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Partch-Aufführung : Daniel Düsentrieb hat noch Töne

  • -Aktualisiert am

Aufführung der Komposition „Delusion of the fury“ von Harry Partch Bild: Wonge Bergmann

Harry Partch war ein völlig unangepasster amerikanischer Komponist, ein Guru wilder Ton-Utopien. Seine „Delusion of the fury“ kam jetzt bei der Ruhrtriennale zu einer grellbunten Aufführung.

          Der Komponist Helmut Lachenmann hat einmal von einem indischen Musiker erzählt, der zwar die immensen Qualitäten abendländischer Musik, ihre immer reichere Polyphonie, Harmonik und Formenwelt pries, doch ihre Rhythmik wie Tonbildung armselig fand: „entweder Marsch oder Walzer“.

          Und: Leblosigkeit des Einzeltons. Wer sich mit außereuropäischer Musik, auch Jazz befasst, wird diese Kritik nicht ganz untriftig finden. Schon der Soziologe Max Weber hatte auch in der Musik fortschreitende Rationalität diagnostiziert, sowohl im „Wohltemperierten Klavier“ als auch in der Organisation stetig größerer Streicherkollektive. Doch nicht nur für die Improvisation, auch für die Komponisten galten metrische Wildheit und alternative Tonsysteme als Ausbruch aus dem festgefügten Kanon des Materials. Und zu den großen Wunschträumen zählt auch das Phantom der Freiheit von den Zwängen traditioneller Regelwerke.

          Weder dezidiert sozialrevolutionär noch voller Selbstmitleid

          Nun gehört zum Phantom, wie dem Monster vom Loch Ness, dass von ihm seit je orakelt wird - nur leibhaftig begegnet ist ihm noch niemand. Einem solchen Phänomen gleicht der amerikanische Komponist Harry Partch (1901-1974). Seit den siebziger Jahren gilt er in Amerika und auch unter manchen europäischen Musikern nicht nur als Geheimtipp, sondern als fast schon heilbringender Kronzeuge für die Möglichkeiten einer ganz anderen Kunst, nicht nur der tönenden.

          Komponisten wie vor allem György Ligeti oder Walter Zimmermann sahen in Partch eben nicht nur den Erfinder unerhörter, allen eurozentrischen Systemen zuwiderlaufender Klangwelten, sondern auch den Prototyp eines völlig unangepassten Künstlers, der sich auch sozial nicht integrieren konnte und wollte. Jahrelang ist der Kalifornier als trampender und auf Güterzüge aufspringender Arbeitsloser durch die Vereinigten Staaten vagabundiert. Er war aber weder dezidiert sozialrevolutionär noch voller Selbstmitleid: Repräsentant eines in jeder Hinsicht inoffiziellen Amerika.

          30 Jahre warten hat sich gelohnt

          Die partiellen Bekenntnisse einiger quasirevolutionär sich gebenden postmodernen Komponisten und immerhin einige Aufführungen in Berlin, Köln und Darmstadt, zudem diverse Tonträger haben die Neugier auf Partch erheblich stimuliert. Die lange Adventszeit brachte nun die ersehnte Erfüllung. Zur Eröffnung der Ruhrtriennale präsentierte und inszenierte deren Intendant, der Komponist und Theatermacher Heiner Goebbels, in der Bochumer Jahrhunderthalle die europäische Erstaufführung von Partchs Hauptwerk „The Delusion of the Fury“.

          Bald dreißig Jahre schwebte ihm Partch als Traumziel vor, das Warten hat sich gelohnt, zumal weite historische Dimensionen zu diesem Denken gehören. Partch hat nämlich exakt den Sündenfall der Musikgeschichte datiert: den „fatalen Tag von Halberstadt“ am 23. Februar 1361, an dem ein Orgelbauer erstmals ein Manual mit fünf schwarzen und sieben weißen Tasten für die Oktave fixierte und somit Starrheit zum System erhob. Sein Leben lang hat Partch dagegen opponiert, neue Skalen, zum Beispiel mit 43 Stufen für die Oktave, eingeführt und abenteuerliche Instrumente konstruiert. Ein Daniel Düsentrieb der Klangerzeuger. Gehört haben diese, außer auf Platten, nur wenige, denn Partchs Musik-Geräte sind zum Teil riesig, ja monströs, überdies, da aus Holz und Glas, schwer transportabel. Doch dienen sie nicht nur abnormer Tonproduktion, als bizarre Plastiken stehen sie zudem für sich, suggerieren fast futuristisch instrumentales Theater: Installationskunst. Man muss sie sowohl hören als auch sehen.

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