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Oper über Arendt und Heidegger : Komm, mach schon, zeig mir das Sein!

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Wenn das Böse banal sei, wie Arendt schrieb, dann ist auch Liebe nur ein Wort, behauptet Milch-Sheriff mit der Oper. Der auf zwei Sängerinnen – eine junge, eine alte – gesplitteten Hannah-Figur wird im Regensburger Theater der Prozess gemacht. Heidegger ist als junger Professor in Marburg mehr ein Fall für die aktuelle MeToo-Debatte und später, auch er von zwei Sängern dargestellt, nur ein verlogener alter Sack, dem freilich die junge Hannah das symbolische Blut, das an ihm klebt, aus seinem Gesicht wischt. In der zentralen Szene des Eichmann-Prozesses in Israel sitzt dann auch Arendt auf der Anklagebank, nicht Eichmann.

Ella Milch-Sheriff ist eine kluge, mit den musikalischen Genres mobileartig lavierende Komponistin. Ein dissonanter Grundton rauht alles Klangliche auf. Das Marburg-Lied der Burschenschaftler kommt gleich zu Anfang wörtlich daher, Heideggers erster Auftritt mit Mandoline erinnert an Beckmesser in Richard Wagners „Meistersingern“. Überhaupt hat Milch-Sheriff tief in Wagners Mottenkiste gegriffen. Eine Mischung aus „Tristan-Akkord“ und den Verwandlungsszenen aus dem „Rheingold“ tönt mehrfach durch und steht für das Falsche, in dem es kein Richtiges geben kann.

Viel schicksalhafte Paukenchronologie und derbes Blech gliedern und kommentieren die als Erinnerung der alten Hannah Arendt in New York aufgereihte Handlung. In der vom Regisseur Itay Tiran und vom Ausstatter Florian Etti passend gruselig gestalteten Eichmann-Prozessszene gibt es choralartige Orgellinien als Zeichen der Mitschuld der Kirchen am Holocaust. Der jüdische Staatsanwalt Hausner (Mario Klein) erscheint wie ein Großinquisitor. Hannah Arendt sitzt im Plexiglaskäfig wie vor dem Gerichtshof für Menschenrechte in Den Haag und damit auch klanglich im Fegefeuer. Mittendrin regnet es Judensterne, sogar ins Publikum. Im nicht enden wollenden Schlussapplaus des auch aus Israel angereisten Publikums werden weiße Rosen auf die Bühne geworfen.

Der trefflich ausstaffierte Chor (Einstudierung: Alistair Lilley) – mal als vervielfältigte alte Hannah Arendt des Jahres 1975, mal als Volk jüdischer Ankläger, dann als New Yorker Hippies – agiert ebenso griechisch-statisch wie gesanglich straff und höchst intonationssicher. Sara-Maria Saalmann singt die junge Hannah Arendt – nach einem Schluck Blut aus Heideggers Adern – rührend, philosophenbesoffen, exzentrisch. In einer Art Mephistowalzer als Grapschmetapher wirbelt der junge Heidegger (diabolisch-düster: Angelo Pollak) mit Hannah recht elastisch über die Bühne. Vera Semieniuk gibt die alte Arendt mit stimmlich und gedanklich unbeirrbarem Tiefgang. Adam Kružel sieht dem alten Heidegger auch noch auf der Premierenfeier erschreckend ähnlich. Gesungen und gespielt hat der Bariton einen spießigen Lehrer, der sich vor der Verantwortung ins Drumrumphilosophieren verdrückt. Da könnte einem schlecht werden.

Den Dirigenten Tom Woods möchte man mit dem bravourös diese Horror-Revue meisternden Orchester bald wieder erleben. Es ist ein virtuoser Opernabend, der Fragen aufwirft, die nicht einfach zu beantworten sind.

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