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Oper : Wenn die Gespenster wiederkommen

Alles im Fluss: Charlotte Hellekant als Murasame (oben links) und Barbara Hannigan als Matsukaze (oben rechts) Bild: dpa

Gefangen im Spinnennetz der Existenz: Bei der Brüsseler Uraufführung von Toshio Hosokawas Oper „Matsukaze“ sind die Tänzer von Sasha Waltz gefangen zwischen Traum, Tod und Leben. Ein unvergessliches Gesamtkunstwerk.

          Es passiert nichts. Es dauert nicht lange. Es tut nicht weh. Sieht aber schön aus. Rätselhaft und wundervoll. Und nun? Wohin gehen wir jetzt essen? Das ist, kurzgefasst, der erste Oberflächeneindruck, den die neue Oper „Matsukaze“ von Toshio Hosokawa in den Gemütern hinterlässt. Ratlosigkeit malt sich ab in den Mienen der Gäste, die das Théâtre La Monnaie in Brüssel nach der Uraufführung verlassen. Auch die Garderobenfrauen haben das schnell mitgekriegt, sie fassen sicherheitshalber nach und erkundigen sich: „Et vous? Sie hatten doch Vergnügen?“

          Eleonore Büning

          Redakteurin im Feuilleton.

          Nein, liebe Dame, das ist das falsche Wort! Wer geht denn heute noch in die Oper zum Pläsier? Sollten wir hier nicht etwas über uns lernen, Erschütterung oder wenigstens ein paar Katharsis-Piekser verspüren - wobei übergroße Schönheit automatisch ergreift und von Vorteil ist, jedoch ein Übermaß an Redundanz fast ebenso automatisch ein Ärgernis? Hosokawas neues Werk „Matsukaze“, inszeniert und choreographiert von Sasha Waltz und koproduziert mit der Berliner Lindenoper, dauert eineinhalb Stunden und langweilt keine Sekunde, obwohl es redundant ist.

          Die Gesten wachsen eine aus der anderen

          Wie das? Es liegt wohl zunächst daran, dass diese sechshundert Jahre alte Geschichte, die der Nô-Meister Zeami Motokiyo im 15. Jahrhundert aufzeichnete, so anfängt, wie sie aufhört: Das Meer rauscht, der Wind weht in den Kiefern, und Nomen wird zu Omen, denn „Matsukaze“ bedeutet genau dies: „Wind in den Kiefern“. Wie bereits bei seinen beiden ersten Opern „Visions of Lear“ (München 1997) und „Hanjo“ (Aix 2004) greift Hosokawa zurück auf einen überaus bekannten und beliebten Nô-Theater-Klassiker.

          Die deutsche Tanzmeisterin ist längst ein Klassiker: Choreographin Sasha Waltz

          Auch die Körpersprache der Waltz-Compagnie ist längst ein Klassiker. Man könnte, was die strenge Handschrift dieser deutschen Tanzmeisterin betrifft, ähnlich dem Nô-Theater sogar von Regeln oder Formeln sprechen - nur eben nicht von Erstarrung, denn das Prinzip dieser Choreographien ist, ganz im Gegenteil, das der entwickelnden Variation: Alles befindet sich im Fluss bei Sasha Waltz, ihre Tänzer steigen hinein und anders wieder heraus, die Gesten wachsen eine aus der anderen. So hätte man, zum Beispiel, leicht voraussagen können, wie sepiafarben viskoseschlabberig und seidenknitterig ihre Tänzer auch hier in Brüssel wieder gekleidet sind, wenn sie einzeln herbeieilen und mit den Fingern, Händen, Armen, Beinen nachtrillern, was die Flöten- oder Harfenmelodie im Orchester gerade vorgemalt hat.

          Ins Zwischenreich zwischen Traum und Tod und Leben

          Dieses „Mickeymousing“ ist schon so etwas wie das Waltzsche Markenzeichen. Vorhersehbar auch, wie so eine japanische Kiefer im Wind aussieht, wenn sie von Waltz-Tänzern formiert wird: mit der typischen fließend synchronen Schlangenbewegung, die die Taille perfekt zum U und den Körper zum S biegt. Aber wie die dicht gefügte Orchestersprache Hosokawas mit den fließenden Waltzschen Bewegungsformen zusammengeht; wie dieser aus der geräuschhaften Stille aufkeimende und in sie zurücksinkende Organismus aus Tönen sich in den Raum hinein verlängert; wie sich die Tableaus in Bewegung setzen und Sichtbares aus Unsichtbarem dergestalt entsteht, dass man oft gar nicht sagen kann, wo das eine aufhört und das andere anfängt: das ist doch wieder eine unerwartete Neuigkeit und ein großes Glück.

          Im Vorspiel murmeln die Wellen, summt der Chor, läuten metallisch die japanischen Windglocken, malen die Tänzer menetekelmäßig unsichtbare kalligraphische Zeichen an eine schwarze Wand: Tabula rasa. Ein Wandermönch (Frode Olsen) wandelt herbei, sein Gesang bleibt, wie im Nô-Theater, linear auf einer Tonhöhe, die Varianz der Deklamation schmal. Dieser Mönch trifft auf den Fischer (Kai Uwe Fahnert), erfährt so von der uralten Geschichte der beiden Schwestern Matsukaze und Murasame („Herbstregen“), die einst den gleichen Mann liebten, schläft ein. Und da beginnt die schwarze Wand sich zu bewegen, sie rutscht an die Rampe und offenbart sich als ein dicht verwebtes Nornen-Netz des Schicksals, passierbar nur für wenige, die biegsam und opferwillig genug sind, einzutauchen in das Zwischenreich zwischen Traum und Tod und Leben. Die japanische Künstlerin Chiharu Shiota hat diese spektakuläre Installation eigens für die Inszenierung geschaffen.

          Gewitter aus Mikadostäben

          In das Albtraum-Dickicht verstrickt wie Nachtfalter in einen Kokon, klettern, taumeln und fliegen nun Matsukaze (Barbara Hannigan) und Murasame (Charlotte Hellekant) zu dem Träumer herab, sie singen und klagen in triolenverdrechselten Verzierungen über ihre vergebliche Liebe zu dem Adligen Yukihira, von dem sie nur noch Mantel und Hut in Händen hielten, als er sie verließ und starb; ihre Stimmen verschlingen sich zu inbrünstigen Schattenduetten. Denn Matsukaze und Murasame sind Gespenster. Sie kehren nun Nacht für Nacht wieder, weil ihre Liebe auf dieser Welt zu groß war, als dass sie sie verlassen könnten.

          Wie sie nun doch erlöst werden aus dieser „Anhaftung“ (wie Hosokawa es passend nennt); wie der reinigende Herbstregen als ein gewaltiges, aus dem Schnürboden hagelndes Gewitter aus Mikadostäben auch endlich dem Kiefernwind Frieden bringt wie das Kammerorchester des Monnaie-Theaters unter der Leitung von Pablo Heras-Casado just in diesem Augenblick punktgenau zu stattlichen Klanggewittern ausbricht und wie die Hellekant und die Hannigan, singend und tanzend beide Schwestern, mit den Tänzern zu einer Skulptur verschmelzen: all das sind unvergessliche Augenblicke an diesem Gesamtkunstwerk-Abend. Fehlte nur noch, dass die Waltzschen Tänzer das Singen anfangen.

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