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Opern-Premiere in Berlin : Auf Abstand, aber kreativ

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Jenůfa (Camilla Nylund) läuft vor Steva (Ladislav Elgr) davon. Bild: Bernd Uhlig

Kleines Orchester, lyrisch befreites Singen: An der Berliner Staatsoper wissen Simon Rattle und Damiano Michieletto bei Janáčeks „Jenůfa“ aus der Pandemie klug Gewinn zu ziehen. Das Ergebnis ist in der 3Sat-Mediathek zu sehen.

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          Irgendwann, sagt der Regisseur Damiano Michieletto, hätten sie aufgehört „so zu tun, als sei dies eine normale Aufführung“. Das Ergebnis ist verblüffend. Natürlich reichen die Abstandsregeln, die Corona gebietet, in die ästhetische Substanz. Aber statt zu stören, scheinen sie im Fall von Leoš Janáčeks „Jenůfa“ zu stimulieren. Das betrifft Klang und Szene gleichermaßen. Im Orchestergraben der Berliner Staatsoper müssen acht erste Violinen genügen. Die Parts der Holzbläser hat Simon Rattle leicht umarrangiert, so dass statt drei nur jeweils zwei Flöten, Oboen und Fagotte zum Zuge kommen. Das führt dazu, dass die Revolte, die Janáček in seinen späteren Stücken gegen das homogene, spätromantische Orchester führt, nun auch für „Jenůfa“ gilt. Die innere Nervosität des Durchbruchsstücks ist mit Ohren zu greifen. Das Querständige der Instrumentation kommt plastisch heraus, genauer: die – von der Moderne erst viel später entdeckte – Chance einer aus Widerständen gedachten, neuen Materialität des Klangs.

          Gewiss: Auch als Kirill Petrenko, damals noch Musikchef der Komischen Oper, die letzte musikalisch bedeutende „Jenůfa“-Premiere in Berlin dirigierte, klang Janáček unerhört und geradezu unverschämt in seinen musikalischen Forderungen. Aber die Plastizität entstand aus einer Fülle des brillant geschliffenen Wohllauts. Nun drängt sich der Bezug zur Uraufführung auf, bei der im Jahr 1904 nur 29 Musiker im Graben des Brünner Nationaltheaters gesessen haben sollen. Machen wir keine Regel daraus. Doch in diesem speziellen Fall führen Corona-Zwänge zur Tugend eines historisch informierten Klangbewusstseins. Aerosole hin oder her.

          Liebe hat mit Verzeihen zu tun

          Der Chor, der in „Jenůfa“ keine allzu große Rolle spielt, wird nicht – wie bei den Livestreams der Oper Zürich und demnächst wohl auch in Bayreuth – aus einem Probenraum zugespielt. Er sitzt leibhaftig, schwarz gewandet und brav verteilt im leeren Parkett, teils auf den ausgestorbenen Rängen. Keine Brechung im konzeptionellen Sinn entsteht daraus, aber ein Hauch von Publikum, der es den Solisten auf der Bühne leichter macht. Weil sie diesmal nicht gegen eine massiv aufbrandende Klangwucht und Klangwand ansingen müssen, können sich diese Solisten auf Zwischentöne konzentrieren.

          Einige nutzen das. Camilla Nylund zum Beispiel, die als Jenůfa ihr Rollendebüt gibt und den Urlaub von überlebensgroßen Wagner- und Strausspartien nutzt. Selten ist sie so aus sich herausgegangen, identifiziert sich rückhaltlos mit dem Schicksal der jungen Mutter, deren uneheliches Kind um eines irren Ehrencodex willen ertränkt wird. Auch Stuart Skelton, sonst Tristan vom Dienst, freut sich hörbar über den Gestaltungsspielraum. Er gibt den bulligen, aber warmherzigen und warmstimmigen Laca, der Jenůfa eifersüchtig die Rosenwange zerschneidet, sie am Ende aber doch bekommt. Liebe, sagt Janáčeks helle Schlussapotheose, hat mit Verzeihen zu tun. Und sie keimt oft dort, wo man sie am wenigsten erwartet.

          Dass die Sängerinnen und Sänger auf der Bühne Abstand halten müssen, fällt kaum auf. Damiano Michielettos Regie setzt auf einfache, klare, manchmal auch allzu simple Symbole und Requisiten, die Kameras zoomen und verkürzen Distanzen. Ohnehin bleiben die Figuren des Stücks lange gefangen in ihren Erwartungen, in sozialer Hierarchie und einem menschlich-allzumenschlichen Horizont. Am meisten gilt das für die Küsterin, die den Kindsmord begeht im Glauben, ihrer Stieftochter damit eine problemfreie Zukunft zu ermöglichen. Es ist eine jener Partien, die in kein Stimmfach passen. Von tiefen Altistinnen wie Margarete Klose wurde sie ebenso erfolgreich gesungen wie von reinen Sopranen wie Anja Silja. Wenn sie jetzt von Evelyn Herlitzius gestaltet wird, deren Stimme sich längst jenseits von Gut und Böse bewegt, so mag das durchaus im Sinn des Komponisten sein, der – darin Verdi nicht unähnlich – meinte, Gesang sei „nicht um der Schönheit und Lieblichkeit, sondern um der Lebenswahrheit willen da“. Die schönste Stimme des Abends kam übrigens aus dem Orchestergraben. Janáček hat die Not seiner Titelheldin, ihr angstvolles Warten und inbrünstiges Gebet der Solo-Violine anvertraut. Es geht um ihre innere Stimme. Lothar Strauß, dem Konzertmeister der Staatskapelle, gelang eine betörende Mischung aus sprechender Artikulation und klanglicher Rundung.

          1924 wurde „Jenůfa“ an der Berliner Staatsoper erstmals gespielt. Es war nicht irgendeine Premiere, sondern der internationale Durchbruch des Stücks. Erich Kleiber dirigierte; der Komponist befand sich im siebzigsten Lebensjahr. Kein Geringerer als Oskar Bie, dessen Buch über die Oper seit hundert Jahren als Standardwerk gilt, berichtete damals im „Börsen-Courier“. Wie die meisten seiner Kollegen erkannte er den Wert des Stückes, ordnete es aber ganz im Sinne nationalistischer Musikzuschreibung ein: Von „heimatlichem Gefühl“ des mährischen Komponisten sei jeder Takt durchtränkt, die Musik „frei von Europa“. Absurd erscheint uns das heute.

          Aber auch der Abstand, der heutige Hörer von solchen Diagnosen trennt, gehört zur aktuellen Premiere Unter den Linden. Ein kreativer Abstand, ganz unabhängig von Corona. An ihn zu erinnern war kein schlechter Nebeneffekt dieses Livestreams.

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