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Bayreuther Festspiele 2016 : „Ich bin schneller als Toscanini“

  • -Aktualisiert am

Der Dirigent Hartmut Haenchen, Jahrgang 1943 Bild: dpa

Hartmut Haenchen ist eingesprungen, als den Festspielen ihr Dirigent für den „Parsifal“ absprang, zwei Wochen vor Premiere. Das Publikum jubelt. Wie hat er das gemacht? Ein Interview.

          6 Min.

          Sie haben in nur zwölf Tagen „Parsifal“ einstudiert. Das Publikum jubelt: Ein Wunder! Und weil bei einem Wunder ja alles möglich ist, kann man überall nachlesen, Sie hätten nur zwei Proben gehabt. Stimmt das?

          Ja. Zwei Orchesterproben. Und dann kamen schon die Bühnenproben, zwei mit Orchester für den ersten Aufzug, je eine für den zweiten und dritten. Eine Korrekturprobe, dann Hauptprobe und Generalprobe.

          Das war’s?

          Na ja. Natürlich habe ich noch extra mit dem Chor geprobt, nicht nur einmal, und dann noch mehrmals mit den Solisten, und das auch noch nach der Generalprobe. Wir haben von morgens bis nachts gearbeitet.

          Warum tun Sie sich das an?

          Ist doch klar! Ich wollte und will hier das Bestmögliche rausholen, das würde jedem so gehen. Und ich wollte so viel wie möglich einarbeiten von meiner Auffassung zu dem Stück, meinem „Parsifal“-Profil. Diese Produktion hier ist ja schon länger auf dem Weg gewesen. Normalerweise probe ich einen „Parsifal“ mindestens sechs Wochen.

          Ihr wievielter „Parsifal“ ist das?

          Meinen ersten eigenen „Parsifal“ habe ich für Schwerin einstudiert, dann in Berlin und Stuttgart, zweimal in Amsterdam, außerdem in Paris, Brüssel und Kopenhagen. Bayreuth ist also mein neunter.

          Haben Sie damit gerechnet, dass die Festspiele anrufen würden, als denen plötzlich der „Parsifal“-Dirigent Andris Nelsons weglief?

          Ja, schon, ich hielt das für sehr wahrscheinlich. So schnell, so kurzfristig, da ist es nicht einfach, Ersatz zu finden. Aber ich wusste auch sofort, als ich die Nachricht am 8. Juli im Autoradio hörte: Ich kann mir in aller Ruhe überlegen, was ich tue. Sie haben natürlich zuerst bei den großen Namen nachgefragt, denen, die mit B oder R anfangen. Ich bin in Deutschland kein großer Name. An mich kam die Anfrage dann am 11. Juli, und ich habe zwei Bedingungen gestellt: Ich wollte meinen Assistenten mitbringen, Walter Althammer, der schon dreimal „Parsifal“ mit mir gemacht hatte. Und ich habe mein eigenes Orchestermaterial mitgebracht.

          Das Orchester musste quasi noch mal von vorne anfangen. Das gab böses Blut.

          Natürlich fand das Orchester das überhaupt nicht lustig! Das kann ich sehr gut verstehen. Die meisten spielen ja schließlich den „Parsifal“ hier nicht zum ersten Mal, und jetzt, in dieser Kürze der Probenzeit, alle Bewegungsabläufe komplett umdenken und anders machen, das ist unbequem. Vor allem für die Streicher. Fast alle Stricharten sind anders, verglichen mit dem Notenmaterial, das hier traditionell benutzt wird. Einer der Musiker sagte: „Wir haben so viel zu lesen, dass wir auf das Dirigentische bei Ihnen nicht auch noch reagieren können.“ Er hatte recht. Ich habe mich dann noch mal hingesetzt, mit dem Bayreuther Notenmaterial und mit meinem, um Kompromisse zu finden. Und habe festgestellt: Das ist nicht möglich. An keiner Stelle. Ich muss meine Fassung dirigieren.

          Was sind die wesentlichen Unterschiede?

          Manchmal sind es wirklich Winzigkeiten. Die Streicher im Festspielorchester spielten traditionell immer noch aus dem Erstdruck der Partitur, anders die Bläser, die spielen aus den handgeschriebenen Stimmen. Der Erstdruck hatte, wie jeder Druck, viele Fehler. Er ist auch von Richard Wagner nie autorisiert worden. Das muss man wissen. Meinen ersten „Parsifal“ habe ich aber auch noch nach dem Erstdruck dirigiert. Heute erarbeite ich mir zu allen Stücken mein eigenes Orchestermaterial, und immer kommen neue Erkenntnisse dazu. Selbst die neue Wagner-Gesamtausgabe ist ja nicht ganz fehlerfrei! Ich habe das Particell verglichen mit der Originalhandschrift, mit der Uraufführungspartitur von Hermann Levi, mit den Aufzeichnungen der Assistenten, mit den Änderungen, die auf den Klavierauszug von Anton Rubinstein zurückzuführen sind, und so weiter.

          Bitte ein Beispiel!

          Nehmen wir gleich den Anfang, den großen Legato-Bogen. Das wird nie wirklich Legato gespielt, jeder Geiger muss ja vom Aufstrich zum Abstrich wechseln, wenn der Bogen am Ende ist. Nur darf man das nicht hören. Gute Geiger können das. Bei einem hört man es nicht. Aber wenn alle gemeinsam zum gleichen Zeitpunkt den Bogen wechseln, sechzehn erste und sechzehn zweite Violinen, hört man es eben doch, unvermeidlich. Ich fange deshalb den „Parsifal“ schon mit „Divisi“-Strichen an.

          Parsifal (Klaus Florian Vogt, links) und Gurnemanz (Georg Zeppenfeld) glänzen in der neuen Bayreuther Inszenierung.
          Parsifal (Klaus Florian Vogt, links) und Gurnemanz (Georg Zeppenfeld) glänzen in der neuen Bayreuther Inszenierung. : Bild: Enrico Nawrath

          Bedeutet: Sie teilen die Geigen auf in Gruppen. Die eine Hälfte fängt mit Aufstrich, die andere mit Abstrich an. Ich dachte, man spielt das immer so, überall, mit geteilten Streichern, am Anfang vom „Parsifal“?

          Nein, keineswegs! Nicht einmal in Bayreuth! Dann gibt es Stellen, gerade im „Parsifal“ besonders oft, wo Wagner zwar Legato vorschreibt, aber Akzente darunter setzt. Entweder Legato oder Non-Legato, eines von beiden geht nur. Auch an diesen Stellen teile ich die Streicher: Die eine Hälfte lasse ich Legato ohne Akzent spielen, die andere Hälfte wechselt hin und her. Das Ergebnis ist optimal.

          Wissen Sie, wie Ihre Dirigentenkollegen dieses Problem lösen?

          Sie entscheiden sich, je nachdem, wie laut es ist, für eines von beiden. Ein anderes Beispiel: Wagner hat bei der Artikulation des Stakkato ganz präzise zwischen Keil und Punkt unterschieden. Aber im Erstdruck verschwindet das, die konnten das drucktechnisch noch nicht. Ich habe alle diese Stellen korrigiert in meinem Material. Das sind – ich habe es jetzt gerade für den Konzertmeister noch mal nachgezählt – allein 72 Änderungen, nur in den ersten Violinen, nur im ersten Aufzug.

          Ist das überhaupt machbar? Lohnt sich das?

          Ja, es ist machbar. Das Orchester ist wunderbar, sie sind absolut professionell und zu allem bereit. Einzelne Musiker kenne ich sowieso schon länger. Trotzdem haben die natürlich anders gearbeitet bisher, und bis wir bei der ersten gemeinsamen Probe richtig zusammenkamen, bis ich das Gefühl hatte, jetzt liegen sie mir, wie man so sagt, „auf dem Arm“, das hat den ganzen ersten Akt gedauert. Es gab aber sogar den Fall, dass wir noch mal wieder was geändert haben. Im dritten Aufzug spielten die Bratschen an einer Stelle C, und die Posaune spielte parallel dazu Cis.

          Klaus Florian Vogt (Parsifal) und Elena Pakratova als Kundry
          Klaus Florian Vogt (Parsifal) und Elena Pakratova als Kundry : Bild: Enrico Nawrath

          Ich frage: Wie kommt das? Die Bratschen sagen: Wir haben hier auch immer Cis gespielt. Stellt sich heraus: Posaunen spielten aus anderem, älterem Notenmaterial, wegen der Stichnoten, die brauchen sie. Und da war dieser Fehler drin. Ich bin also hier noch mal ins Archiv gegangen und habe mir Rubinsteins Klavierauszug und die Uraufführungspartitur vorgenommen, und Tatsache: Seit über hundert Jahren spielt man hier in Bayreuth an dieser Stelle Cis.

          Und keiner hat’s gemerkt. Wo genau?

          Dritter Aufzug, Takt 1068.

          Das ist lustig! Wenn’s aber keiner merkt, keiner hört: Wie wichtig sind solche Korrekturen wirklich, in Bezug auf die „Werktreue“?

          Der „Parsifal“ wird kein neues Stück, ob mit Cis oder C, egal. Die meisten Leute werden das nicht hören und viele andere Korrekturen sicher auch nicht. Trotzdem: Ja, es lohnt sich. Denn dass das Gesamtklangbild anders ist, kann jeder hören. Das ist wie bei einem Puzzle mit zehntausend Einzelteilen, ein Teil für sich genommen ist gar nichts, doch zusammen ergeben sie ein Bild, das hat eine Aussage. Ändern Sie in vielen Einzelheiten Artikulation und Dynamik, so, wie Wagner sich das vorgestellt hat, dann ändert sich das Gesamtklangbild, das Profil, die Struktur. Der Mitschnitt meines Pariser „Parsifals“ steht immer noch im Netz. Sicher hören Sie nicht jede Winzigkeit heraus, das wäre Unsinn. Aber dass eine andere Klarheit entstanden ist, ich hoffe, das hören Sie!

          Und nicht zu überhören: Ihre „Parsifal“-Tempi. Sie sind fast eine Stunde schneller als James Levine.

          Na, vor allem schneller als Toscanini! Die Dauern, die wir von der Generalprobe hier in Bayreuth genommen haben, sagen: Wir sind in Bayreuth zwei Minuten langsamer als in Paris. Ich bin’s zufrieden. Die zwei Minuten liegen an der Bayreuther Akustik, schätze ich.

          Wie kommen Sie damit zurecht?

          Gut. Ich dirigiere „Parsifal“. Ein anderes Stück hätte ich hier auch nicht gemacht. Die Nachhallzeit liegt in diesem Haus höher als in allen anderen Opernhäusern der Welt. Und die Zeitverzögerung zwischen Bühne und Orchester hat große Nachteile für Stücke, die nicht für diesen verdeckten Orchestergraben geschrieben worden sind, vor allem für den „Ring“ mit seiner filigranen Leitmotivik oder für den „Tristan“ mit den vielen Harmoniewechseln. Das Schwierigste, was man in Bayreuth überhaupt machen kann, sind, glaube ich, die „Meistersinger“. Aber diese Akustik hat nur Vorteile für „Parsifal“! Es ist das einzige Stück, das Wagner speziell für dieses Haus hier komponiert hat. Er hatte ein untrügliches musikalisches Raumgefühl. Nehmen Sie beispielsweise den ersten „Amfortas“-Ruf, im zweiten Aufzug, da vibriert dieser Raum förmlich. Man spürt das körperlich. Und diese Zeit für den Nachhall, die muss man dieser Stelle auch lassen. Diese ausgesparte Instrumentation, die Reduktion der Motive, die Mischklänge, die Zeitverhältnisse, ja, ich muss sagen: Ich mache das hier wirklich sehr, sehr gerne. Als Dirigent hat man zwar in Bayreuth, was das Hören angeht, den schlechtesten Platz im ganzen Haus. Aber man ahnt, dass im Saal beim Publikum etwas ankommt, was man so anderswo niemals hinkriegen könnte.

          Ist das die Aura von Bayreuth?

          Auch andernorts macht man heute sehr guten Wagner, überall auf der Welt. Dazu braucht man das Bayreuther Festspielhaus nicht. Aber den „Parsifal“ hier zu machen, das ist etwas Besonderes.

          Und was ist das Besondere?

          Er ist, für mich, die Essenz von Wagners Schaffen. Hier entwickelt er den Mut zur Sparsamkeit. Und die ganz große Kunst ist doch immer: das Aussparen. Ich kann den „Parsifal“, was das betrifft, nur vergleichen mit Bachs „Kunst der Fuge“. Auf viel Schönes, aber eigentlich Überflüssiges konnte Wagner im „Parsifal“ endlich verzichten. Er verzichtet auf die Füllfiguren der „Götterdämmerung“, die unhörbare Kontrapunktik der „Meistersinger“, die Leitmotivumspielungsfiguren des „Rings“. Das alles liegt hinter ihm. Es ist doch toll, dass es im „Parsifal“ keine einzige wörtliche Wiederholung eines Motivs gibt! Alle Motive verändern sich mit der Entwicklung der Figuren, fließend. Da stehe ich jede Sekunde staunend davor. Und inhaltlich ist der „Parsifal“ Wagners aktuellstes Stück. Er zeigt, dass eine Gesellschaft zugrunde geht, wenn sie sich Regeln auferlegt, die sie nicht einhalten kann.

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