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Pariser Festival d'Automne : Lasst uns die Puppen malträtieren

  • -Aktualisiert am

Der Missbrauch junger Menschen ist ihr zentrales Thema: Das Pariser Festival d’Automne zeigt verstörende Arbeiten von Gisèle Vienne.

          4 Min.

          Die Bühne ist ein finsterer Wald, aus dem es in den Saal dröhnt. Gitarre, Orgel, Synthesizer – die elektronisch verstärkten, kraftgesättigten Mischklänge umfließen die Zuschauerinnen und Zuhörer bald von allen Seiten. Als sich der Kunstnebel lichtet, treten zwei Figuren zwischen den einbalsamierten Bäumen hervor: eine Bodenturnerin und ihr Coach. Sie beginnt, im Laub zu grätschen und Handstandüberschläge zu machen. Er hilft ihr dabei, lässt später bei einer Dehnübung eine Hand ihren Schenkel hinaufgleiten. Als sie ihn zurückstößt, droht er: „Be perfect today or I’ll kill you and throw your body in the river.“ Waldesraunen, Wasserrauschen, in der Ferne brummt ein Flugzeug (oder ist es eine Kettensäge?). Die Turnerin verzehrt den Inhalt eines Päckchens und erbricht ihn wieder, eine Bassgitarre wabert in Wahnsinnstiefe.

          Kuhglocken im Horrorfilm

          Da taucht eine dritte Figur auf, ein Star(-rocker?), der seine Freundin erstochen haben will („it’s like cutting a pie“). Der Coach schlägt ihm eine Bierflasche auf den Hinterkopf und tritt ihn mit den Füssen. Daraufhin intoniert die Gymnastin ein Liedchen, das zu einem Björk’schen Song-Epos anschwillt. Gespenstische Scheinwerferlichter, Kuhglockenläuten und Hundegebell vermengen sich im diesigen Dämmerlicht zu einem orkanartig anschwellenden Mahlstrom. Plötzlich: Vier Jugendliche vor zwei (toten?) Campern am Boden, ein Horrorfilmstill. Dann, ebenso unvermittelt, ein Armbrustschütze, der zu irren Glissandi zweimal ins Schwarze trifft.

          „This is how you will disappear“ heißt die verstörende Produktion von Gisèle Vienne aus dem Jahr 2010, deren Besetzungszettel neben einem Falkner auch eine „Nebelbildnerin“ sowie Puppenbauer und „Baum-Rekonstituierer“ aufführt. Das Festival d’Automne à Paris hat der 46-jährigen Franko-Österreicherin zwischen September und Januar ein Porträt mit fünf Bühnenproduktionen, einer Performance und einer Ausstellung gewidmet. Erkennbar wurde da eine dezidiert eigene Handschrift, aber auch eine steigende Qualitätskurve seit den ersten Arbeiten vor zwanzig Jahren.

          Viennes Stücke, die zwischen Tanz, Theater und Performance vermitteln (mit Anleihen bei Film und bildender Kunst) sind in Nicht-Orten wie Konferenzsälen und klinisch abstrahierten Kinderzimmern angesiedelt, in generischen Waldstücken oder nicht verortbaren Feldflecken. Sie zeigen hauptsächlich Jugendliche und junge Volljährige, deren globalisierte Codes sie zugleich verarbeiten und verfremden. „Crowd“ (2017) etwa webt aus Fäden einer Free Party einen Tanz-Teppich von halluzinierender Schönheit. Zu den Klängen von „The Illuminator“, einem Klassiker des Detroit Techno, betreten fünfzehn Performerinnen und Performer eine von Detritus gesäumte Fläche gestampfter Erde. Man grüßt einander von fern, umarmt sich – das Ganze in Zeitlupe. Der von Vienne oft verwendete V-Effekt erlaubt es nicht nur, Sneakers und Sweatshirts einschlägigen Streetwear-Marken zuzuordnen, sondern auch, Temperamente zu unterscheiden, Spannungen auszumachen, Interaktionen zu verfolgen. Einzel-, Paar- und Gruppentänze spannen einen neunzigminütigen Bogen vom lockeren Chaos des Beginns über fiebrigere, ja gewalttätige Momente bis zur finalen Mischung aus watteweichem Rausch und flaumleichter Müdigkeit.

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