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Osterfestspiele Baden-Baden : Ein wahres Himmelsgeschenk

Sonya Yoncheva mit den Berliner Philharmonikern Bild: Monika Rittershaus

Während die Musik von Peter Tschaikowsky in unseren Nachbarländern bereits Teilverboten unterliegt, halten die Osterfestspiele Baden-Baden an ihr fest. Der Dirigent Kirill Petrenko bringt sie zum Strahlen.

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          Im polnischen Kattowitz ist die dritte Symphonie von Peter Tschaikowsky Ende März mit einem Aufführungsverbot belegt worden; an der Nationaloper in Prag nahm man Tschaikowskys Märchen „Die Pantöffelchen“ aus dem Spielplan, weil im Text vom großen russischen Reich die Rede ist; in Estland machen sich Aktivisten stark, ein generelles Verbot russischer Kunst in ihrem Land zu erwirken. In Deutschland schreckt man vor solch einem Schritt noch zurück. Es dürfte einigen in Erinnerung geblieben sein, wann Tschaikowsky hierzulande das letzte Mal verboten war: zwischen dem 22. Juni 1941 und dem 8. Mai 1945.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Die Osterfestspiele Baden-Baden hielten unbeirrt an ihrem Russland-Schwerpunkt – mit Tschaikowskys Opern „Pique Dame“ und „Jolanthe“ als Hauptwerken – fest, und zwar auf eine so unaufgeregte, kluge Art, dass sie darin Vorbildcharakter für andere Institutionen in Zeiten des Kriegs haben können. Der Intendant des Baden-Badener Festspielhauses, Benedikt Stampa, ließ im Gesamtprogramm einen ganzseitigen Aufruf zu Spenden für die Ukraine bei der UN-Flüchtlingshilfe drucken; ansonsten hielt man sich zurück mit Solidaritätsramsch und Selbstentlastungslarmoyanz. Moral ha­ben die Festspiele gezeigt durch Genauigkeit in der Arbeit an der Kunst.

          Kirill Petrenko, am Pult der Berliner Philharmoniker, ist als Tschaikowsky-Dirigent ein Himmelsgeschenk! Seine gestalterische Intelligenz zeigt sich besonders im ersten Bild von Tschaikowskys letzter Oper „Jolanthe“: Der Grundton dieser Geschichte um eine Prinzessin, die blind ist, es aber nicht weiß, weil ihr Vater es vor ihr geheim hält, und die erst durch Krankheitseinsicht und liebende Begleitung sehend werden kann, ist lyrisch-elegisch.

          Diese toxische Süße

          Das ganze erste Bild wird beherrscht von Trost- und Wiegenliedern, in denen eine toxische Süße steckt: lebensgefährliche Weltfluchtmusik. Petrenko schafft es, mit einem durchgehenden Puls durch den Wechsel von Ensembles, Chören und Soli szenische Einheit in der konzertanten Aufführung herzustellen und trotzdem mit jedem Wechsel für hinreichend Kontrast zu sorgen, damit das Drama nicht einschläft.

          Der dichte Anschluss der Bläsersoli an die Stimmen offenbart Tschaikowsky als achtsamsten Nachfolger Mozarts in der Oper: Sein Orchester ordnet sich dem Gesang nicht unter, es ist auch nicht der allwissende Kommentator des Bühnengeschehens; sein Orchester ist eines der Empathie mit den Singenden. Selbst in den vokalen Soli von Margarita Nekrasova als Amme Marta oder von Sonya Yoncheva als Jolanthe hören wir durch den sensiblen Dialog von Klarinette und Englischhorn im Grunde immer Ensembles.

          Entsteht Dichte hier vor allem durch gestische und farbliche Anverwandlung der Instrumente an die Stimmen, so erzeugt sie Petrenko andernorts vor allem durch Konzentration: Die Berliner Philharmoniker, obzwar auf der Bühne platziert, dröhnen nicht, wo es nicht nottut. Sie erzeugen Spannung vielmehr durch eine gezielte Binnenphrasierung und eine genaue Artikulation. Diese Feingliedrigkeit des Spiels war schon in der sängerisch unüberbietbar besetzten „Pique Dame“ zu bemerken.

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