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Oper über Anna Nicole Smith : Der Bösewicht filmt alles mit

Erst hatte sie kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu: Elissa Huber als Anna Nicole Smith Bild: Karl und Monika Forster

Glitzerndes Spektakel mit Abgründen: In Wiesbaden gibt Elissa Huber eine anmutig-schrille „Anna Nicole“, deren echtes Schicksal mindestens ebenso dramatisch ist wie das anderer Opernheldinnen.

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          Erst nach zweieinhalb Stunden merkt das Publikum, dass es Teil dieser Oper ist. Weil sie so endet, wie sie begonnen hat: mit der toten Anna Nicole, die sich von allen verabschiedet. „I wanna blow you all!“, ruft sie, was am Anfang noch Gekicher auslöste, ehe sie hinzufügte: „A kiss.“ Als Witzfigur stand sie zu Beginn da, im silbernen Glitzerkleid, blendend aussehend. Am Ende trägt sie einen plüschenen Strampelanzug und verschmiertes Clowns-Make-up im Gesicht, und trotzdem ist sie alles andere als eine Witzfigur. Es ist aber nicht Anna Nicole, die eine Wandlung durchgemacht hat im Laufe der Oper. Sie ist immer dieselbe geblieben. Die Wandlung findet im Publikum statt.

          Eine Oper über Anna Nicole Smith, das Busenwunder, das einen eulenalten Milliardär heiratete, angeblich der Liebe wegen – der Stoff wirkt auf den ersten Blick überraschend. Aber sie war die einzige Übereinstimmung, als der Komponist Mark-Anthony Turnage und der Librettist Richard Thomas unabhängig voneinander auf Zetteln notierten, über welche Persönlichkeit sie gern eine Oper schreiben würden. Das Royal Opera House in London war nicht begeistert von der Idee und fragte an, ob man nicht stattdessen eine Oper über Marilyn Monroe schreiben könne. Doch man muss Turnage und Thomas recht geben: Das Leben von Anna Nicole Smith ist absolut operntauglich. Und ihre Ehe mit dem greisen Milliardär ist nur ein Bruchteil davon, nicht mal einer der dramatischeren.

          In der Wiesbadener Inszenierung von Bernd Mottl steht Anna Nicole die ganze Zeit genauso im Fokus der Aufmerksamkeit wie im echten Leben. Der Chor steht auf einer Tribüne, erlebt alles mit, kommentiert, fühlt mit, lässt sie in entscheidenden Momenten im Stich – genau wie die Öffentlichkeit damals, die zwar fasziniert, aber doch mit Verachtung für die Blondine schnell dabei war. Friedrich Eggert hat die Bühne gleichmäßig mit Glitzer überzogen und alle Chorsänger als amerikanische Stereotypen ausstaffiert: der Cheerleader, der Mets-Fan, der Hippie, die Schönheitskönigin. Besser könnten die Kostüme die Inszenierung kaum unterstützen.

          Da bleibt kein Raum für Skepsis

          Der so exponierte Chor prescht im ersten Akt etwas unkonzentriert voran, das Orchester schleppt sich mit seinem Dirigenten Albert Horne hinterher. Erst später finden sie zusammen. Turnages Komposition verlangt nicht nur ein klassisch besetztes Orchester, sondern auch E-Gitarre und E-Bass sowie Saxophon, Banjo und ein Schlagzeug wie in der Rockmusik. Seine dritte Oper hat viele Jazz-Elemente mit genussvoll ausgewalzten Dissonanzen, dazwischen scheppert träge ein Blues, ehe Anna Nicole ihren Lebensgefährten wieder in Koloraturen anschreit. Elissa Huber ist ein Glücksfall für diese Rolle: Sie war Musicaldarstellerin, ehe sie ins klassische Fach wechselte. Deshalb bringt sie nicht nur eine hohe stimmliche Flexibilität mit, sondern auch eine physische Selbstsicherheit, mit der sie die Szenerie problemlos beherrscht. Wenn sie mit gleißender Klarheit das Wort „Mine!“ auf die Bühne knallt, als Anna Nicole sich ihren Milliardär schnappt, bleibt kein Raum für Skepsis. Sie ist ständig in Bewegung, sie beherrscht das schrille, vulgäre Heraustreten aus dem Gesang, und sie hat eine bewegte Mimik sowie ein herausragendes Timing für Pointen.

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