https://www.faz.net/-gqz-7n69s

Opernintendant : Gerard Mortier ist tot

  • -Aktualisiert am

Gerard Mortier 1943 - 2014 Bild: AFP

Der Opernintendant Gerard Mortier definierte das Musiktheater neu und brachte die Salzburger Festspiele zur Blüte. Jetzt ist er im Alter von siebzig Jahren gestorben.

          2 Min.

          Gerard Mortier ist gestorben. Der Opern- und Festivalintendant, langjähriger Leiter der Salzburger Festspiele, erlag gestern im Alter von siebzig Jahren seinem Krebsleiden.  Dies berichtet heute die belgische Zeitung „De Morgen“. Das Kabinett der belgischen Kulturministerin Fadila Laanan bestätigte diese Meldung. Mortier war im Sommer 2013 an Krebs erkrankt und daraufhin im September von der Comisión Ejecutiva des Teatro Real in Madrid fristlos seines Amtes als künstlerischer Leider enthoben und alsbald durch Joan Matabosch abgelöst worden - die Krankheit diente der Administration als Vorwand, um diesen ebenso  leidenschaftlichen und listenreichen wie  innovativen  und unbequemen Querdenker loszuwerden.

          Um die bereits angeschobenen Projekte dieser Spielzeit und die dazu engagierten Künstler nicht in Gefahr zu bringen, willigte Mortier ein, sich zum „künstlerischen Berater“ des neuen Intendanten degradieren zu lassen. Diese pragmatische Haltung war typisch für ihn, der zwar selbst nicht eigenschöpferisch tätig und im engeren Sinne kein Künstlerintendant, freilich mit vielen Künstlern eng verbunden war. Mortier stellte das jeweilige Projekt stets an erste Stelle. Er schuf für Musik, Text und Bühne optimale Bedingungen und den Ausführenden ermöglichte er optimale Freiheit des Denkens und Handelns.

          Am 25. November 1943 in Gent als Sohn eines Bäckers geboren, wurde Mortier ausgebildet an der Genter Jesuitenschule. Mit zweiundzwanzig schloss er an der Universität in Gent sein Jurastudium mit Promotion ab. Erste Managererfahrungen sammelte er in zweiter Reihe beim Flandern Musikfestival, danach an den Opernhäusern in Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg und Paris. Als er 1981 in Brüssel erstmals die künstlerische Leitung eines Opernhauses übernahm und seine eigne Intendantenhandschrift vorzeigte, zog das eine  breite Rezeptionsspur, die bis heute sichtbar ist. Viele erfolgreiche Opernhäuser Europas, von Frankfurt über Brüssel bis Lyon, werden heute  von Mortiers Schülern  gelenkt. Insofern wird sein Lebenswerk weiter geführt, ist die Trauer und Betroffenheit groß.

          Die Salzburger Ära Mortier

          Mortier definierte das Musiktheater neu, indem er Künstler engagierte, die seine Auffassung über die gesellschaftliche Relevanz und den politischen Wahrheitskern musikalischer Werke  teilten. Außer Karl-Ernst Hermann und Ruth Berghaus gehörten schon in der ersten Brüsseler Stunde Patrice Chéreau, Peter Stein, Peter Sellars und Luc Bondy zum ‚Netzwerk Mortier‘, und natürlich Sylvain Cambreling, Brüssels Generalmusikdirektor. Auf die zehn Jahre  am Théâtre de la Monnaie folgten zehn Jahre Salzburg, von 1991 bis 2001. Auch hier legte Mortier eingerostete alte Schalter um, definierte er eine Institution  neu. Tatsächlich wurden unter ihm fünfundzwanzig Opern des 20. Jahrhunderts in Salzburg aufgeführt. Und bis heute werden die Salzburger Festspiele jeden Sommer wieder neu gemessen an diesen Errungenschaften der ‚Ära Mortier“. 

          Es folgten Engagements in Nordrhein-Westfalen, ab der Spielzeit 2004/05 leitete er bis Juli 2009 die Pariser Oper. Kurz darauf sollte er die Leitung der New York City Opera als General Manager und Artistic Director übernehmen. 2010 wurde er am Madrider Opernhaus Teatro Real als künstlerischer Direktor engagiert. Sein Vertrag wäre noch bis 2016 gelaufen.

          Bei seinem letzten öffentlichen Auftritt Ende Januar, im Rahmen der Pressekonferenz zur Uraufführung der Oper „Brokeback Mountains“  am Teatro Real, sagte Gerard Mortier, halb im Scherz zu den versammelten Journalisten, der Mensch werde milder, wenn er, so plötzlich wie es ihm ergangen sei, mit der eignen Endlichkeit konfrontiert werde. Humor hatte er reichlich, aber Nachsicht war nie seine Stärke, ein Kämpfer blieb er bis zum Schluss. 

          Weitere Themen

          Der große Gleichmacher

          Klimawandel : Der große Gleichmacher

          Kapitalismus ist das Problem und nicht die Lösung: Wir sollten aufhören, Begriffe wie „Klimawandel“ und „CO2-Ausgleich“ zu benutzen – und endlich handeln. Ein Gastbeitrag.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.