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Klaviermusik in Husum : Perfekt ohne Glamour

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Peter Froundjian, Gründer und Leiter der „Raritäten der Klaviermusik“, spielt in Husum Musik von Issay Dobrowen Bild: Thomas Lorenzen

Nicht nur das Immer-Gleiche: Die "Raritäten der Klaviermusik" entdecken vergessene schwarze Perlen aus der goldenen Zeit des Instruments.

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          Eine Erhebung der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder verzeichnete vor sechs Jahren 1641 Musikfestivals. Eines davon begibt sich seit 34 Jahren in Husum. Es dauert nur gut eine Woche, in der sieben oder acht Pianisten jeweils nur einen Klavierabend geben. Der Feststellung, dass dort keine großen Namen auftauchen, wäre entgegenzuhalten, dass sich exzellente Musiker einfinden, die im starfixierten Musikbetrieb einfach nur zu wenig Anerkennung gefunden haben. Bei der Wahl der Programme haben sie alle Freiheiten. Fast alle. Anders als jene Arrivierten, die bei De-luxe-Festivitäten mit Standardprogrammen ein Verkaufsgespräch führen, haben sie, so der Titel des Festivals, „Raritäten der Klaviermusik“ zu präsentieren.

          Es findet im Rittersaal des „Schlosses vor Husum“, der vormaligen Nebenresidenz des herzoglichen Hauses Schleswig-Holstein-Gottorf, statt, und es ist bestimmt für Leute, so sagte der kanadische Pianist und Komponist Marc-André Hamelin, „die mehr wollen, als Standardprogramme. Es ist wohl das perfekteste Festival auf der Welt.“ Hamelin war schon ein Star, wenn auch in Deutschland noch wenig bekannt, als er hier 1988 die zwölfte seiner Etüden und ein Jahr später die Bearbeitung einer Chopin-Etüde des legendären Leopold Godowsky spielte.

          Aber: das perfekte Festival? Ein Festival ohne jeden Glanz? Ohne mondänen Chic? Mit Konzerten in einem kleinen, eher schlichten Saal, der an sonnigen Tagen für die eben 160 Besucher zum Hitzetest wird und der dem Klang eines Konzertflügels kaum gewachsen ist, gerade dann, wenn der Pianist Nicolas Stavy mit Franz Liszts Tondichtung „Von der Wiege bis zur Bahre“ offenbart, dass der Komponist der Entdecker des gewaltigen Klangs war. Bei den Passagen des Innenteils („Der Kampf ums Dasein“) mit ihrem „violente staccato“ schien es, als würden die Wände vibrieren. Doch: das perfekteste Festival – eine Musikwoche ohne all jene „Meisterwerke“, die als unsterblich bezeichnet werden, obwohl sie weithin benutzt oder vernutzt werden nach dem Leitsatz: „Nimm immer wieder das Gleiche und mach daraus eine Leiche“ (Ernst Jandl).

          In den rund zweihundert Konzerten der letzten 34 Jahre müssen in Husum weit mehr als tausend Werke gespielt worden sein. Dass nur sechs davon zweimal auf dem Programm gestanden haben, entkräftet den Einwand, dem der Gründer und Spiritus Rector, der Pianist Peter Froundjian entgegenzutreten hatte, als er 1987 – ein Jahr nach Eröffnung des Schleswig-Holstein Musik Festivals – mit seinen vermeintlich sperrigen Konzerten „jenseits des Mainstreams“ begann: Dass es ständig schwerer sein würde, in der Truhe der Raritäten schwarze Perlen zu finden und auf Dauer Musikfreunde in die ferne „graue Stadt am Meer“, wie Theodor Storm seinen Geburtsort nannte, zu locken. Und doch, sie kamen und kommen noch immer; „Pianophile“, denen es nicht um den fröhlichen Reflex des Wiederkennens von Klassiker-Schlagern geht, sondern um Entdeckungen und Herausforderungen.

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