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Oper über Arendt und Heidegger : Komm, mach schon, zeig mir das Sein!

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Emotional aufwühlend und meist ironisch: Das Theater Regensburg wagt einen Exkurs zum deutsch-jüdischen Verhältnis. Bild: Jochen Quast

„Die Banalität der Liebe“: Ella Milch-Sheriff macht in Regensburg auf virtuose Weise Hannah Arendt und Martin Heidegger den Prozess in einer gnadenlosen Oper.

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          Geschichte wird in Bayern groß-geschrieben. Das gilt besonders jetzt, im Jahr der Landtagswahl. Geschichte zum Anfassen ist noch besser. Nur hat leider letzten Sommer ein Feuer im Rohbau des monumentalen neuen Museums der Bayerischen Geschichte am Regensburger Donau-Ufer den Eröffnungstermin in die Ferne rücken lassen. Einen Festakt im hoffentlich fertigen Parterre soll es vor der Wahl aber noch geben, um gleich den hundertsten Geburtstag des Freistaats volksnah und vis-à-vis des weißen Ausflugsschiffs „Kristallprinzessin“ zu feiern.

          In Regensburg werden 2019 gleich zwei große Bauvorhaben abgeschlossen. Das zweite ist das auf dem Gelände der in der Pogromnacht 1938 abgebrannten Synagoge gerade entstehende neue jüdische Gemeindezentrum samt neuer Synagoge inmitten der Altstadt, gebaut vom renommierten Büro Staab Architekten aus Berlin. Zur Eröffnung 2019 wird auch der religiös und wirtschaftlich motivierten Judenfeindlichkeit und Vertreibung der gesamten jüdischen Bevölkerung Regensburgs vor dann genau fünfhundert Jahren gedacht werden. Das jüdische Viertel wurde damals samt Schule und Synagoge zerstört, der Friedhof geschändet, einige Grabsteine hat man als Trophäen in Häuserwände eingemauert. Davon sind heute noch etwa sechzig zu sehen.

          Es kann keine Gnade geben

          Mit der Uraufführung der Oper „Die Banalität der Liebe“ der israelischen Komponistin Ella Milch-Sheriff wagt das Theater Regensburg nun einen emotional aufwühlenden, musiktheatralisch meist ironisch gebrochenen Exkurs zum deutsch-jüdischen Verhältnis. Basierend auf dem 2007 in Bonn uraufgeführten gleichnamigen Drama der Librettistin Savyon Liebrecht, selbst Tochter von Holocaust-Überlebenden, steht die jüdisch-deutsch-amerikanische Philosophin und Politologin Hannah Arendt im Fokus. Dass sie schon 1925 als achtzehnjährige Studentin, die Geliebte von Martin Heidegger, des damaligen Ordinarius für Philosophie an der Universität Marburg, war und mit Unterbrechung der Nazi-Zeit bis ins Jahr 1975 den Kontakt zu ihm hielt, sorgte nach der postumen Entdeckung ihrer Briefe für ziemliches Aufsehen. Mit ihrer These von der „Banalität des Bösen“ angesichts der von ihr konstatierten „Normalität“ von Adolf Eichmann, dem maßgeblichen Mitorganisator des nationalsozialistischen Massenmordes an den europäischen Juden, hatte Arendt Anfang der sechziger Jahre mehrere Kontroversen ausgelöst, in denen ihr Verharmlosung des Holocaust vorgeworfen wurde. Als ehemaliger Geliebten Heideggers wurde ihr bald der Vorwurf gemacht, sie habe mir ihrer These den späteren Nazi-Sympathisanten und inzwischen als glühenden Antisemiten erkennbaren Heidegger verteidigt. Doch so einfach lässt sich das Böse vom Liebenswerten nicht trennen. Schon in den psychologischen Gutachten während der Nürnberger Prozesse wurde festgestellt, dass es sich bei den Tätern auch um sorgende Väter gehandelt habe. In dieser Verquickung des Allgemeinmenschlichen mit dem Unvergleichlichen des Verbrechens bezieht die Oper eine radikale Position: Es kann keine Neutralität, keine Gnade geben.

          Wenn das Böse banal sei, wie Arendt schrieb, dann ist auch Liebe nur ein Wort, behauptet Milch-Sheriff mit der Oper. Der auf zwei Sängerinnen – eine junge, eine alte – gesplitteten Hannah-Figur wird im Regensburger Theater der Prozess gemacht. Heidegger ist als junger Professor in Marburg mehr ein Fall für die aktuelle MeToo-Debatte und später, auch er von zwei Sängern dargestellt, nur ein verlogener alter Sack, dem freilich die junge Hannah das symbolische Blut, das an ihm klebt, aus seinem Gesicht wischt. In der zentralen Szene des Eichmann-Prozesses in Israel sitzt dann auch Arendt auf der Anklagebank, nicht Eichmann.

          Ella Milch-Sheriff ist eine kluge, mit den musikalischen Genres mobileartig lavierende Komponistin. Ein dissonanter Grundton rauht alles Klangliche auf. Das Marburg-Lied der Burschenschaftler kommt gleich zu Anfang wörtlich daher, Heideggers erster Auftritt mit Mandoline erinnert an Beckmesser in Richard Wagners „Meistersingern“. Überhaupt hat Milch-Sheriff tief in Wagners Mottenkiste gegriffen. Eine Mischung aus „Tristan-Akkord“ und den Verwandlungsszenen aus dem „Rheingold“ tönt mehrfach durch und steht für das Falsche, in dem es kein Richtiges geben kann.

          Viel schicksalhafte Paukenchronologie und derbes Blech gliedern und kommentieren die als Erinnerung der alten Hannah Arendt in New York aufgereihte Handlung. In der vom Regisseur Itay Tiran und vom Ausstatter Florian Etti passend gruselig gestalteten Eichmann-Prozessszene gibt es choralartige Orgellinien als Zeichen der Mitschuld der Kirchen am Holocaust. Der jüdische Staatsanwalt Hausner (Mario Klein) erscheint wie ein Großinquisitor. Hannah Arendt sitzt im Plexiglaskäfig wie vor dem Gerichtshof für Menschenrechte in Den Haag und damit auch klanglich im Fegefeuer. Mittendrin regnet es Judensterne, sogar ins Publikum. Im nicht enden wollenden Schlussapplaus des auch aus Israel angereisten Publikums werden weiße Rosen auf die Bühne geworfen.

          Der trefflich ausstaffierte Chor (Einstudierung: Alistair Lilley) – mal als vervielfältigte alte Hannah Arendt des Jahres 1975, mal als Volk jüdischer Ankläger, dann als New Yorker Hippies – agiert ebenso griechisch-statisch wie gesanglich straff und höchst intonationssicher. Sara-Maria Saalmann singt die junge Hannah Arendt – nach einem Schluck Blut aus Heideggers Adern – rührend, philosophenbesoffen, exzentrisch. In einer Art Mephistowalzer als Grapschmetapher wirbelt der junge Heidegger (diabolisch-düster: Angelo Pollak) mit Hannah recht elastisch über die Bühne. Vera Semieniuk gibt die alte Arendt mit stimmlich und gedanklich unbeirrbarem Tiefgang. Adam Kružel sieht dem alten Heidegger auch noch auf der Premierenfeier erschreckend ähnlich. Gesungen und gespielt hat der Bariton einen spießigen Lehrer, der sich vor der Verantwortung ins Drumrumphilosophieren verdrückt. Da könnte einem schlecht werden.

          Den Dirigenten Tom Woods möchte man mit dem bravourös diese Horror-Revue meisternden Orchester bald wieder erleben. Es ist ein virtuoser Opernabend, der Fragen aufwirft, die nicht einfach zu beantworten sind.

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