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Pärnu Music Festival : Estland setzt seinen Rang als singende Nation aufs Spiel

Paavo Järvi mit dem Estonian Festival Orchestra in Pärnu Bild: Kaupo Kikkas

Der Dirigent Paavo Järvi macht Estland zum Exzellenzzentrum für Orchesterkultur, doch er sorgt sich um die Zukunft der Musik: Immer weniger Schüler wollen sie zum Beruf machen.

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          Seit in Estland am 1. Juni die während der Corona-Pandemie geltende Quarantäne-Pflicht aufgehoben wurde und sich die Reise- wie die Veranstaltungregeln lockerten, war klar: Das Musikfestival in Pärnu würde stattfinden. „Ich habe nie darüber nachgedacht, das Festival komplett abzusagen“, sagt der Dirigent Paavo Järvi, der es seit zehn Jahren leitet. „Absagen ist momentan das Leichteste auf der Welt. Ich dachte: Entweder machen wir es nur im Internet, oder wir machen Kammermusik – aber die ganze Saison abzusagen, das ist defätistisch.“

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Nun verläuft das Infektionsgeschehen in Estland seit Wochen so günstig, dass das Leben in Geschäften, Restaurants und Konzertsälen aussieht, als habe es nie eine Pandemie gegeben. Manche Esten reden von der „Corona-Zeit“, als sei sie vorbei. Veranstaltungstechnisch ist das, was gerade in Pärnu passiert, weitaus gewagter, als es die Vorhaben der Salzburger Festspiele sind. Es grenzt entweder an Leichtsinn oder an ein Wunder: Ein Musikfestival findet statt, mit einem Orchester im Zentrum, das dicht an dicht auf dem Podium sitzt und aus dieser Dichte spielerische Funken schlägt, so dass die beste Musik dabei entsteht, die man derzeit überhaupt hören kann. Und das Publikum im modernen Konzertsaal des estnischen Ostseebads sitzt ebenfalls dicht an dicht, ohne Masken im Gesicht, allenfalls mit desinfizierten Händen, und hört gebannt, glücklich, manchmal fassungslos zu.

          Die Angst, sich anzustecken, verfliegt in seligen Momenten, wenn man erlebt, wie Paavo Järvi Beethoven dirigiert. Das macht ihm derzeit keiner nach. Das ziemlich rechtwinklige, starre Hauptthema im Kopfsatz des ersten Klavierkonzerts federt vom ersten Takt an: ein Marsch voller Grazie, freundlich, biegsam, zugewandt. Allein die Arbeit mit den Hörnern wäre eine eigene Betrachtung wert: Wie sie gereizt schnarren können, sich dann wieder zärtlich an Streicher und Oboen anschmiegen – das ist gestalterische Virtuosität im Detail, die Kenntnis und jahrelange Erfahrung verrät. Paavo Järvis Zyklus aller Beethoven-Symphonien mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen ist noch immer unübertroffen. Was er dort an Erkenntnissen erworben hat, überträgt er hier höchst effektiv auf die Streicher des Tallinn Chamber Orchestra und die Bläser des Estonian Festival Orchestra.

          „Im Grunde ist doch alle Musik parlando zu spielen“, sagt Järvi und meint damit, dass sie sprechen müsse. Der Solist Kalle Randalu mischt sich aufgeweckt und zu Scherzen aufgelegt in die orchestralen Gespräche. Dieses frühe Beethovenkonzert wurzelt – besonders in seinem Finale – ganz in einer Kultur dichter Konversation, die auf Verblüffung, Bonmots, Provokationen und Begütigungen angelegt ist und die hier in Pärnu zwischen Järvi und Randalu lebendigste Gegenwart wird.

          Paavo Järvi hat das Estonian Festival Orchestra ins Zentrum seines vor zehn Jahren gegründeten Festivals gestellt. Erste CDs beim Label Alpha Classics sowie Tourneen durch Europa und nach Japan haben bewiesen: Dieses Orchester, das höchstbegabte Musiker aus vielen Ländern vereint, hat jetzt das Niveau, wie es das Lucerne Festival Orchestra oder das Mahler Chamber Orchestra unter der Leitung von Claudio Abbado einmal hatten. Järvi und Abbado sind insofern ein ähnlicher Dirigententyp, als sie die Kommunikation unter den Musikern zulassen und sogar anregen, statt sie auf ihre eigene Position zu zentralisieren. Zudem hat Järvi eine exzellente, gewiss durch den Vater Neeme Järvi geschulte Technik: Knapp, präzise, sicher im Stand (er hält die Füße still) und wirksam.

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