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Paolo Conte : Der Künstler-Bürger-Sänger

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Verschnupft, aber ganz bei sich: Paolo Conte in Andachtsstellung Bild: Florian Sonntag

Wenn Paolo Conte musiziert, ist es, als spräche Thomas Mann zu uns: spielerisch und tröstend. In Frankfurt war das nun zu hören, obwohl der Künstler verschnupft war. Übrigens war spätestens mit dem fünften Lied jeder Applaus so lange wie ein frenetischer Schlussapplaus.

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          Meine erste Musik war noch schlimmer als jede Popmusik und hieß Franz Schubert. Er brachte mich schon am Anfang fast um. „Der Tod und das Mädchen“ und vieles andere, das hat mich geradezu zerfetzt. Als ich jung war, war das ein Mordanschlag mit allen Mitteln. Damals kannte ich Paolo Conte noch nicht. Popmusik hat diesen Mord auch öfter versucht, aber sie war nie ganz so schlimm wie Franz Schubert. Sie war oft zu vorschnell und nie so endgültig. Und sie hatte nicht diese Qualität. Qualität war für mich von Anfang an wichtig. Man konnte ja schreien, aber es musste auch Substanz haben. Popmusik will weh tun, sie will schneiden, sie vollführt eine Seelenbewegung ähnlich wie bei den berühmten Schnitten in den eigenen Arm, die genießt man ja, denn man ist ja in diesem Augenblick nicht ganz bei sich oder vielmehr auf eine sehr gesteigerte Art bei sich.

          Popmusik kann als riesiger Selbstverstärker funktionieren. Freilich wird sie nicht jedem wirklich gefährlich. Vielen gilt sie als bloße Unterhaltungsmusik. Aber Popmusik fordert viele Opfer, sie ist ein Suizidverstärker, besonders bei jüngeren Menschen. Die Jugend ist ein Wahrheitszustand, unser Erwachsensein aber, „bürgerliches Seelenleben“, ist ein künstlicher Naivitätszustand, ein gewappneter Zustand, aber ohne jede Wahrheitsfähigkeit. Ein Zustand, der sich verschweigt, der sich bewaffnet und für die eigenen Interessen kämpft, ein Zustand, der fast unsere gesamte Sprache beherrscht und Wahrheit nur als Ausnahmezustand zulässt (wie Karneval), also in der Kunst oder maximal im Glauben.

          Er lebt dir etwas vor. Aber was?

          In den schlimmsten Augenblicken meines Lebens verließ mich alle Popmusik. Beziehungsweise ich sie. Es muss ein Überlebensinstinkt gewesen sein. Die wollten alle etwas von mir, und das war sehr, sehr bedrohlich, und die hatten es vielleicht unter Kontrolle, aber ich nicht, und deshalb, ehrlich gesagt, fand ich es manchmal gar nicht nett, mir vorher so „die Gefühle verstärkt zu haben“. Ihr Gefühlsverstärker! Deshalb habe ich bis heute ein eher zweischneidiges Verhältnis zu jedweder Unterhaltungsmusik.

          Seine Distinguiertheit in der Alten Oper Frankfurt
          Seine Distinguiertheit in der Alten Oper Frankfurt : Bild: Florian Sonntag

          In den Augenblicken des größten Ruins, wenn der Sturm am meisten getobt hatte und alle fort waren, dann ist immer einer geblieben, einer, der es stets anders machte als die anderen und dem ich es über die Jahre so zu danken begonnen habe, dass ich ihn zu meinen ganz großen Menschen zähle, neben Chaplin, Thomas Mann und Dostojewski. Es war nicht bloß so, dass mich seine Musik in Ruhe ließ. Diese Musik blieb bei mir. Sie wollte nichts von mir, sie verlangte nichts, aber sie blieb behutsam-begleitend bei mir und wollte mich nicht alleinlassen in meinem Zustand. Als ich Paolo Conte kennenlernte, war er nicht sogleich bedeutsam für mich. Ich fand seine frühen Instrumentierungen, das verstimmte Klavier, die guten Musiker ganz angenehm, manchmal konnte er sehr zärtlich singen, überhaupt mag ich sein piemontesisches Italienisch. Mit der Zeit gewöhnte ich mich an ein paar Lieder, aber es dauerte Jahre, bis ich anfing, Paolo-Conte-Platten zu kaufen. Irgendwann begann ich zu begreifen, dass ich immer dann zu seiner Musik griff, wenn etwas nicht stimmte und zu bedrohlich wurde. In dem Augenblick, als alles kaputt war und ich begann, die Reste von mir selbst wieder einzusammeln, das war immer der Augenblick Paolo Contes. Da war er da, kniete neben mir und sammelte ungefragt mit. Tröstend war das, unaufgeregt und ohne Herablassung. Er ist in solchen Augenblicken an deiner Seite wie Thomas Mann. Er weiß um alles, redet aber nicht darüber, nicht so, wie du, der du am Boden liegst, eigentlich darüber reden willst (du willst nämlich winseln oder schreien). Er versucht dich sogar wieder gesellschaftsfähig zu machen. Er lebt dir etwas vor. Aber was?

          Der Schnauz, die Stirn, der Blick

          Man könnte die Musik von Paolo Conte angesichts der Gefühlsverstärker seicht nennen. Vielleicht sogar aseptisch. Für viele hat sie etwas Kühles, Künstliches und daher auch Bequemes. Der Mann geht nie wirklich aus sich heraus. Hebt alles auf in einem virtuosen, geläufigen Stil. Man warf ihm Spielerei und Verrätselung vor, und man kriegt ihn nicht zu packen. Kein Appell, der aus dieser Musik spricht, ist wirklich. Es ist fast eine Als-ob-Musik. Dagegen ist jeder Leonard-Cohen-Song Kinderkram. Bei Conte sehe ich eine Ähnlichkeit mit dem, was für mich immer die Mannsche Lebenshaltung ausgemacht hat: Ich mache Musik, aber ich mache sie so, dass ich nicht auf dunkle Weise an etwas in dir appelliere. Ich tue es nicht, weil es ungehörig ist. Ich, der ich tief geblickt habe, belasse es beim bloßen Spiel. Gerade darin nehme ich dich ernst und möchte, dass du wieder auf Augenhöhe mit mir bist, nicht unten im Schlamm. Weil ich nicht will, dass du im Schlamm liegst.

          Menschen, die noch im vermeintlich Äußersten kultiviert bleiben, Menschen mit „bürgerlichem Seelenleben“, die kennen kein Äußerstes und geraten da sowieso nie hinein. Ich glaube ihnen nicht. Erst mit der Mannschen Ironie bekommt diese Kultiviertheit Bedeutung und Aussage. Thomas Mann hat mir immer die Hand entgegengestreckt, wie Paolo Conte, sie waren immer behutsam-begleitend. Übrigens sehen sich beide ja sogar ein wenig ähnlich. Der Schnauz, die Stirn, der Blick. Die Distinguiertheit. Derzeit ist Paolo Conte wieder auf Tournee, am Sonntag war er in der Alten Oper in Frankfurt zu Gast. Seine Konzerte baut er immer ähnlich auf, viele Klassiker, einige völlig neu instrumentiert, das Lied über Gino Bartali etwa, den berühmten Radfahrer, war diesmal eine dramatische Kurzsymphonie in Moll; so tragisch hat man das Lied nie gehört, es war fast komplett umgeschrieben.

          Es klang wie Liebe. Wie Überwältigung

          Von Contes neuer Platte „Psiche“ war eine Handvoll Lieder zu hören. Der Meister schätzt sein gesamtes Werk und verwaltet es stets mit gerechter Hand. Er war sichtlich verschnupft, hustete bisweilen, und überhaupt hatte er diesmal etwas leicht Abgerissenes, auch sein dunkler Anzug. Er stand so oft am Mikrofon wie nie zuvor, lehnte sich dabei wie erschöpft ans Klavier, aber das kann Inszenierung gewesen sein. Saß er am Flügel, zog er die Füße an sich oder stampfte sie im wilden Rhythmus auf dem Boden. Einmal ging er nach hinten, um vom Podest zu Füßen seines Bassisten ein Handtuch zu holen, das dort bereitlag. Auf dem Weg dorthin stolperte er sogar über einen Hocker. Er nahm einen Schluck aus einem Glas, wischte sich die Hände am Handtuch und legte es anschließend ein wenig nachlässig neben das Glas zurück. Dann blickte er noch einmal zum Handtuch zurück, nahm es erneut und legte es nun ganz ordentlich neben das Glas, quadratisch zusammengefaltet, mit dem Rücken zum Publikum.

          Es waren die Handbewegungen des Priesters nach der Wandlung. Ganz unabsichtlich. Das war keine Inszenierung, das war Reflex. Auch das Tuch sollte ordentlich bleiben und Anteil daran haben dürfen und nicht verhudelt herumliegen müssen. Übrigens war spätestens mit dem fünften Lied jeder Applaus so lange wie ein frenetischer Schlussapplaus. Es klang wie Liebe. Wie Überwältigung. Ich ging spät am Abend ergriffen nach Hause und wünschte dem verschnupften Mann, den ich persönlich ja gar nicht kenne, ein ganz langes Leben.

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