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Pariser Opern : Raus aus dem moralischen Starrsinn

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Kokett: Lisette Oropesa als Marguerite de Valois in Meyerbeers „Les Huguenots“. Bild: Agathe Poupeney

Paris feiert Giacomo Meyerbeers „Hugenotten“ und die „Bérénice“ des Schweizer Regisseurs Michael Jarrell als präfeministische Schauspiele. Es sind die Frauen, die am Bestehenden rütteln.

          Festlich gewandet sind die adligen Katholiken, in lauter Farbschattierungen zwischen intensivem Rot und dunklem Violett. Die Protestanten dagegen tragen Schwarz und wirken eher proletarisch. Das Grün nimmt sich in dieser Palette wie ein Fremdkörper aus – die Farbe der Hoffnung trägt die katholische Grafentochter Valentine, die alle gesellschaftlichen und religiösen Schranken über Bord wirft und zum Protestantismus konvertiert, um mit Raoul, dem Wortführer der Protestanten, auf ewig vereint zu sein – wenigstens im Himmel, nach dem gemeinsamen Tod. Unter welchem Druck sie dabei steht, gegen welche inneren und äußeren Widerstände sie der Unbedingtheit ihrer Liebe folgt, durchlebt die Sopranistin Ermonela Jaho mit ihrer durch alle Höhen und Tiefen jagenden Musik und einer Körpersprache, die immer wieder ihr Gleichgewicht gefährdet.

          Kaum zu glauben, dass Giacomo Meyerbeers sehr französische Oper über die Bartholomäusnacht im August 1572, „Les Huguenots“, seit 1936 nicht mehr in Paris gezeigt wurde. Jetzt bringt Regisseur Andreas Kriegenburg mit seinem bewährten Team von Harald B. Thor (Bühnenbild) und Tanja Hofmann (Kostüme) den Parisern diese einst sogar von ausgesprochenen Meyerbeer-Verächtern wie Robert Schumann und Richard Wagner bewunderte „grand opéra“ in ästhetisch überraschender Geschlossenheit als theatralisches Panorama zurück. „Grand“ ist diese Oper nicht allein als Gattungsbezeichnung, sondern in der Thematisierung eines gesellschaftlichen Verhaltens, das gerade heute brisant ist: wie eine politisierte Masse im Namen einer Religion Pogromstimmung erzeugt. „Grand“ ist sie zudem in ihrer sozialpsychologischen Frage nach dem Verhältnis von Masse und Individuum.

          Eine kokette Königin von Kopf bis Fuß

          Außerdem erweist sich Meyerbeer in den „Hugenotten“ als Feminist avant la lettre, denn es sind die Frauen, die am Bestehenden rütteln und die Männer aus ihrem moralischen Starrsinn holen wollen. Spielt der erste Akt, ein Festbankett des Grafen von Nevers, allein unter Männern, so beherrschen die Frauen in den Gemächern der Marguerite de Valois den zweiten. Mit liebevollem Blick auf das körperliche und geistige Schönheitsbedürfnis der Hofdamen inszeniert ihn Kriegenburg als Hymne an die Weiblichkeit, personifiziert in der großen Entdeckung des Abends, der Amerikanerin Lisette Oropesa: eine kokette Königin von Kopf bis Fuß, eine unwiderstehliche Charme-Offensive für Raoul, der sich sogleich in sie verliebt, und mit einem Sopran begnadet, den sie mit souveräner Leichtigkeit, technischer Brillanz und perfekter, nicht wahrnehmbarer Atemführung durch ihre trillernden Koloraturen führt – minutenlanger Beifall in der Bastille.

          Der Aufruf der „Hugenotten“ gegen Fanatismus und Gemetzel, für religiöse Toleranz und Mitmenschlichkeit, Meyerbeers Kritik an einer Religion, die sich der Politik unterwirft, sind in Kriegenburgs Inszenierung unüberhörbar, auch ohne vordergründige Aktualisierung, modische Videoeinspielungen oder Gewaltexzesse. Klug umschifft er alle Fallen und Fährnisse der Vorlage, siedelt die Oper in einem abstrakten Heute an, blendet aber vor allem durch die Kostüme immer wieder in die Geschichte zurück, wenn etwa das fröhlich quirlige Volksfest zu Beginn des dritten Aktes einem Gemälde des sechzehnten Jahrhunderts entnommen scheint. Dass die unkonventionellen Frauen in den „Hugenotten“ die Hauptrolle spielen, hat Meyerbeer nicht anders vorgesehen.

          Barbara Hannigan als Bérénice und Ivan Ludlow als König Antiochus in Michael Jarells Pariser Version von Jean Racines „Bérénice“.

          Dass sie in der Pariser Premiere noch leichteres Spiel haben würden, lag an der kurzfristigen Umbesetzung des Raoul, dessen tenorale Heldenpartie von Yosep Kang leider nur suboptimal ausgefüllt wurde. Sehr attraktiv dagegen sein Nebenbuhler, der Graf von Nevers, mit dem Bariton Florian Sempey, der musikalisch wie physiognomisch seinen Spaß als Wiedergänger Rossinis hatte. Die Ehre der Männer rettete schließlich Nicolas Testé als Marcel, der seinen protestantischen Fanatismus durch die väterliche Liebe zu Raoul überwindet.

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