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Passionsspiele 2020 : Ein Schrei hinaus in die Dunkelheit der Welt

  • -Aktualisiert am

Sarkastischer Sündenbock: Rochus Rückel, der Jesus-Darsteller der nächsten Passionspiele, als Faistenmantl Bild: Arno Declair

Komm, Schwarzer Tod: „Die Pest“ ist das Vorspiel zur Oberammergauer Passion. Im nächsten Jahr soll das Stück aber in ein neues Licht gerückt werden. Das gilt vor allem für die Darstellung von Jesus.

          Jesus ist ganz und gar durchleuchtet. Die Schattenseiten seines Körpers, erst recht die blutenden Wunden, glühen weiß, und vor pechschwarzem Grund strahlt der Gekreuzigte wie innerlich illuminiert. Mit einem einzigen wirkungsvollen Effekt hat Otto Dzemla das Motiv der Oberammergauer Passionsspiele 2020 für den Programmheftumschlag des Dramas „Die Pest“ verfremdet und zugleich nahbarer gemacht. Denn im gestalterischen Negativ erscheint die hölzerne Kruzifixskulptur mit einem Mal gespenstisch menschlich.

          Ganz Ähnliches lässt sich über die intensive Inszenierung sagen, die jetzt im Passionstheater Premiere hatte. Untrennbar gehört das „Pestspiel“, das seit 1933 traditionell im Vorjahr die Geschichte des Gelübdes erzählt, zur Passion. Doch diesmal scheint es tatsächlich wie eine Ouvertüre – und wirft viel Licht auf das große Spektakel im nächsten Jahr.

          Sein Publikum entlässt es umso gespannter: Gespannt auf die vierte Textbearbeitung und Regie durch Christian Stückl, der im Vorfeld ja bereits betont hat, 2020 einen noch menschlicheren Jesus zeigen zu wollen. Passend dazu hat der Passionsspielleiter auch den Dramentext von Martin F. Wall, auf dem „Die Pest“ beruht, gründlich durchleuchtet und völlig umgearbeitet, so kritisch wie noch nie. Auch hier setzt er den Fokus nun, weg vom bloßen linearen Forttreiben der Handlung, auf die individuellen Nöte und Schwächen der Oberammergauer, auf Ängste und Schuldzuweisungen, Überzeugungen und Abhängigkeiten und auf die oft viel weniger fromme als verzweifelte Suche nach einem Glauben, der Menschen innehalten und wieder bewusster leben lässt.

          Haare und Bärte werden seit Februar immer länger

          Erstaunlich, wie viel Heutiges auf einmal in den Worten liegt, wenn der Kruzifix-Schnitzer Kaspar Schisler anstelle eines Gekreuzigten, der als Andachtsobjekt gefällt, einen Gott ersehnt, der lebt, spricht und verstanden wird. Oder wenn sein Sohn Vitus ein Kreuz fordert, „das hinausschreit in die Dunkelheit der Welt“.

          Daneben spickt Stückl seine vierte „Pest“ mit zahlreichen wörtlichen wie bildlichen Querverweisen aufs Neue Testament. Im Kirchweih-Gelage mit Spanferkel etwa steckt eine regelrechte Abendmahl-Szene, die der Regisseur prompt nach Passionsspiel-Manier zum perfekten Lebenden Bild gefrieren lässt – um ihr gleich darauf ein skurriles, jähes Ende in völliger Verwüstung zu bescheren. Überhaupt gibt es hier von einer klaren Trennung zwischen Idylle und Eskalation, Gaudi und Gram, Tanz und Tod keine Spur. Der Tagelöhner Kaspar Schisler bringt zwar die Pest nach Oberammergau, doch Unfriede und Gewalt waren längst vor ihm dort.

          Mit dieser steten Gratwanderung zwischen den Emotionen und Gefühlsausbrüchen, auch zwischen stark und schwach, unschuldig und schuldig, macht es Stückl seinen Laiendarstellern nicht leicht. Doch die Herausforderung geht auf. Gespannt schaut das Publikum auch schon den 2400 Mitwirkenden der Passion entgegen, wenn sich in der „Pest“ bereits 150 Darsteller und 33 Orchestermitglieder erfolgreich vorstellen. Denn das Pestspiel gilt auch als Testspiel, als Bewährungsprobe für manch einen der Oberammergauer, die seit Aschermittwoch Haare und Bärte wachsen lassen. Im November beginnen die Proben.

          Darsteller spielen frei auf

          Obendrein verbindet die Gemeinde mit keinem ihrer jährlich aufgeführten Stücke so viel wie mit der Tragödie Kaspar Schislers, der zur Kirchweih heimkehrt, um bei und mit seiner Familie zu sterben, nicht wissend, dass das Dorf bislang vom Schwarzen Tod verschont blieb. Denn diese Geschichte ist seit 1632 ihre Geschichte, der rettende Handel mit Gott, alle zehn Jahre das „Spiel vom Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus“ aufzuführen, wenn er sie nur vor weiteren Pesttoten bewahrte, ihr Erbe.

          Ungewöhnlich ist es dennoch, wie unbefangen einige der Darsteller auf der siebzig Meter breiten Freilichtbühne bei dieser vermeintlich kleinen Generalprobe zum großen Spiel agieren. Fast so, als wären sie im echten Leben nicht Forstingenieur oder Personalerin, Student oder Schüler. Vor allem der dreiundzwanzigjährige Rochus Rückel, im nächsten Jahr ein sehr junger Jesus-Darsteller, zieht als Totengräber Faistenmantl genau die Register, die ihm 2018 zu seiner schwierigen introvertierten Rolle als Schillers Wilhelm Tell noch fehlten.

          War Tell damals zum Nationalhelden wider Willen auserkoren, so wird Faistenmantl nun vom Volk, dem das Warten auf die Pest im schwarzen Bretterlabyrinth von Bühnenbildner Stefan Hageneier zur Qual wird, zum gehetzten, getretenen Sündenbock ernannt. Denn für die Oberammergauer verkörpert dieser „König über die Ratten“ den Tod. Faistenmantls teuflische Rache ist Sarkasmus, in Wortspielen und bitter schlechten Scherzen. Schniefend, hinkend, immer leicht weggeduckt und mit zusammengekniffenen Augen, wohl angesichts des Lichts oberhalb des Totenreichs, den Flachmann stets fest in der Hand, changiert er zwischen trübem Groll und Narrenfreiheit. „Die wahren Ratten kommen auch noch dran“, droht er, bläst „Spiel mir das Lied vom Tod“ auf seiner Mundharmonika und feixt: „Du – Frage: Kann Jesus auch an der Pest sterben?“

          Grob geschnitzt oder zaghaft gespielt ist hier keine der Rollen. Besonders Maximilian Stöger (2020: Kaiphas), Barbara Schuster (Magdalena) und Cengiz Görür (Judas) berühren als unglückselige Schisler-Familie mit der feinen Zeichnung ihrer tapferen Figuren, während Orchester und Chor unter der Leitung von Markus Zwink die Todeskälte in erhabenen Requiem-Fragmenten bannen. Der große Applaus gilt vor allem dem Enthusiasmus der Darsteller in dieser anspruchsvollen Inszenierung. Er beweist auch die Vorfreude des Publikums aufs nächste Jahr: Stückls Spielerwahl für die Passion scheint somit angenommen.

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