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Oper „Wozzeck“ in Berlin : Der Mensch, er singe Qual und Pein

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Leben und Sterben in mörderischer Welt: Roman Trekel als Wozzeck und Nadja Michael als Marie Bild: dpa

Der Schrecken als unausweichliche Gesetzmäßigkeit des Bösen: Andrea Breth und Daniel Barenboim bringen an der Berliner Oper einen umwerfenden „Wozzeck“ auf die Bühne.

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          Das Konzentrationslager und die Pornographie seien die beiden großen Metaphern des zwanzigsten Jahrhunderts, schreibt Imre Kertész in seinem „Galeerentagebuch“. Dieser Satz drängt sich ins Bewusstsein, während man im Ausweichquartier Schillertheater der Berliner Staatsoper die ersten Takte von Alban Bergs 1921 vollendeter Büchner-Oper „Wozzeck“ hört. Was hat der vermeintlich so konziliante Schönberg-Schüler Berg dem anbrechenden Jahrhundert alles abgelauscht! Mit welcher Folgerichtigkeit hat dieser seismographische Komponist – der beileibe nicht jener letzte Romantiker war, zu dem ihn die Musikgeschichte stilisieren möchte – die Schrecken seiner Zeit musikalisch zu Ende gedacht und in die Zukunft projiziert!

          Man spürte immer schon, dass Andrea Breth als Regisseurin eine uneitle Wahrhaftigkeitsfanatikerin ist, die sich von keinem modischen Einfall, ja nicht einmal von der eigenen, überbordenden Phantasie zu einem Bild hinreißen ließe, das nicht aus dem dramatischen Text motiviert wäre. An vielen ihrer Operninszenierungen hat man das bewundern können. Mit diesem „Wozzeck“ aber, der jetzt die Festtage der Staatsoper eröffnete, hat Andrea Breth sich selbst übertroffen. Die visionäre Strenge, mit der sie das beliebte Stück aus der Inszenierungsfalle des Arme-Leute-Kitsches herausholt, trifft sich dabei mit Daniel Barenboims bezwingender Durchdringung der Partitur am Pult seiner transparent, strömend und prägnant spielenden Staatskapelle. Bergs Espressivo kommt beseelt zur Geltung, ohne dass die Radikalität dieser drastischen, die Brutalität des Geschehens bis in kleinste Gesten hinein registrierenden Musik ins Wienerisch-Versöhnliche geglättet würde.

          Eine Essenz des Grauens

          Andrea Breths Inszenierung enthält sich jeglicher Anspielung auf die Gegenwart – und gerade das macht sie umso aktueller. Statt das Schicksal des armen Soldaten Wozzeck auszupinseln, den die Verhältnisse erst zum Mord an seiner Geliebten und dann in den Selbstmord jagen, stellt sie den Schrecken, von dem die Oper handelt, nackt, als eine unausweichliche Gesetzmäßigkeit des Bösen auf die Bühne. Eine Essenz des Grauens. Die Perversion aller ethischen Werte durch eine totalitäre Logik der Ausbeutung, die den Menschen auf ein bloßes, auszuschlachtendes Material reduziert. Das Lager und die Pornographie . . .

          Martin Zehetgrubers Bühnenbild zeigt einen sechseckigen Bretterverschlag: einen barackenartigen Schuppen mit verschiedenen Eingängen und Kammern, wie man ihn bisweilen von Sanitäranlagen auf Autobahnparkplätzen kennt. Spielen die ersten Szenen – Wozzeck rasiert seinen Hauptmann und wird vom Doktor sadistischen Experimenten unterzogen – noch im Inneren dieser stallähnlichen Kammern, so gibt die Bühne allmählich den Blick frei auf die Totale des Sexagons, das sich dreht wie ein Karussell der Grausamkeiten. Die ersten, noch Normalität suggerierenden Szenen erhalten auf diese Weise nachträglich eine zusätzliche schockierende Wirkung, da man sie rückblickend als Bestandteile eines umfassenden Mechanismus wahrnimmt. Dies auch, weil Andrea Breth die oft als Karikaturen dargestellten Figuren des Hauptmanns und des Doktors nicht als übergeschnappte Monstra zeigt, sondern als biedere, durch und durch alltägliche Bürger.

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