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Perceval inszeniert „Brüder Karamasow“ : Ein stiller Kämpfer unter lauten Irren

  • -Aktualisiert am

Die Schauspieler Patrycia Ziolkowska als Gruschenka und Alexander Simon als Aljoscha Karamasow Bild: dpa

Wo, bitte, geht’s zum Paradies? Luk Perceval vertieft sich am Thalia-Theater in Dostojewskis „Brüder Karamasow“. Dabei hat er das Mammutwerk auf seine Essenz gekürzt und die Bühne kurzum zu Kathedrale und Schule erklärt.

          Luk Perceval ist seit vielen Jahren bekennender Buddhist. Und er ist seit etwas weniger Jahren ein Theaterregisseur, der es liebt, die großen Romanstoffe so lange zu tranchieren, bis auf der Bühne nur noch die nackten Knochen zu sehen sind, an denen im Idealfall die genau richtige Menge an nahrhaftem Fleisch hängen geblieben ist. Das funktioniert oft überraschend gut, weil Perceval ein gutes Gespür für die richtigen Schnitte zu haben scheint.

          Diesmal hat er sich einen Brocken vorgenommen, der sowohl seinem Interesse an Meditation wie an Textfiletierung entgegenkommen sollte: Fjodor M. Dostojewskis, „Die Brüder Karamasow“, veröffentlicht 1880 kurz vor dessen Tod und knapp 1200 Seiten dick. Ein Roman, in dem der Autor rund um den Mord an dem ziemlich widerlichen Egomanen Fjodor Karamasow, der vier Söhne (drei offizielle, einen unehelichen) von drei Frauen hat, all die letzten Fragen stellt, die den Autor sein Leben lang beschäftigten - und jeden anderen vermutlich auch: Warum sind wir so, wie wir sind? Und nicht so, wie wir gern wären? Gibt es einen Gott? Und wenn ja, wozu?

          Und warum lässt er dann in diesem speziellen Fall zu, dass mit einer Ausnahme jeder in diesem Roman, Vater Karamasow vorneweg, sich zumindest zeitweise wie ein egozentrisches und triebgesteuertes, dämliches Miststück verhält? Obwohl sich doch alle, Vater Karamasow ausgenommen, so viel Mühe geben, es besser zu machen.

          Perceval und die Dramaturgin Susanne Meister haben aus den 1200 Seiten der noch frischen Übersetzung Swetlana Geiers knappe neunzig gemacht, Nebenstränge gekappt, die philosophischen Diskurse komprimiert, das Personal auf wenige Figuren und die auf ihren absoluten Kern reduziert - und dennoch muss man nach den drei Stunden, die die Premiere am Hamburger Thalia Theater dauerte, sagen: Die Fassung hätte gegen Ende ruhig noch ein paar Seiten kürzer sein dürfen. Aber nur gegen Ende.

          Ein kopf- und haltloser Gefühlsklotz

          Denn da sieht sich Perceval offenbar gezwungen, die Kriminalgeschichte, die oberflächlich die Handlung des Romans vorantreibt, irgendwie zu einem Ende zu bringen. Und so wird Burkhard Klaußner, der zu Beginn auch das Mordopfer als gar nicht so unsympathischen Lüstling gespielt hat, im Stil eines mittelbegabten Galamoderators gezwungen, den Prozess gegen den ältesten Sohn Dmitri als Ankläger und Verteidiger in einer Person abschnurren zu lassen.

          Der ist bei Bernd Grawert ein kopf- und haltloser, aber ebenfalls liebenswerter Gefühlsklotz - wie eigentlich alle Figuren, die hier mit viel Liebe betrachtet werden. Man merkt aber nicht nur in dieser Szene, wie wenig Perceval die im Grunde auch ziemlich gleichgültige Frage, wer den Mord beging und was das am Ende den Angeklagten kostet, überhaupt interessiert. Wie sehr es ihn langweilt im Vergleich zu den Fragen, die die Brüder und die Frauen, die sie lieben (oder auch nicht), exemplarisch bewegen.

          Die Bühne als Kathedrale und Schule

          Für ihre Sehnsüchte, Wünsche, ihre Zweifel an sich, Gott und der Welt hat sich Perceval von der Bühnenbildnerin Annette Kurz ein „spirituelles Labyrinth“ (Perceval), einen tatsächlich sakral anmutenden Raum bauen lassen: ein nach hinten dichter und dunkler werdender Wald aus vom Bühnenhimmel baumelnden Stahlrohren, die sich leicht wiegen, hin und her schleudern und Glocken gleich schlagen lassen.

          In der Mitte steht eine große Glocke auf dem Boden, in die unter anderem das Wort „Trübsal“ eingraviert ist, der schwarze Boden ist vorn mit kyrillischen Buchstaben in weißer Kreide bemalt, ein paar Holzschemel, ein paar herumliegende Bücher. Die Bühne als Kathedrale und Schule des Lebens zugleich. Eine heilige Halle, in der Lehrer Perceval mit seinen Schüler für alles Nebulöse, Schwierige erstaunlich klare und kräftige Bilder findet, für das vermeintlich Klare, Schlichte aber oft nur wässrige und matte.

          Die Schauspieler Marina Galic als Lise und Alexander Simon als Aljoscha Karamasow

          In dieser Halle steht der jüngste Karamasow-Bruder Aljoscha als staunender, still mit sich kämpfender Novize im Zentrum - und er ist dabei meist sehr allein unter lauter Irren. Alexander Simon versieht diesen an Gott, Verantwortung, Liebe und an das „Paradies auf Erden“ glaubenden Aljoscha mit der Stoik eines tibetischen Mönches. Er sitzt meist da, die Hände auf den Knien, den Blick gebannt und im Zweifel nach innen gerichtet, und versucht, so gut es geht, die Stürme, die da Szene für Szene auf ihn einbrechen, zu überstehen.

          Alles soll sich mit allem verbinden

          Das ist nicht ganz einfach, wenn etwa Jens Harzer als sein an sich und allem zweifelnder älterer Bruder Iwan sich in immer fiebrigeren Wahn redet. Oder wenn Patrycia Ziolkowska, ganz körperbetonter Irrsinn unter weißer Pelzmütze, als begehrte Gruschenka sich den Mönchsanwärter aussucht, um ihr Leiden an der eigenen Verdorbenheit lustvoll zu zelebrieren, indem sie ausgiebig auf dessen Schoß ihre rhythmische Gefühlsgymnastik treibt. Das aber sind die Momente, in denen tatsächlich alles in Bewegung gerät, in denen alles fließt, sich die Dinge verbinden, so wie Aljoscha es für die Welt erhofft.

          Alexander Simon steht, als er das sagt, vorne an der Rampe, das Saallicht ist an und nicht wenige schon gedanklich in der Pause. „Alles ist nichts ohne ein Gefühl für Gott“, sagt er noch. Ruhig. Ernst. Ungeschützt und kitschfrei. Niemand hätte in diesem Moment gewagt, diesem mutigen Mann zu widersprechen.

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