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Othello in Berlin : Hinabgestiegen ins Tal der Jahre

Von Eifersucht und Alter in die Knie gezwungen: Ingo Hülsmann in der Titelrolle von Shakespeares „Othello“ am Berliner Ensemble Bild: Barbara Braun/drama-berlin.de

Shakespeares Othello ist nicht nur schwarz, sondern vor allem alt: Die Demütigungen, die daraus folgen, inszeniert Michael Thalheimer am Berliner Ensemble mit Spucke und Blut.

          4 Min.

          Wie alt ist Othello? Wir wissen, dass seine Haut eine Farbe hat, für die er missachtet und gedemütigt wird. Das ist das Erste, was wir von ihm, dem „Mohren“, wissen. Als zweites kommt: Er ist ein Mann. Einer, den der Trieb treibt, der nicht lange fragt, bevor er nimmt, der besitzen und siegen will, egal, ob auf dem Schlachtfeld oder im Ehebett. Das Dritte ist: Er arbeitet als Soldat. Als General, der Untergebenen Befehle gibt und dem man Offensiven zutraut, der Verantwortung trägt und das venezianische Vaterland zwar nicht lieben, aber gut verteidigen soll.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Was wir nicht kennen, ist sein Alter: Wie alt mag Othello sein, wenn wir ihm in Shakespeares Weltendrama um 1600 begegnen, dieser blutigen Höllenfarce, in der ein Mensch von einem anderen Menschen zum Monster gemacht und ins Verderben getrieben wird? Noch bevor Othello zum ersten Mal auftritt, spielt eben dieser Monstermacher auf dessen Alter an. „Eben jetzt“, warnt Jago, dieser destruktivste Charakter der Dramengeschichte, Desdemonas Vater, „gerade jetzt deckt ein alter schwarzer Widder Euer weißes Schäfchen.“

          Die rassistische Diffamierung, die sich hier ankündigt und im Lauf des Stückes wiederholt wird, ist in ihrer Widerlichkeit offensichtlich und bündelt alle gerechte Aversion. Was dadurch weniger Beachtung findet, ist das „old“ vor dem „black ram“. Auch wenn Jagos hinterlistiger Hinweis auf das Alter des Generals uns nicht so verstört wie seine Vertierung – es gibt eine versteckte Fährte im Stück, die in Othellos Alter eine weitere bösartige Differenz zur Norm betont.

          Die Manipulation nimmt ihren Lauf

          Dritter Akt, dritte Szene: Jagos Gift wirkt. Das „grünäugige Ungeheuer“ Eifersucht hat sich auf Othellos Schultern gesetzt und beißt sich von dort aus vor zu seinem Herzen. Der Verdacht des Betruges liegt in der Luft, und Othello zermartert sich das Hirn über die möglichen Gründe: „Vielleicht weil ich schwarz bin“, erwägt er vor dem Erfahrungshorizont seiner Erniedrigungen, „oder nicht jene sanften Umgangsformen wie Weiberhelden habe“, überlegt er, der ahnt, wie grobschlächtig er wirkt.

          „Oder“, so der letzte, für ihn denkbare Grund, „weil ich in das Tal der Jahre hinabgestiegen bin“ (for I am declin’d into the vale of years). Othello fühlt sein Alter. Verzweifelt sucht er in ihm eine Erklärung für das Unvorstellbare: dass seine Frau ihn mit einem Leutnant betrogen hat. Seine Eroberung, Desdemona, seine junge schöne Frau: Wenig später hält er ihre Hand, fühlt Feuchtigkeit in ihrer Fläche – „this hand is moist, my lady“ – und wertet das als Zeichen ihrer betrügerischen Jugend. „Ein junger und schwitzender Teufel“ muss sein Nebenbuhler sein und er ein alter, austrocknender Mann.

          Ingo Hülsmann ist sechsundfünfzig. Sina Martens ist dreißig. Wenn die beiden sich zu Beginn von Michael Thalheimers „Othello“-Inszenierung am Berliner Ensemble aneinander reiben und berauschen, wenn sie, als unschuldig weißgefärbte Desdemona barbusig, nur im Slip, auf ihn, den blutüberströmten nackten Othello in Reiterstiefeln springt und ihn „einweißt“, wenn er sich dann brüllend wie ein Lustmolch auf sie wirft und ihr grob an die Brüste fasst, dann streckt sie nicht nur beide Arme schräg von sich, sondern auch die Zunge weit aus dem Mund heraus. So als ob sie ihrem geilen Mann noch in der größten Ekstase seine lächerliche Unzulänglichkeit klarmachen und ihn, den alten Bock, mit ihrer Jugend keck herausfordern wollte.

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