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„Linda“ in Düsseldorf : Der kleine Zeitunterschied

Was diese Frau so alles treibt: Linda (Claudia Hübbecker) verwirrt ihre Kollegen. Bild: Sandra Then

Frauen müssen Präsenz zeigen, Männer können sich Zeit lassen: Die deutsche Erstaufführung von Penelope Skinners „Linda“ am Düsseldorfer Schauspielhaus vollzieht sich in melodramatischer Überdeterminiertheit, aber dank den Schauspielern ist man gepackt.

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          Etwas, was nach nichts aussieht: Eine weiße Plane hat Stéphane Laimé an der hinteren Bühnenwand des Kleinen Hauses im Düsseldorfer Schauspielhaus befestigt, wie sie in einem Fotostudio oder Messepavillon ausgerollt werden könnte, um die Gerüste der Normalität unsichtbar zu machen. Penelope Skinners Stück „Linda“ wurde 2015 in London uraufgeführt. In der von Marius von Mayenburg inszenierten deutschen Erstaufführung ist nur ein einziges Möbelstück fest auf der leeren Bühne installiert: ein weißer, hochkant stehender Quader.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Er ist das Ding, das für die Titelheldin einsteht: ein unverrückbares Statussymbol. Der Sockel, den sie sich errichtet hat mit ihren Leistungen in der Firma und in der Familie. Das Podest, das sie besteigen könnte, um eine Rede zu halten an alle Frauen, denen sie gezeigt hat, wie man nach oben kommt. Der Balkon, von dem aus ihr Blick in die weite Ebene des vor ihr liegenden Lebensabends schweift. An Beweglichkeit nimmt es niemand mit Linda auf, mit ihren 55 Jahren könnte sie immer noch jede Ballettratte austanzen. Aber in zweieinhalb Stunden klettert Claudia Hübbecker nie auf den Klotz. Wie einst die vierte Plinthe des Trafalgar Square bleibt der Ehrenplatz leer: Nichts, das nach etwas aussieht.

          Das Stück beginnt mit einem Monolog der Hauptperson. Wie das heute heißt: einer Präsentation. Linda hält einen Vortrag über eine von ihr geplante neue Kampagne, einen Werbefeldzug für Frauen über fünfzig, Frauen wie sie. Das weiße Funktionsmöbel dient als Altar. Ein Kultobjekt wird präsentiert: eine Cremedose mit dem Markenzeichen von Lindas Firma, dem Schwan.

          Ein Werbe-Oscar in surrealistischem Stil

          Später verwandelt sich die Szene ohne Umbauten in Lindas Büro. Hier steht auf dem unbeweglichen Untersatz ihre Trophäensammlung, bestehend aus einem einzigen Stück: eine Art Werbe-Oscar der Kosmetikbranche, ihr ganzer Stolz – denn den Stolz auf die aus der selbstbewussten Art geschlagenen Töchter und den für ein lebendes Bild der ehelichen Treue engagierten Gatten hat sie sich zu ihrem Unglück abschminken müssen. Die Statuette zitiert den surrealistischen Topos des Arms, der eine Maske hält. Für eine Produktlinie, die jungen Frauen Mut machen soll, ihr wahres Gesicht zu zeigen, hat Linda vor zehn Jahres den Preis bekommen. Jetzt nimmt sie sich selbst, die eigene Alterskohorte, ins Visier.

          Wie lief die Präsentation? Linda kann ihrem Mann berichten, dass sie ein gutes Gefühl hatte. Wie in alten Zeiten! Dave, ihr Chef, wird ihr seine Entscheidung am Montag mitteilen. In diesem Moment wissen wir, dass es aus ist, dass alles aufbrechen und zerbröckeln wird, was an ihrem Selbstbild nur Kosmetik ist, mit äußerster Sorgfalt nach allen Regeln einer professionellen Kunst für die Augen Dritter aufgetragener Schmuck.

          Frauen müssen Präsenz zeigen, das ist ihre Stärke und ihre einzige Chance. Claudia Hübbecker macht Linda zu einer Erscheinung der Geistesgegenwart. Wenn sie die Haare flattern lässt oder mit dem Spielbein das Standbein zu umschlingen scheint, dienen solche Blicklenkungsmanöver stets der Hervorhebung ihrer Silhouette: Messerscharf tritt sie im schwarzen Hosenanzug aus dem Weißraum hervor. Sie macht schöne Figur, indem sie alles auf Linie gebracht hat, aber niemand soll sie mit einer Arabeske verwechseln. Der Chef muss nicht darauf achten, ob sein Anzug sitzt. Wolfgang Michalek liefert eine witzige Studie über die Nachlässigkeiten ab, welche die wahren Abzeichen der Macht sind.

          Der Kürbis wird zum Schlachtopfer

          Männer können sich Zeit lassen. Dave lässt sich bis Montag nicht in die Karten schauen, denn er will Amy, Lindas neue Kollegin, die ihre Tochter sein könnte, ein Wörtchen mitreden lassen. Neil (Thiemo Schwarz), Lindas Mann, ist mit der Zeit im Schuldienst so breit und grau geworden, dass ihm eine Geliebte zufliegt, die sich neben ihm noch einmal richtig jung fühlt. Die Zubereitung des Abendessens schiebt er um eine Stunde hinaus, so dass es ihm seine Frau wie auch sonst alles in ihrem Eheleben lieber schnell wieder aus der Hand nimmt. Der Altar wird zum Küchentisch, und Linda zersäbelt den Kürbis fürs Risotto wie ein Schlachtopfer.

          Bridget, die jüngere Tochter, büffelt mit dem Papa Monologe von Shakespeares männlichen Helden für die Schauspielschule. Als Alice, die ältere Tochter, im Kostüm eines Stinktiers hereinschleicht und ein Messer zückt, um Pizzakartons zu zerteilen, ahnen wir, dass Neil Grund hätte, sich eine Atriden-Edition aufs iPad zu laden. Ihren Seelenmüll entsorgt Alice nicht, und die Schuld dafür gibt sie der Mutter.

          Lea Ruckpaul ist Claudia Hübbecker ebenbürtig: Lindas Schatten, eine Virtuosin der Absenz. Die Tragödie vollzieht sich in melodramatischer Überdeterminiertheit, aber dank den Schauspielern ist man gepackt. Linda bewahrt auch in der Katastrophe Haltung: Das Opfer, das sie auf dem Altar ihres Ich-Ideals darbringt, ist sie selbst.

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