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„Walküre“ und „Tosca“ : Von jetzt an bitte Oper höchstens noch semikonzertant!

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Der Puccini-erfahrene Marcelo Àlvarez als authentischer Cavaradossi.
Der Puccini-erfahrene Marcelo Àlvarez als authentischer Cavaradossi. : Bild: dpa

Diese drei Faktoren zusammengenommen (gutes Casting, herausragende Kapelle, überwältigendes Bühnenbild) hätten für einen großen semikonzertanten Festspiel-Abend vollkommen ausgereicht. Irgendjemand hatte aber die Idee, dass, weil Karajans Personenregie sich weiland weitgehend im Düstern abgespielt hatte und auch keine Regiebücher vorhanden sind, die bewährte und etablierte Regisseurin Vera Nemirova engagiert werden müsse, damit sie dieser „Rekreation eines Bühnenwerkes“ ein paar neue Regieeinfälle hinzufügt. Das war keine gute Idee. Nemirova fiel, siehe oben, nicht viel ein. Genauer: Ihr fiel ungefähr dreimal etwas ein, was nicht richtig funktionierte.

Rampensingen vom Feinsten

Erstens: ausgiebiges, retromäßiges Rampensingen. Zweitens: ein hölzernes Steckenpferd, das Brünnhilde von Wotan geschenkt kriegt, lustig, sie lacht sich schlapp; danach wird es aber nicht mehr gebraucht. Drittens dreht sich Siegmund am Fuß der Weltesche eine Zigarette, total normal, also ein netter, alter Junge von hier und heute. Hat sie aber nicht angezündet, dazu kommt es nicht, Thielemann und Wagner spielen einfach weiter, und schon muss Siegmund den Regieeinfall wieder in seine Parkajacke stecken und das Schwert Nothung von damals und gestern aus dem Baum ziehen.

Bei der Festspieleröffnung in Baden-Baden, am Abend zuvor, passierten ähnliche Pannen. Freilich, die Retromode ist hier noch nicht angekommen, weshalb der studierte und bewährte Regisseur Philipp Himmelmann in seiner Lesart der phantastischen Oper „Tosca“ von Giacomo Puccini fast ganz auf sich gestellt war. Er haderte mit dem Umstand, dass auch in diesem Stück, das so krass und prophetisch mit dem Scarpia-Motiv des Bösewichts beginnt und folgerichtig mit dem Tod aller Beteiligten endet, ganz unaufhaltsam, ja, fortlaufend herrlich gesungen und musiziert wird. Da kann es dann schon vorkommen, dass der Tenor mal zwei Meter nach rechts geht und dann unverrichteter Dinge wieder zwei Meter nach links, nur damit die Zeit herum ist. Der Höhepunkt der Regieeinfälle im ersten Akt ist erreicht, wenn Tenor und Sopran gleichzeitig mittig vorn auf die Knie fallen, sich umhalsen und ins Publikum singen: Rampensingen vom Feinsten.

Der Puccini-erfahrene Tenor Marcelo Àlvarez singt idiomatisch einfach hinreißend, er hat immer noch jugendlichen Schmelz in der Stimme, und in der Höhe sitzt eine kleine blanke Trompete. Seine geliebte Floria Tosca dagegen, in jede Menge nuttiges rotes Geflattere eingehüllt, wirkt am Premierenabend seltsam brüchig und belegt. An sich ist Kristine Opolais eine famose, höhenstarke Sopranistin, aber auch sie rennt ziemlich viel hin und her, ringt die Hände, richtet die Locken und zupft am Geflattere herum. An sich ist Evgeny Nikitin ein solider Bariton, ohne Wucht und Schwärze. Hier, als Polizeichef Scarpia, agiert er so klischeehaft dämonisch wie der dritte Vorstadtzuhälter von links in einer Polizei-Doku-Serie.

Es gibt aber in dieser so konsequent und genial gebauten Geschichte von der Tyrannenmörderin aus Liebe, deren blutbefleckte, zugleich unschuldsweiße Hände von ihrem Herzgeliebten so euphorisch besungen werden, als seien sie reine Himmelsschlüsselblumen, keinen Platz für Klischees. Hier ist kein Ton, keine Zäsur zu viel. Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker trugen dem herrlich Rechnung, sie kümmerten sich nicht weiter um das Elend droben auf der Bühne, zauberten sich im Orchestergraben ihre eigne, symphonische „Tosca“ und erfrischten und erfreuten uns mit einer opulenten, rauschhaften Puccini-Orgie. Vorhang.

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