https://www.faz.net/-gqz-98hcp

Osterfestspiele in Baden-Baden : Klingsors Zaubergarten trägt hier Betongrau

Ob dem Mann noch zu helfen ist? Gerald Finley als Amfortas bei der Grals-Enthüllung im ersten Akt. Bild: Monika Rittershaus

Ritter in Fetzenwindeln, aber schöner singt weit und breit niemand: Dieter Dorn und Simon Rattle bringen in Baden-Baden einen fulminanten „Parsifal“ auf die Bühne.

          Nicht die Welt, die Kunst ist krank. Die Gralsritter leben als heruntergekommene Bühnentischler in einer Werkstatt, die ihre Burg ist. Auf den Sperrholzplatten sieht man zarte Zeichnungen einer Wald- und Hügellandschaft, doch die Bretter selbst müssen hier allein die Welt bedeuten; zum Zauber reicht die Kraft nicht mehr. Beim Abendmahl am Ende des ersten Aufzugs von Richard Wagners „Parsifal“ versammelt man sich auf den Stützgerüsten der unfertigen Prospekte: Es ist die Rückseite schütterer Illusionen.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Bei den diesjährigen Osterfestspielen in Baden-Baden nimmt der Regisseur Dieter Dorn die Idee eines „Bühnenweihfestspiels“, wie Wagner sein letztes Musikdrama betitelt hat, so ernst, dass es ihm hier um die Bühne im buchstäblichen Sinn geht. Hat die Bühne noch die Kraft, ein Ort der Stärkung und der Weltbedeutung zu sein? Wagner selbst fasste seinen „Parsifal“ als Ritus seiner eigenen Kunstreligion auf und formulierte in seiner Schrift „Kunst und Religion“, zwei Jahre vor der Uraufführung des Werkes bei den Bayreuther Festspielen 1882, „dass da, wo die Religion künstlich wird, der Kunst es vorbehalten sei, den Kern der Religion zu retten, indem sie die mythischen Symbole, welche sie im eigentlichen Sinne als wahr geglaubt wissen will, ihrem sinnbildlichen Werte nach erfasst, um durch ideale Darstellung derselben die ihnen verborgene tiefe Wahrheit erkennen zu lassen“. Wie sieht das aber heute, gut hundertdreißig Jahre später, aus?

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          F.A.Z. Edition

          Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

          Mehr erfahren

          Dorn und seine Bühnenbildnerin Magdalena Guth beschreiben eine Welt, die keine Kraft mehr für Sinnbilder hat. Sogar der Zaubergarten Klingsors im zweiten Aufzug ist betongrau und kantig-abstrakt. Der Widersacher der Gralsritter hat ein immenses Problem bei der Mitarbeitermotivation. Nicht nur Kundry, die erotische Wunderwaffe vom Dienst, auch die Blumenmädchen stöhnen – nicht vor Lust, sondern vor Müdigkeit. Das Stöhnen der Kreatur, der ganzen Schöpfung, die sich mit uns nach Erlösung sehnt, wie es der Apostel Paulus eindringlich im Römerbrief beschreibt, ist in Dorns Inszenierung überall zu vernehmen. In den Abendmahlsszenen formen sich die Ritter, von der Kostümbildnerin Monika Staykova in Fetzen gewindelt, zu einem Monumentaltableau der Bedürftigkeit. Das schöne Programmheft liefert das Vorbild gleich mit: Ferdinand Hodlers Mönchsgruppenporträt „Die Lebensmüden“.

          Müde Kunst einer Müdigkeitsgesellschaft inmitten einer erschöpften Schöpfung – das ist bei Dieter Dorn ein zwar nicht immer mitreißendes, fesselnd erzähltes Theater, aber es trifft doch Wagners „Parsifal“ im Kern und rettet dessen Sinnbilder, nachdem die Kunstreligion wagnerscher Prägung keine Zukunft mehr haben kann. Vor allem im Bild, weniger im Prozess, hat diese Mattigkeit Größe.

          „So wacht doch mindest am Morgen“

          Musikalisch ist dieser „Parsifal“ aber alles andere als ein Monument des kulturellen Burnouts. Sir Simon Rattle nutzt seine sechsten und letzten Osterfestspiele mit den Berliner Philharmonikern in Baden-Baden, um noch einmal die Stärken des Orchesters auszuspielen. Zwar verlaufen im Unisono des Vorspiels nicht alle Linien völlig synchron, zwar gibt es ein paar – lässliche – Wackler bei den Blechbläsern, aber die klangliche Delikatesse des Orchesters hat inzwischen einen geradezu dekadenten Grad der Überfeinerung erreicht. Obwohl der Orchestergraben in Baden-Baden offen ist, meint man fast den gedeckten Graben von Bayreuth zu hören: Samtig gedämpft ist der Streicherklang, jener der Holzbläser wie Vogellaut aus fernen Lüften; das Blech tönt weich wie aus unendlicher Raumtiefe. Rattle reagiert feinfühlig auf die Singenden mit einem orchestralen Ton empathischer Eleganz.

          Und gesungen wird, wie man es sich schöner schwer denken kann. Stephen Gould als Parsifal wirkt im zweiten Aufzug zwischen den Blumenmädchen stimmlich zwar noch etwas harsch und tapsig wie ein Igel in der Krokusrabatte, überwältigt dann aber im dritten Aufzug durch die tenorale Zärtlichkeit, den unangestrengt-umstandslosen Ton, wenn er Kundry tauft. Franz-Josef Selig als Gurnemanz ist ein Riese der Sanftmut. Klang und Sprache finden wundersam zueinander, wenn nicht nur seine Vokale, sondern auch seine Konsonanten klingen, etwa die warm vibrierenden Ms in „So wacht doch mindest am Morgen“. Und dann erst Gerald Finley als Amfortas! Einer der besten Baritone unserer Zeit: Die herzerwärmende Weichheit eines Hermann Prey verbindet er mit der Genauigkeit eines Christian Gerhaher. An Wut und Kraft fehlt es ihm keinesfalls, aber er kann so wunderbar weittragende Bögen im Leisen bauen wie das Orchester.

          Jewgeni Nikitin, vor Jahren noch ein ingrimmiger Amfortas, ist hier ein Bilderbuch-Klingsor: Sein Bariton strahlt mit stahlblanker Majestät; seine Diktion ist wie mit einem Gravurmesser in die Luft geschnitten. Auch Robert Lloyd macht seinen kurzen Auftritt als greiser Titurel gekonnt zu einem gespenstisch-gruftigen Ereignis.

          Die größte Überraschung des Abends ist gewiss die Mezzosopranistin Ruxandra Donose als Kundry. Eher im Belcanto und im Barock zu Hause, bei Rossini, Bellini, Vivaldi und Mozart, singt sie die rastlose Dienerin und Hure, die verflucht wurde, weil sie Christus bei der Kreuzigung verlacht hatte, als durch und durch verstörte Frau: zerbrechlich, leicht, kraftvoll auch, aber auf ungewöhnliche Weise. Züge des Dämonischen gehen ihr völlig ab. Sie liegt schon beim Vorspiel auf der Bühne wie der von Parsifal erschossene Schwan. Und am Ende, nachdem im Glanz des von Walter Zeh einstudierten Philharmonia Chores Wien noch einmal das Leuchten des Grals zu hören war, bleibt sie vor dem Vorhang, der sich senkt, zurück: verängstigt, gespannt in einer Erwartung auf das Eigentliche, das noch kommen muss – eine Erlösung nämlich, die Kunst niemals leisten kann.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Unser Sprinter-Autor: Patrick Bernau

          FAZ.NET-Sprinter : Elektroautos ohne Ladesäulen

          Widersprüche soweit das Auge reicht: In der E-Mobilität soll es voran gehen, doch es fehlt an Ladesäulen und in der Jugendbewegung Fridays for Future geben Erwachsene den Ton an. Was sonst noch wichtig wird, steht im FAZ.NET-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.