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Pariser Bühne : Der König nimmt gern Körperunterricht

  • -Aktualisiert am

Odysseus muss durch viel Blut waten, um seine Herrschaft zu restaurieren Bild: Pascal Victor/ArtComArt

Mit Shakespeares „Richard II.“ und „Ithaka“ von Botho Strauß laufen derzeit auf Pariser Bühnen zwei Studien zu Gewalt und Herrschaft. Die blutleere Amtsgewalt des müden Königs zeigt sich keineswegs humaner als der Blutrausch des mythischen Helden.

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          Der letzte direkte Plantagenetkönig Richard II. war zugleich einer der ersten modernen Herrscher und verstand, dass Blutvergießen vor dem Thron nicht ratsam ist. Schon in der ersten Szene versucht er bei Shakespeare die beiden Streithähne Bolingbroke und Norfolk zu trennen und unterbricht dann, nachdem dies misslang, autoritär das Duell mit dem Urteilsspruch: Verbannung für beide. Was folgt, ist Richards eigener Untergang, sein unaufhaltsamer Verlust von Macht, Krone und schließlich Leben. Ein anderer König, der von Ithaka, muss nach langer Abwesenheit die Krone erst wieder zurückerobern und steigert sich am Schluss der „Odyssee“ ebenso wie in der Homer-Bearbeitung „Ithaka“ von Botho Strauß gegenüber Penelopes Freiern in einen Blutrausch hinein, bis die Leichen in Reih und Glied nebeneinanderliegen und die alte heilige Ordnung wiederhergestellt ist.

          Charles Berling sitzt in Jean-Louis Martinellis französischer Erstaufführung von „Ithaka“ im Amandiers-Theater in Nanterre mit blutverschmiertem Oberkörper als Odysseus ratlos auf seinem wiedereroberten Thron, ziemlich weit weg von der gähnenden Penelope, die ihn nicht wiedererkennt und ihm gleich eine Ohrfeige geben wird. Der Held nimmt diese hin wie ein verspätet und verdreckt nach Hause gekommener Bub, der sich unten am Teich herumgetrieben hat, jenem Tümpelmeer vorn an der Rampe, durch das er zu Beginn des Abends gewatet kam.

          Und dann, wenn die Göttin Athene am Schluss die Weisung des Zeus verkündet, mit dem Blutvergießen solle nun ein Ende, das Geschehene solle vergessen sein, sitzen alle friedlich nebeneinander auf der Treppe, Odysseus, seine Frau, die Amme, der Sohn Telemach, die Diener, der Schweinehirt, die wiedererstandenen Freier, und lächeln wie fürs Gruppenbild in eine nicht vorhandene Kamera. Postkarte aus Ithaka: mit lieben Grüßen vom Beginn eines neuen Zeitalters.

          Ronit Elkabetz als Penelope empfängt den heimkehrenden Odysseus (Charles Berling) mit einer Ohrfeige
          Ronit Elkabetz als Penelope empfängt den heimkehrenden Odysseus (Charles Berling) mit einer Ohrfeige : Bild: Pascal Victor/ArtComArt

          Gefällige Inszenierung

          Martinelli lässt Pallas Athene Fahrstuhl fahren, wie Kollege Apollon am Schluss von Peter Steins Berliner „Orestie“ vor dreißig Jahren es tat. Nur ist das Blutmal der Zeitenwende von damals in der klassizistischen Homer-Umschreibung von Botho Strauß hier bei Martinelli klassizistisch noch weiter verkrustet. Monumentaltreppe, hohe Säulen, blauer Monochromhimmel darüber, Schnürsandalen und hoch unter der Brust gebundenes Faltenkleid für Penelope, hat diese erst einmal ihre Fettleibigkeit abgelegt - das ist die Szenerie der Aufführung.

          Und wenn die Freier zum Prassen und Huren oder Debattieren zusammenkommen, singen sie immerfort das Schubert-Lied „Du holde Kunst . . .“ Martinelli konnte nicht mehr aus dem Stück herausholen als seine deutschen Vorgänger und bettet die Vision einer Wiederkehr des Helden in eine demokratisch kleinkariert gewordene Zeit in eine Mischung aus Brutalität und höherer Ironie, die nicht mehr aneckt wie bei der Münchner Uraufführung vor vierzehn Jahren, sondern als nette Erinnerung von ferne grüßt und gefällt. Großer Applaus.

          Die zwei Körper des Königs

          Applaus auch für „Richard II.“, den Jean-Baptiste Sastre im vergangenen Sommer in Avignon herausbrachte und der sich nun auf Frankreich-Tournee befindet, gegenwärtig gerade im Nationaltheater Les Gémeaux in der schicken Pariser Vorstadt Sceaux. Denis Podalydès von der Comédie Française hängt da als Titelheld in seinem Thron wie ein gelangweilter Gymnasiast auf dem Stuhl beim Mathe-Unterricht. Es ist, als könnte er nicht einmal mehr bis zwei zählen. Denn Sastre und Podalydès zeigen in der choralartig angelegten Aufführung, wo auch die nicht handelnden Figuren als Statisten meist auf der Bühne bleiben, wie ein König seine beiden Körper, den sterblichen und den symbolischen, nicht mehr zusammenbringt. Mit seiner Ambition einer unbefleckten Herrschaft, die aber skrupellos den Besitz seiner Untergebenen beschlagnahmt und in Irland blutige Feldzüge führt, wirkt dieser Richard amtsmüde, noch bevor er geherrscht hat. Verhandlungen widern ihn an, die Krone drückt er seinem Nachfolger, dem künftigen Heinrich IV., tief auf den Kopf, als wäre sie ein Folterwerkzeug. Mit der Königin walzert er im Sträflingsrock herum, seltsam fasziniert vom eigenen Niedergang.

          Bohrt ihm dann der Gefängniswärter den Dolch in den Leib, schreit Richard nicht auf, starrt nur ungläubig auf die eigene Brust, wo das Ding nun drinsteckt. Es fließt kein Blut. Der Dolch hat den Amtskörper getroffen, der andere stirbt wortlos hinterher. Darsteller und Aufführung zeigen eindrücklich, was am Ende einer blutleer idealisierten Machtausübung steht: Zynismus und Willkür. Man braucht nicht unbedingt das heroische Blutgeschmiere eines Odysseus. Amtsträger aber, die aus Angst vor Blutspuren alle Gewalt externalisieren, sind keine Spur humaner.

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