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Paul Kuhn der Große : Die schrägsten Synkopen, lässig serviert

  • -Aktualisiert am

An Ort und Stelle, auf den Spuren seiner Idole: Paul Kuhn in den Capitol Studios von Los Angeles Bild: in-akustik

Der Mann am Klavier könnte es sich gemütlich machen. Aber Paul Kuhn, der heute 85 Jahre alt wird, feiert seinen Geburtstag mit einer Tournee. Auch seine neue CD lässt den alten Hasen des Jazz verdammt jung aussehen.

          Ist es zwanzig Jahre her? Fünfundzwanzig? Paul Kuhn, der heute 85 Jahre wird, dürfte dieses Wohltätigkeitskonzert in einem Frankfurter Nobelhotel längst vergessen haben. Nicht so die, für die er spielte: knapp vierzig Leute. Die Veranstalter hatten sich verschätzt, nichts organisiert, kaum geworben. So kam es, dass im hallend leeren Festsaal Paul Kuhn vor das Publikum trat, verlegen erklärte, dass Harald Juhnke leider nicht erschienen, dafür aber der Geiger Helmut Zacharias eingesprungen, der Klarinettist Rolf Kühn bereit und Caterina Valente wie versprochen da sei. Dann begannen die vier zu jazzen, dass das Parkett vibrierte - und als ob sie in New Yorks Latin Quarter oder der Carnegie Hall auf der Bühne stünden.

          „That’s Entertainment“: Egal, ob vierzig oder viertausend, man gibt sein Bestes. Die vier Künstler waren schon ausgefuchste Entertainer, als hier noch kein Mensch den Begriff kannte. Und wie jeder perfekte Entertainer wanderten sie zwischen den Welten, wechselten zwischen Schnulze und Blues, adelten Schlager mit Jazz und riskierten bei Blue Note leichte Noten - was es Paul Kuhn nicht immer leicht machte: Als 1954 sein süffisantes „Ge’m Se dem Mann am Klavier noch’n Bier“ in die deutsche Hitparade schnellte, geriet die Jazzkarriere, die man dem achtzehnjährigen Pianisten und Sänger 1946 in Wiesbadener GI-Klubs prophezeit hatte, außer Sicht.

          So kennt und verehrt man ihn

          Wunschkonzerte, Schlagertourneen, Musikfilmchen. Nicht, dass es an Ausbruchsversuchen gefehlt hätte: Da gab es Mitte der Fünfziger die sehr erfolgreiche Fernsehreihe „Spiel mit Vieren“, in der Kuhn, der Geiger Svend Asmussen, der Gitarrist Ulrik Neumann und das schwedische Stimmwunder Alice Babs live Jazz-Kammerkonzerte vom Feinsten gaben. 1965, zwei Jahre nachdem „Es gibt kein Bier auf Hawaii“ zu Kuhns zweitgrößtem, das Schunkel-Image betonierendem Hit wurde, nahm er mit seinem Leidensgenossen Bill Ramsey ein Jazzalbum auf, das heute als kostbare Rarität Spitzenpreise auf Schallplattenbörsen erzielt.

          Paul Kuhn - A Moment on Tour - Überlingen from mudoks records on Vimeo.

          Aber waren das wirklich Ausbruchsversuche? Wer sich bei Youtube umsieht, stößt auf einen Paul Kuhn, der zwischen 1968 und 1980 als Leader der SFB-Bigband Count-Basie-Format zeigt und im Duett mit Harald Juhnke vorführt, was Amerika so sehr am „Rat Pack“ von Sinatra, Martin und Co faszinierte. Nicht wegen, sondern trotz der Durststrecke, die auf das Ende der SFB-Band und der beliebten Personality-Shows folgte, kehrte Paul Kuhn in den neunziger Jahren zurück zu den Wurzeln, jazzte in Klubs oder Konzerthallen und wurde von einer neuen Generation als erstklassiger Jazz-Pianist und Sänger entdeckt: Ein höflicher, freundlicher älterer Herr mit einer faszinierend zerklüfteten Gesichtslandschaft irgendwo zwischen Serge Reggiani und Morgan Freeman, der mit unbeteiligter Miene, höchstens einem verschmitzten Lächeln seinem Flügel die schrägsten Synkopen und schmeichelndsten Mollakkorde entlockt - so kennt und verehrt man ihn seitdem.

          Souveräner Umgang mit den Klassikern

          Damit hätte Paul Kuhn jeden Grund, sich zurückzulehnen. Stattdessen aber flog er im November 2011 nach Los Angeles und besuchte die Capitol Studios, die Wirkungsstätte seiner Idole Ray Charles und Frank Sinatra. Er habe, sagt Paul Kuhn, so etwas wie Ehrfurcht gefühlt, als er in dasselbe Mikrofon wie einst Sinatra sang. Die CD, die Kuhn, betreut vom sieben Mal mit dem Grammy prämierten Toningenieur Al Schmitt, dort mit dem Bassisten John Clayton und dem Schlagzeuger Jeff Hamilton (beide gehören zur Stammband von Diana Krall) aufnahm, ist alles andere als ehrfürchtig-schüchtern: Entspannt wie in einem Heimstudio steigt Kuhn nach einem Spannung aufbauenden rhythmischen Bassvorspiel ein: „Almost the Blues“, eine Eigenkomposition, ist kein Dämpfer, sondern ein swingender Auftakt, ein Versprechen. Und das wird glänzend eingelöst. Bei „Just in Time“ löst sich der Sänger Kuhn von den lastenden Vorbildern Sinatra und Ella Fitzgerald. Er singt das Lied vom schließlich doch noch der Liebe Verfallenen abgeklärt, fast ironisch. Und „There Will Never Be Another You“, mit dem einst Nat King Cole debütierte und die Valente ihren Einstand in Las Vegas gab, interpretiert er als lebenskluges, abgeklärtes Fazit.

          Wer so souverän mit den Klassikern umgeht, gibt auch seinen Partnern breiten Raum: „Emily“ ist ein Dialog mit dem Bass, bei dem Kuhn dem aberwitzigen präzisen Pizzicato John Claytons den Vortritt lässt; „People“ und „On a Clear Day“, partienweise mit gestrichenem Bass, sind vom Bombast der Streisand befreite, federleichte Nummern mit Tiefgang; „You’ ve Changed“ klagt diskret, und „Speak Low“ tänzelt den Schluchzern vieler Weill-Interpretationen davon.

          Ob stürmischer Swing oder verhaltene Ballade - die Präzision und das gezügelte Temperament, mit denen Paul Kuhn vorgeht, lassen jenen ziselierten, typisch „europäischen Jazz“ aufleben, der Amerika in den fünfziger Jahren aufhorchen ließ. So klingt selbst das ausgelaugte „As Time Goes By“, von Kuhn mit spröder Stimme interpretiert, noch einmal neu. Den letzten Ton hält er lange. Wenn er verklingt, scheint der Sänger ein Zauberer, der leise im Lande Oz verschwindet. Paul Kuhn aber ist da. Statt am Kamin feiert er Geburtstag auf Deutschlandtournee - Glückwunsch!

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