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Pariser Kulturpolitik : Rap in der Philharmonie

Jean Nouvels Neubau der Pariser Philharmonie Bild: Jean Nouvel/arte factory

Die neue Pariser Philharmonie wurde beschlossen, als noch niemand an Haushalsdefizite dachte. Nun tobt in Paris ein Kultur- und Klassenkampf um das neue und das alte Konzerthaus: Kostenüberschreitung, weite Anfahrtswege, Programmdiktat.

          Mit seinem Rücktritt hat er schon mehrmals gedroht. Noch immer seien seine Nächte schlaflos, bekennt Laurent Bayle, Direktor der Cité de la Musique in Paris. Ihr ist die von Jean Nouvel erbaute neue Philharmonie angeschlossen. Am 14. Januar soll sie eröffnet werden. 180 Millionen Euro sollte sie ursprünglich kosten, 380 werden es in der Endabrechnung sein. Doch Nouvel will für die Kostenexplosion nicht verantwortlich sein: „Ohne die Versicherungen, die Überwachung der Bauarbeiten und sonstigen Auslagen belaufen sich die Kosten auf 240 Millionen, hunderttausend Euro pro Sitzplatz, das entspricht dem Durchschnittspreis für ultrakomplexe Bauten dieser Art.“

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Das Projekt geht noch auf Präsident Chirac zurück; dessen Vorgänger Mitterrand hatte Paris an der Place de la Bastille eine zweite Oper beschert. Damals scherte sich noch niemand um Haushaltsdefizite im Kulturstaat. Fünfzehn Jahre danach sind die Mittel knapp geworden. Und die Sozialisten an der Macht haben wenig Musikgehör für die kulturellen Vorlieben der Bourgeoisie. Um die Pariser Philharmonie ist deshalb buchstäblich ein Kultur- und Klassenkampf entbrannt. Von ihren Kritikern wird sie als „hinterwäldlerisch“ bezeichnet, fernab eines Zeitgeists, dem andere Töne vorschweben. Eine „kulturpolitische Fehlkonstruktion“ sei sie.

          Der im Kabinett der sozialistischen Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, für die Kultur zuständige Bruno Julliard, dreiunddreißig Jahre alt, bekämpft die Philharmonie gleich an mehreren Fronten. Im Herbst weigerte sich Hidalgo, die jüngste Budgetüberschreitung von 45 Millionen Euro mitzutragen. Die Staatsregierung des Genossen Manuel Valls, dessen Frau eine Geigerin ist, musste sie in voller Höhe übernehmen. Auch bei den Betriebskosten will Paris die vereinbarten Beiträge (neun Millionen pro Jahr) kürzen, wird aber offensichtlich zum Einlenken gezwungen. Bruno Julliard fordert ein „billigeres Programm“ mit Rock, Rap und World Music in der Philharmonie. Dieser Ausrichtung muss Laurent Bayle Rechnung tragen: Nicht 270, wie ursprünglich geplant, sondern lediglich 150 Konzerte sollen von klassischen Symphonieorchestern bestritten werden.

          Mit Brahms protestieren

          Der Cité de la Musique untersteht auch die Salle Pleyel im Zentrum der Stadt. Der Staat hat den geschichtsträchtigen Konzertsaal 2009 für sechzig Millionen gekauft. Sein Besitzer war Hubert Martigny, der mit seiner Geliebten nach Florida abgehauen ist und von seinen Pariser Geschäften nichts mehr wissen will. Doch den Scheidungskrieg hat er noch nicht ausgestanden. Er war mit der Dirigentin Carla Maria Tarditi verheiratet, die seither die Rechtmäßigkeit des Verkaufs der Salle Pleyel anficht - zusammen mit anderen Minderheitsaktionären. Schätzungen hätten ergeben, dass die Immobilie doppelt so viel wert sei. Im vergangenen Herbst gab die Justiz wieder einmal der Musikerin recht und stoppte alle Projekte für die zukünftige Nutzung der Salle Pleyel.

          Der Staat ging in Berufung. Während der Verhandlungen organisierte Carla Maria Tarditi vor dem Gerichtsgebäude ein Konzert: Sie dirigierte fünfzig Musiker, die eine Brahms-Symphonie spielten. Ein neues Urteil erging kurz vor Weihnachten: Die Cité de la Musique darf ihre Filiale nun immerhin vermieten. Auf die Einnahmen daraus ist sie dringend angewiesen, vier bis fünf Millionen aus ihrem Etat sind im Haushalt der Philharmonie vorgesehen. Mehrere Interessenten sind inzwischen aber ausgestiegen.

          Noch hat die streitbare Dirigentin nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Und sie wird auf breiter Front unterstützt. Denn um die Philharmonie vor Konkurrenz zu schützen, sollen die künftigen Betreiber der Salle Pleyel keine klassische Musik mehr ins Programm nehmen dürfen. Gegen dieses Verbot, das der Staat durchgesetzt hat, wurden mehrere Petitionen lanciert, Tausende haben bereits unterschrieben.

          Die „Diktatur“ des Baus

          Es geht dabei auch um die Tatsache, dass die Anfahrt zur neuen Philharmonie am Parc de la Villette für die Konzertbesucher sehr viel beschwerlicher ist. Diese zusätzlichen Strapazen werden der privilegierten bürgerlichen Schicht in den noblen Quartieren im Westen der Stadt, dem sechzehnten Arrondissement und Neuilly, von den sozialistischen Kulturpolitikern mit kaum verhohlener Schadenfreude zugemutet.

          „Die wahren Musikliebhaber werden kommen“, gibt sich Laurent Bayle überzeugt, „aber wir haben ihre Kinder im Visier.“ Diese seien wegen der Wohnungsnot in Paris gezwungen, sich im Osten eine Bleibe zu suchen. In der Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften habe er erfahren, was Erpressung bedeute, die Durchsetzung der Baubestimmungen für einen Behindertenzugang durch den Präfekten nennt Bayle eine „Diktatur“. Aber für die Einweihung sei nun alles bereit, erklärt der Direktor: „Und mit dem Feinschliff beginnen wir danach.“

          Auch dem kulturpolitischen Eifer der Sozialisten in Stadt und Staat muss er sich beugen. Wegen der langen Anfahrt werden die Konzerte eine Stunde später als bisher in der Salle Pleyel beginnen. „Obwohl das ältere Publikum einen noch früheren Beginn möchte. Der schwierigste Teil der Arbeit ist soziologischer Art: ein Publikum finden, das nicht unbedingt Zugang zu einer Musik hat, die mit den betuchteren Klassen in Verbindung gebracht wird. Wir müssen langfristig agieren und Lehrer, Sozialarbeiter einbeziehen. Das ist die wahre Baustelle der Philharmonie.“

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