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Renaissance der Musiktheater : Der große Opern-Boom

Futuristische Heimstätte der Musik: Palau de les Arts Reina Sofia in Valencia Bild: dpa

Kein Geld für Kultur? Von wegen! Überall in Europa eröffnen neue Musiktheater. Sie stehen für wirtschaftlichen Aufschwung und Selbstbewusstsein der Regionen.

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          Sämtliche Türen des alten Stadttheaters sind verrammelt, weit und breit lässt sich kein Besucher blicken. Sogar die Bars ringsum haben schon geschlossen. Dabei soll in einer Dreiviertelstunde die Vorstellung beginnen, in der „Opera di Firenze“, so steht es auf dem Ticket. Endlich, nach langem Suchen, findet sich in der Seitenstraße ein geöffnetes Hotel. Der Rezeptionist klärt das Rätsel auf: Die Oper ist umgezogen, ein paar Straßen weiter hat die Stadt vor kurzem einen Neubau eröffnet. Wussten Sie das nicht?

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Und tatsächlich: Kaum ist die vielbefahrene Ringstraße überquert, erhebt sich schon der Koloss. Eine Pergola führt über einen schier endlosen Vorplatz zum eigentlichen Operngebäude mit seiner hoch aufragenden Betonfassade. Weit sind in dem riesigen Gebäude die Wege zu Pausenbar, Toilette, Garderobe. Dann folgt der Zuschauerraum mit stolzen 1800 Plätzen. Und keiner bleibt an diesem Abend leer.

          So etwas kann leicht passieren, wenn man heutzutage durch Europa reist. Kaum dass man sich versieht, hat an der nächsten Ecke schon wieder eine neue Oper aufgemacht. Das gilt nicht nur für den Süden. Das schwedische Umeå, die europäische Kulturhauptstadt des vorigen Jahres, leistete sich ebenso ein neues Opernhaus wie die walisische Hauptstadt Cardiff weit im Westen oder das polnische Białystok im fernen Osten der Europäischen Union.

          Die Krise sorgte nur für eine Delle

          Mindestens ein Dutzend repräsentativer Opernhäuser wurde in Europa seit der Jahrtausendwende neu eröffnet. Rechnet man die grundlegenden Sanierungen dazu, die oft einem Neubau nahekommen, so erhöht sich die Zahl noch einmal drastisch – die Wiedereröffnung abgebrannter Häuser wie in Venedig, Barcelona oder Bari noch gar nicht mitgerechnet. Die österreichische Bundeshauptstadt hat ihr „Theater an der Wien“ sogar als drittes Opernhaus neu eröffnet, das sie zuvor jahrzehntelang als Musicalpalast betrieb. Heute erscheint ihr die Oper publikumsträchtiger zu sein -– allerdings auch, weil sie höher bezuschusst wird.

          Ort der Erneuerung: Arbeiten im Wiener Opernhaus

          Die Finanz- und Schuldenkrise hat dem Aufschwung nur eine Delle versetzt, vielerorts geht es inzwischen wieder aufwärts: Selbst im krisengeschüttelten Portugal bietet die Nationaloper inzwischen wieder einen ganzjährigen Spielplan an. Nur das opernverwöhnte Deutschland diskutiert an einzelnen Orten die Schließung von Musiktheatern, und der Wiederaufbau der entkernten Berliner Staatsoper geht nur schleppend voran. Dem Publikumszuspruch tut es keinen Abbruch: Nach wie vor verkaufen die deutschen Bühnen pro Jahr rund zehn Millionen Karten für Musiktheater und Konzert. Allein in der Hauptstadt Berlin sind es rund 700.000 Tickets, mit steigender Tendenz.

          Dekadente Kunstform für die Schönen und Reichen

          Das Genre boomt, allen pessimistischen Prognosen vom drohenden Kulturverfall zum Trotz. Kaum etwas dokumentiert das Selbstbewusstsein einer Stadt, einer Region oder eines ganzen Landes besser als ein prachtvolles Operngebäude. Es stärkt die lokale Identität, lockt Investoren und Touristen an. Es zeigt die Zugehörigkeit zur westlichen Zivilisation und Hochkultur, zugleich beweist es aber auch kulturelle Eigenständigkeit. Nicht zuletzt können sich Politiker und Sponsoren damit selbst ein Denkmal setzen. So machte es schon der französische Präsident François Mitterrand, als er 1989 die Pariser Bastille-Oper eröffnete. Und so war es bei dem dänischen Reeder Arnold Mærsk Mc-Kinney Møller, der den Bau des 2005 eröffneten neuen Opernhauses in Kopenhagen finanzierte - und das Projekt gegen viele Widerstände durchdrückte.

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