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Pearl Jam in Berlin : Weg mit der alten Melancholie

  • -Aktualisiert am

Eddie Vedder in der Berliner Waldbühne Bild: DAVIDS/Christina Kratsch

Dieses Charisma ist weder zu bestreiten noch leicht zu erklären: Während der Grunge viele Tote zu beklagen hat, feierte die Band Pearl Jam in Berlin das Leben – inklusive Achtsamkeitsbitte.

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          „I’m still alive“ lautet der Refrain der berühmtesten Pearl-Jam-Hymne. Auch wenn der Text vor dreißig Jahren ganz anders gemeint war – heute hört man weniger den bitteren Trotz als den keineswegs selbstverständlichen Umstand, dass die Band sich der fatalen Todesdrift des Grunge bisher entziehen konnte. Im Februar ist der großartige Sänger Mark Lanegan gestorben, Chris Cornell, Layne Stalay und Kurt Cobain haben Selbstmord begangen oder sind ihrer Drogensucht erlegen. Auch am Anfang der Gründung von Pearl Jam hatte eine Überdosis gestanden. Nach dem Tod von Andrew Wood mussten sich der Gitarrist Stone Gossard und der Bassist Jeff Ament einen neuen Sänger suchen. Und fanden Eddie Vedder.

          Vor diesem Hintergrund ist ein Pearl-Jam-Auftritt heute eine Feier des Überlebens. Vedders „Passt-auf-euch-auf!“-Mahnungen, die er auch am Dienstagabend in der ausverkauften Berliner Waldbühne ins gedrängte Publikum vor der Bühne rief, sind deshalb mehr als eine Attitüde. Dieses Publikum ist größtenteils mit der Band gealtert, besteht aus Dreißig- bis Sechzigjährigen, ein paar Jugendliche sind in Elternbegleitung. Migranten und „People of Color“ findet man allenfalls beim Einlasspersonal oder beim Bier- und Brezeldienst. Die meisten Zuschauer sind erfahrene Pearl-Jam-Konzertgänger und wissen genau, wann man bei „MFC“ mit doppelter Geschwindigkeit klatschen oder bei der immer wieder wunderbaren Ballade „Elderly Woman Behind the Counter in a Small Town“ lauthals „Hello!“ schreien muss. Hier sorgt das Publikum für die Choreographie, während die Band spontaner agiert als Gruppen mit einer durchgetakteten Theater-Show wie etwa Rammstein. Dank dieser Band-Publikum-Dynamik funktionieren alte Songs wie der Riff-Rocker „Even Flow“ (wird unvermeidlich gespielt) und das punkige, an diesem Abend auf doppelte Länge ausgeweitete „Corduroy“ live immer noch bestens.

          Der anrührendste Moment des Abends

          Eddie Vedders Charisma ist weder zu bestreiten noch leicht zu erklären. Das Publikum liebt ihn und lacht herzlich, wenn er einen Zettel mit deutschen Begrüßungssätzen vorliest und beim Wort „Waldbühne“ beinahe kapituliert. Der Rockstar gibt sich längst nicht mehr als Melancholiker, auch wenn der Weltzustand aktuell viel dunkler erscheint als in jenen Jahren nach 1989, als Grunge für ein paar Jahre die (weiße) Popkultur dominierte und den Gitarren-Rock im Zeichen des Weltverdrusses wiederbelebte. An diesem Abend spricht Vedder nicht vom Krieg (auch wenn Leadgitarrist Mike McCready ein T-Shirt mit Ukraine-Schriftzug trägt); er ist einfach gut gelaunt, erfrischt seine Kehle zwischendrin mit Wein aus der Flasche, preist die Schönheit des Amphitheaters, lobt das Wetter und freut sich mit dem Publikum vor allem darüber, dass solche Konzerte nun endlich wieder möglich seien.

          Zweimal war der Auftritt wegen der Pandemie verschoben worden. Was das im Einzelfall bedeuten kann, machte der anrührendste Moment des Abends deutlich. Ein Lehrer aus Lüneburg hatte im Jahr 2020 Karten für das Konzert gekauft; dann erkrankte er schwer an Amyotropher Lateralsklerose. Inzwischen ist er ein Schwerstpflegefall mit geringer Lebenserwartung. Erleben wollte er aber noch dieses Konzert, was wegen der Organisation und der Barrierefreiheit schwierig wurde. Die „Taz“ veröffentlichte vor einigen Tagen einen Artikel über den Fall unter dem Titel „Letzter Wunsch: Pearl Jam“. Dieser erfüllte sich nun doch, als Eddie Vedder die Geschichte erzählte und der Kranke von seiner Ehefrau und Tochter im Liegerollstuhl auf die Bühne geschoben wurde.

          Ist das etwa eine Rolling-Stones-Coverband?

          Das jüngste Pearl Jam-Album „Gigaton“ hat eher matte Kritiken bekommen. Zwei Songs daraus bereichern das Live-Portfolio der Band jedoch entschieden: das ekstatische „Quick Escape“ und vor allem „Dance Of The Clairvoyants“ mit dem mächtig schiebenden Bass und dem Spiel von Mike McCready mit schrägen Stotter-Licks kontrapunktierten Funk-Rhythmus. Es klingt ein wenig nach Talking Heads, was allerdings nicht jedem Fan gefällt. Etwas verunsichert wirkte ein Teil des Publikums auch, als Pearl Jam plötzlich zur Rolling Stones-Cover-Band wurden und eine druckvolle Version von „Street Fighting Man“ spielten. Längst gehört die Verwaltung des Rock-Erbes zum selbstauferlegten Kulturauftrag der Band. Und weil Vedder das Berliner Ramones-Museum so schätzt, wurde mit „I Believe In Miracles“ auch ein süffiger Klassiker der New Yorker Punk-Legenden gecovert.

          Schließlich hatte die Waldbühne ihre Bestform erreicht. Ein fulminanter Sommernachtshimmel und 22.000 Begeisterte, die mit der Band nach einer merkwürdigen Schrumpfversion von „Yellow Ledbetter“ gerade die Hymne auf das Leben und Überleben angestimmt hatten – aber da war das Konzert wegen der Lärmschutzvorschriften auch schon zu Ende. McCready musste sein „Alive“-Gitarrensolo, das die Menge armschleudernd und „Yeah“ rufend zu skandieren pflegt, um Punkt 22 Uhr überhastet zuende bringen. Ein Pearl-Jam-Konzert, das nach nur zwei Stunden eher abbricht als endet? Das Publikum wollte es nicht wahrhaben, in den Beifall mischten sich Pfiffe und Johlen, während auf der Bühne schon das Abräumen begann. Würde es nun, wie bei den Stones 1965, zur Waldbühnenrandale kommen? Nicht mit den ergrauten Pearl-Jam-Fans. Der Unmut verdampfte nach einigen Minuten in der lauen Abendluft und man machte sich beinahe zufrieden auf den Heimweg. Schön war’s doch.

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