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Alte Musik in Innsbruck : Wehe, du baggerst meine Irene an!

  • -Aktualisiert am

Inspiriert von der Uraufführung 1680: Ariana Vendittelli und Rupert Charlesworth in den Hauptrollen Bild: Birgit Gufler

Stimmen, von denen man nicht genug bekommen kann: Die Innsbrucker Festwochen eröffnen mit Bernardo Pasquinis Barockoper „L'Idalma“.

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          Als Bernardo Pasquinis Oper „L’Idalma” während der Karnevalssaison 1680 in Rom trotz päpstlicher Verbote auf die private Bühne eines Adligen kam, war vorab ein ganzer Palast umgebaut worden. Decken hatte man entfernt und Wände versetzt, damit die Aufführung so prunkvoll wie möglich inszeniert werden konnte. Fast dreieinhalb Jahrhunderte später hat nun Alessandro De Marchi in seinen letzten Jahr als Intendant der Innsbrucker Festwochen Alter Musik das Stück aus der Versenkung geholt.

          Pasquini kam 1655 als achtzehn Jahre alter Tastenvirtuose nach Rom, machte dort bald als gesuchter Cembalo-Lehrer Karriere und diente jahrzehntelang bis zu seinem Tod 1710 den Fürsten Borghese als berühmter Musiker. Seine dreiaktige „Idalma“ entstand in Konkurrenz zu Opern des jungen Alessandro Scarlatti, der damals Aufträge von anderen Mäzenen erhielt. Giuseppe Domenico de Totis’ Libretto für Pasquinis „Commedia per musica“ folgt der Tradition spanischer Mantel-und-Degen-Stücke. Die witzigen Texte sind voller Anspielungen auf den seinerzeit beliebten Don-Juan-Stoff. Ihre doppelbödigen Gags zünden heute noch. In Pasquinis ebenso unterhaltsamer wie lebensklug ins Innere der Figuren eindringender Vertonung entfalten sie aber auch ernste Untertöne.

          „Wer durchhält, gewinnt“

          Schon lange steht dieses exemplarische Meisterwerk des Genres, das einst in vielen italienischen Städten nachgespielt wurde, auf Alessandro De Marchis Wunschliste. Zusammen mit Giovanna Barbati hat er jetzt die Partitur für die Innsbrucker Produktion aus handschriftlichen Quellen ediert. Weil das Tiroler Landestheater seit Juni saniert wird, dient das neue Haus der Musik als Ausweichquartier. Im Großen Saal, der weder über eine Bühne mit entsprechender Technik noch über einen Orchestergraben verfügt, ist die Situation sehr beengt. Obwohl das Publikum ohne Abstand und Maske alle Plätze besetzen darf, reichen die Stuhlreihen bis dicht vor das in ganzer Saalbreite aufgestellte Orchester. Die erhöhte Spielfläche gleich dahinter lässt dem Gesangsensemble kaum mehr Platz als bei konzertanter Darbietung.

          Alessandra Premolis Inszenierung ist inspiriert von der Situation der Uraufführung dieser „Idalma“. Deren Handlung findet statt, während ein altes Schloss renoviert wird. Eine Architektin leitet den Umbau des heruntergekommenen Gebäudes in ein Museum. Bei Ortsterminen mit Bauarbeitern stellt sie sich vor, was sich früher hier zugetragen haben mag. Gemälde, die vormalige Schlossbewohner zeigen, lassen sie allerhand fiktive Vorkommnisse fantasieren, schieben sich vor die gegenwärtige Realität und gewinnen immer mehr Eigenleben. Ereignisse und Zeitenebenen durchdringen sich. Für die Handwerker scheint es in diesem Schloss zu spuken. Ihre moderne Technik irritiert andererseits das mit sich selbst und seinen Liebeshändeln beschäftigte Personal der Oper, die mit Augenzwinkern den halbherzigen Versuch zweier Ehepaare schildert, nach mannigfachen Irrungen und Wirrungen ihre lädierten Beziehungen wieder zu „reparieren“. Dass derlei Restaurationsbemühungen hier nur oberflächlich gelingen, wird schon im Libretto keinem Zweifel überlassen. Der alternative Operntitel „Chi la dura la vince“ („Wer durchhält, gewinnt“) ist von vorneherein ironisch gemeint.

          Aus der Raumnot eine Tugend machen

          Lindoro, ein Westentaschen-Don-Giovanni, hat Idalma entführt, heimlich geheiratet, dann aber sitzen lassen, weil es ihn zu seiner Ex Irene zurückzog. Die ist aber mittlerweile mit seinem Kumpel Celindo verheiratet. Lindoros Diener Pantano, ein Schlitzohr wie Leporello, wird mit Geld geködert, hat aber im Grunde das Herz am rechten Fleck. Als er von Celindo, einem Doppelgänger von Mozarts ehrbarem Don Ottavio, wegen Anbaggern Irenes zur Rede gestellt wird, versucht er, mit Ausreden Zeit zu schinden, bis er entwischen kann. Bei Irene beißt der Möchtegern-Schürzenjäger Lindoro indessen auf Granit, fährt aber dann am Ende nicht apokalyptisch zur Hölle, sondern landet unter Druck von Celindo im Hafen einer Ehehölle mit Idalma, die es ohnehin eher auf den Status ihres Gatten abgesehen hat.

          Nathalie Deanas Bühne macht aus der Raumnot eine Tugend. Seitlich verschiebbare Prospekte zeigen die Innenwände eines Schlosses mit Türen, Bildern und Säulen. Anna Missaglia hat den Protagonisten des Stücks historische Kostüme aus dessen Entstehungszeit auf den Leib geschneidert. Wie Gespenster kommen sie zur einleitenden Sinfonia in Bettlaken gehüllt auf die Bühne, geistern zwischen modern gekleideten Statisten herum, erstarren zuweilen in Posen, die in Antonio Castros raffinierter Beleuchtung an Gemälde von Murillo erinnern. De Marchi leitet das farbig tönende Festwochenorchester vom Cembalo aus, nutzt Stereoeffekte der Gruppen von Concertino und Concerto grosso plastisch und hat die vielen Rhythmuswechsel sicher im Griff. Pasquinis erstaunlich vielgestaltige Partitur wird kammermusikalisch transparent aufgefaltet und verblüfft stellenweise mit Wendungen, die man von Händel zu kennen meint.

          Arianna Vendittelli beglaubigt Idalmas hysterische Ausbrüche von Selbstmitleid mit fulminanten Soprankoloraturen. Rupert Charlesworth beklagt als windiger Lindoro mit betörendem Tenor, dass er es einfach nicht schaffe, sein Triebleben im Zaum zu halten. Nicht minder kraftvoll setzt Rocco Cavalluzzi als Pantano seine Stimme mit knarzend tiefen Basstönen in Szene. Morgan Pearse’ Bariton gibt als bebrillter Jäger Almiro den entschlossenen Liebesverächter, kann aber hinter tenoraler Präsenz nicht verbergen, dass er in Wirklichkeit nur verklemmt ist. Mit sensationell voluminösem Contralto behauptet sich Margherita Maria Sala als resolute Irene. Auch Juan Sancho Tenor als edler Celindo und Anita Rosati Irenes Page Dorillo bezaubern mit Stimmen, von denen man nicht genug bekommen kann.

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