung zu üben. Er opfert sich auf und stirbt, von Olaf Winter so expressiv ausgeleuchtet wie die heiligen Greise auf den Bildern von Jusepe de Ribera.

          Man muss die These der Regisseurin nicht teilen, dass Religion nur noch in karitativer Arbeit ihre Rechtfertigung findet, um anzuerkennen, dass ihr und allen Mitwirkenden ein schlüssiger, handwerklich schöner Abend gelungen ist. Dass sich Pergolesis „Stabat Mater“ aber so lange gehalten hat, zeugt vielleicht auch davon, dass darin die Möglichkeit aufscheint, die Welt zu überwinden, jenseits der Arbeit, sie zu verbessern.

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