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Oper von Paul Dessau in Weimar : Ich fresse einen Philosophen zum Frühstück

  • -Aktualisiert am

Hier hat jedes Schnapsglas einen doppelten Boden:Juri Batukov (Charlesmagne), Emily Hindrichs (Elsa) und Mátjás Solyom-Nagy (Lanzelot). Bild: Candy Welz

Märchen als politische Farce: In Weimar ist die phantastische Oper „Lanzelot“ von Paul Dessau nach Heiner Müller zu bestaunen.

          3 Min.

          Märchen und Politik haben viel gemeinsam. Beide erzählen Geschichten, halbwahre und unwahre. Beide behaupten, es gäbe Gut und Böse. Und beiden fehlt oft der Humor. Doch während es viele erfolgreiche Märchenopern gibt, die als phantastische Fluchthilfe aus dem Alltag dienen, hat es die politische Oper nie wirklich geschafft, ihrer Zeitgebundenheit zu entfliehen. Ihre Entstehungskontexte kleben ihr wie ein Kaugummi am Schuh, zäh, unappetitlich und widerständig gegen Lösungsmittel.

          Die Weimarer Neuproduktion der fünfzig Jahre alten Oper „Lanzelot“ von Paul Dessau im Deutschen Nationaltheater vergangenen Sonnabend – bei der Uraufführung 1969 als „sozialistische Revolutionsoper von der Selbstbefreiung der Menschheit“ gefeiert –, durfte entsprechend neugierig machen. Komponiert auf Texte von Heiner Müller und angelehnt an Märchen-Motive von Hans-Christian Andersen und Jewgeni Schwarz, war die Oper ein kurzes, aber erfolgreiches Produkt der DDR gewesen und danach nie wieder aufgeführt worden. Regie führte seinerzeit niemand Geringeres als Ruth Berghaus, Dessaus Ehefrau. Held Lanzelot war laut Programmheft von 1969 ein „Genosse der Thälmann-Kolonne“, der die sozialistische Revolution der (dann doch nur) seit fünftausend Jahren auf Befreiung wartenden Arbeiterklasse einleitet und den kapitalistischen Drachen erschlägt.

          Die sozialistischen Deutungspotentiale führen sogar noch weiter, wenn die Oper in der ersten Steinzeit-Szene mit dem Medizinmann jenen dubiosen, arbeitsfaulen Magier auferstehen lässt, den schon Karl Marx mit erhobenem Zeigefinger als Verantwortlichen für die Entstehung der Zwei-Klassen-Gesellschaft im Neandertal enttarnt hatte. Ist das Ideologieschrott? Oder doch recycelbar?

          Es ist Letzteres, und dies in frappierender Leichtigkeit, die – wäre man nicht in der Oper, aber auch dann – beinahe beängstigend ist. Regisseur Peter Konwitschny hat ausnahmsweise allerfeinste Antennen ausgefahren, um den politischen Vibrationen dieses keineswegs einseitigen Stückes, seiner Doppelbödigkeit und seiner Passgenauigkeit auf aktuelle gesellschaftliche, aber auch allgemein menschliche Szenarien nachzuspüren. Es wird einmal nicht plump – obwohl auf ein ohrenbetäubendes „Sieg Heil“-Gebrüll nicht verzichtet wurde –, sondern feinsinnig am Subtext der Oper entlanggestreichelt, eine tiefe Verbeugung vor diesem vergessenen Stück, seinen Erfindern und seinem ersten Regieteam.

          Hitler-Stalin-Monster

          Die Geschichte in fünfzehn Szenen, in denen der böse Drache, dessen Herrschaft auf einer Steinzeit-Lüge basiert, nun Jungfrauen-Opfer verlangt, eine Herde dummer Menschen-Schafe verwaltet und dann dem Drachentöter Lanzelot begegnet, der ihn schließlich enthauptet, ist – richtig gelesen – nur vermeintlich banal, nur vermeintlich ein Märchen oder eine ideologische Parabel. Der Drache ist ein Hitler-Stalin-Monster, er ist zugleich das Kollektivsingular der Partei (der DDR) mit Gefängnissen, Politbüros und Brutalität, er ist ein Gott-Ding, das sich absolut setzt („Am Anfang war ich“) und von Menschen auch dann nichts versteht, wenn er seit zweitausend Jahren täglich, nach eigener Aussage, einen Philosophen zum Frühstück verspeist. Und er ist nicht zuletzt ein Schatten-Archetyp nach C. G. Jung, ein Sinnbild des Schlechten in jedem Menschen. Deswegen muss er mehrfach geköpft werden, ohne dass sein Tod sichtbar wird: Ist er überhaupt tot? Und deswegen lässt man Lanzelot in Weimar, ein Meisterzug der Regie, im Endkampf gegen den Drachen sich selbst begegnen und in Zeitlupe erstarren. „Der Drache spukt in wechselnden Gestalten“, heißt es bei Heiner Müller. Wohl wahr. Kein Schelm, wer da an aktuelle ostdeutsche Wahlergebnisse denkt.

          Diese Musik kann sprechen

          Aber auch alles andere ist mehrfach lesbar: Bühne und Kostüme (Helmut Brade) changieren gekonnt zwischen Hinweisen – sind es BDM- oder FDJ-Mädel, russische oder chinesische Uniformen? – und Zurückhaltung, etwa wenn der geschundene Held Lanzelot (Máté Sólyom-Nagy) seinen Sieg nicht ganz begreift und zurückgeworfen auf sich selbst mit einem wunderbar singenden Cello (Alexandre Castro-Balbi) vor einer weißen Wand Zwiesprache hält. Atemlos macht ebenso die Entscheidung, am Ende alles im Kalaschnikow-Massaker untergehen zu lassen: Wo sind wir? Beim Prager Frühling 1968? Auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989? Bei einem Amoklauf in den Vereinigten Staaten? Oder ist das die Matrix? Alles ist denkbar, und so stehen alle danach wieder auf. „Der Rest ist Freude, Freude der Rest“, brüllt der Schlusschor, krachend flankiert von dreizehn Schlagwerkern. Tusch, Vorhang.

          Nun kann man an Texten und Inszenierungen viel herumdeuteln: Ohne gute Musik, gut musiziert, funktioniert das nicht. Und so ist Paul Dessaus Partitur die eigentliche Heldin des Abends, nebst der grandiosen Staatskapelle Weimar unter Dominik Beykirch. Die Musik glüht, stampft, spuckt Feuer und schreibt ihre ganz eigene Menschheitsgeschichte von Krieg und Frieden. Erstaunlich vor allem, dass das Stil-Potpourri, das Dessau oft bescheinigt wird, ausbleibt. Die Anklänge an Tanzmusik, das eigene Thälmann-Bataillons-Lied oder auch Barock-Allusionen bilden die Minderzahl. Dessau entwickelt eine ganz eigene moderne Musiksprache, voller Gestik, Mimik und fast haptischer Drastik. Die Lachkrampf-Arie des Drachen (Oleksandr Pushniak), der nicht lachen kann, oder die gigantischen Intervallsprünge und Tonhöhen der verzweifelten Jungfrau Elsa, die dennoch lyrisch-kantabel sein muss – sensationell virtuos gesungen von Emily Hindrichs – sind musikalische Charakterstudien eigenen Profils, vor denen der Text zurücktritt. Es heißt immer, Musik kann nicht sprechen. Paul Dessaus Oper kann sprechen. Sie spricht mit vielen Stimmen, über Märchen und Politik, über das Damals und Heute, sie macht Angst, und sie macht Mut. Wer zögert noch, sie sich anzuhören?

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